175 Jahre im Dienst der Barmherzigkeit und Nächstenliebe
Wien, 1.3.07 (KAP) Die sozial-karitativen Frauenorden sind heute etwas wie ein "Ferment", damit das soziale Netz nicht "abstumpft". Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn am Donnerstagabend beim Festakt zum 175-Jahr-Jubiläum der Barmherzigen Schwestern in Wien. Zu diesem Festakt hatte Bürgermeister Michael Häupl in den Festsaal des Wiener Rathauses eingeladen.
Der Geist christlicher Nächstenliebe, aus dem heraus die Barmherzigen Schwestern und viele andere karitative Ordensgemeinschaften wirksam wurden, habe sich in Wien im positiven Sinn "institutionalisiert" und sei zur Selbstverständlichkeit geworden, stellte der Wiener Erzbischof fest. Aber die hohen karitativen Standards in Wien und Österreich seien nicht mit einer "Bestandsgarantie" ausgerüstet, sie bedürften vielmehr der Pflege im Geist des Evangeliums. Hier sei es die heutige Aufgabe der Barmherzigen Schwestern, die "Prägekraft des Evangeliums" zu erhalten. Wörtlich sagte Kardinal Schönborn: "Wir brauchen vorbildlich gelebte Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Wir brauchen Menschen, die uns zeigen, wo dafür die Quellen sind, wie wir es anstellen, dass sie nicht austrocknen. Wir brauchen weiter die Barmherzigen Schwestern".
Eingangs hatte der Wiener Erzbischof daran erinnert, wie "unvorstellbar viel" Hunderte von Frauen als geistliche Schwestern im 19. und 20. Jahrhundert geleistet hatten. Diese Frauen seien in das rasch expandierende Wien von damals gekommen, um "mitten hinein zu gehen in die Brennpunkte sozialer Not", sie hätten vor keiner Not die Augen verschlossen: "Sie etablierten sich nicht auf der Seite der schon Erfolgreichen, sondern gingen dorthin, wo die Not am größten war". Für diese Frauen gebe es keine Denkmäler, aber aus Anlass der 175-Jahr-Feier solle dankbar an sie erinnert werden: "Sie haben gepflegt, geholfen, geheilt, getröstet. Sie haben unter großen Entbehrungen soziale Einrichtungen geschaffen, noch lange bevor es den heutigen Sozialstaat gab". Die Barmherzigen Schwestern hätten Wien und Österreich mit einem Netzwerk von Armenschulen, Waisenhäusern, Spitälern und Heimen überzogen, das "in vielem ein Vorläufer des heutigen Sozialnetzes war". In dieser "Alltagsgeschichte der Nächstenliebe" liege ein spannendes Arbeitsfeld für die Geschichtsforschung.
Der Dank gehe aber nicht nur in die Vergangenheit, betonte Kardinal Schönborn. Auch heute seien die Barmherzigen Schwestern und viele andere Ordensgemeinschaften unter ganz anderen Verhältnissen wirksam. Freilich sei es eine "schmerzliche Tatsache", dass diese Gemeinschaften heute wenig Nachwuchs haben. Das hänge einerseits mit den klein gewordenen Familien zusammen, andererseits aber auch damit, dass der moderne Sozialstaat "viel vom sozialen, karitativen Engagement der geistlichen Schwestern geerbt hat".
Es begann 1832
Die Barmherzigen Schwestern leben nach der Regel des Heiligen Vinzenz von Paul (1581-1660). Der Priester galt im Frankreich des 17. Jahrhunderts als "das Gewissen des Königreichs". Er wird als Begründer der neuzeitlichen Caritas betrachtet.
Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul in Wien-Gumpendorf wurde am 2. März 1832 gegründet. An diesem Tag bezog Schwester Josefa Nikolina Lins aus Zams in Tirol mit drei Gefährtinnen ein kleines Haus im damaligen Wiener Vorort Gumpendorf. Von dort wurden bald neue Niederlassungen gegründet, etwa in Linz, im mährischen Kremsier (Kromeriz) oder im heute zu Rumänien gehörenden Satu-mare. Die Kongregation erlebte eine große Blütezeit vom Ende des 19. bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg wirkten fast 1.000 Schwestern in 59 Niederlassungen.
Heute gehören zu der vom Orden gegründeten "Vinzenz Gruppe" Krankenhäuser und Altersheime, Schulen, Landwirtschaftsbetriebe und Kindergärten. In diesen Betrieben sind insgesamt rund 5.000 Menschen beschäftigt; die Schwestern bemühen sich, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Geist des Heiligen Vinzenz von Paul zu bilden.