Jesus-Grab: "Klares Beispiel fehlgeleiteter Archäologie"
Jerusalem-New York-Wien, 28.2.07 (KAP) Als "klares Beispiel einer fehlgeleiteten Archäologie" hat der Franziskanerpater Michele Piccirillo, einer der führenden christlichen Archäologen des Heiligen Landes, den umstrittenen James-Cameron-Film über das angebliche Jesus-Grab in Jerusalem bezeichnet. An den neuen "Enthüllungen" gebe es "nichts Wissenschaftliches", dahinter steckten rein kommerzielle Interessen, betonte der Franziskaner im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR am Mittwoch.
Die auf den Urnen von Talpiot gefundenen biblischen Namen wie Jesus, Maria usw. seien vor 2.000 Jahren in der Region weit verbreitet gewesen. Sie seien auch auf anderen Friedhöfen gefunden worden, sagte P. Piccirillo, der seit Jahrzehnten im Auftrag seines Ordens große Grabungs- und Forschungsprojekte in Israel, dem Westjordanland und Jordanien durchführt.
Im übrigen sei die Vorstellung fantasievoll, man würde in Jerusalem Gräber von Personen aus Galiläa finden, meinte der Experte. Im Hinblick auf das Cameron-Opus sagte P. Piccirillo wörtlich: "Wir stehen vor einem irregeleiteten Gebrauch der Archäologie, die bei uns wie andernorts unter dem Diktat der kommerziellen Nutzbarkeit steht, oder vielleicht auch, um Bosheiten gegen die Kirche zu fördern".
Ein "Riesenschwindel"
Die US-amerikanische katholische Organisation "Catholic League" hat den angeblichen Fund des Grabes Jesu in Jerusalem als "Riesenschwindel" bezeichnet. Die entsprechende TV-Dokumentation des Senders "Discovery Channel" sei eine weitere "lächerliche Hollywood-Produktion", erklärte die Organisation in New York. Alle Jahre wieder entstünden derartige Produkte, die Jesu Auferstehung anzweifelten.
Am Montag hatten Archäologen und kanadische Filmemacher, unter ihnen Oscar-Preisträger James Cameron ("Titanic"), in New York ihre "Untersuchungsergebnisse" einer antiken Grabhöhle in Jerusalem vorgestellt. Der an den Arbeiten beteiligte israelische Archäologe Amos Kloner hatte die fantasievollen Interpretationen Camerons und seiner Kollegen bereits im Vorfeld zurückgewiesen.
"Eine Erheiterung für die Theologie"
Ihm sei "jeder Anlass willkommen", um ernsthaft über das Leben und Wirken Jesu zu reden - auch wenn es sich beim Anlass um nicht ernst zu nehmende "Entdeckungen" handelt wie die von James Cameron und seinem Kollegen Simcha Jacobovici: Das betonte der Wiener Pastoraltheologe Prof. Paul M. Zulehner am Mittwoch in einem Interview mit den "Salzburger Nachrichten" im Hinblick auf den neuen "Dokumentarfilm" "The Lost Tomb of Jesus". Es geschehe immer wieder, dass rund um biblische Gestalten Sensationsmeldungen entstehen, dies gebe Christen die "Chance, der Fiktion die Wahrheit entgegenzuhalten". So gesehen hätten solche Anlässe "eine Art erwachsenenbildnerischen Wert, betonte Prof. Zulehner: Die jetzigen Sensationsmeldungen über die Entdeckung eines angeblichen Grabes Jesu samt sterblicher Überreste seien für die Theologie "eine Erheiterung". Für die christliche Glaubensüberzeugung sei irdische Materie samt ihren DNA-Ketten nicht relevant: "Auferstehung ist eine Neuschöpfung durch Gott mit einem anderen, nicht mehr sterblichen Leib", umschrieb der Wiener Theologe die biblische Überlieferung.
Immer wieder auftauchende Spekulationen über eine Ehe Jesu mit Maria Magdalena, über einen Sohn als Frucht dieser Verbindung bewertete Zulehner als Sehnsucht nach einer "bürgerlichen Erlösung". Der griechische Dichter Nikos Kazantzakis (1883-1957) habe in seinem - später auch verfilmten - Buch "Die letzte Versuchung Christi" auch die Vorstellung durchgespielt, dass es doch einfacher gewesen wäre, hätte Jesus die Menschen bürgerlich "erlöst", "mit Frau und Kindern, als angesehener Rabbi mit einer großen Schule". Dieser Wunsch breche sich immer wieder Bahn, jetzt eben bei modernen Romanautoren und Filmemachern. Zulehner: "Aber die bequeme Fassung ist nicht immer das, was wahr ist. Es bleibt beim Ärgernis des Kreuzes und beim österlichen Sieg Gottes über den Tod".
