"Eine Sternstunde des österreichischen Journalismus"
Wien, 6.3.07 (KAP) Als eine "Sternstunde des österreichischen Journalismus" bezeichnete der katholische Publizist und frühere Chefredakteur der "Kleinen Zeitung", Fritz Csoklich, die ORF-Reform, die sich in diesen Tagen zum 40. Mal jährt. Grundlage der Reform, aus der u.a. die Religionsabteilungen des ORF hervorgegangen sind, war ein von österreichischen Journalisten unter Federführung des damaligen "Kurier"-Chefredakteurs Hugo Portisch initiiertes Volksbegehren. Das Volksbegehren wurde von mehr als 800.000 Menschen unterzeichnet und führte 1967 zur Einsetzung Gerd Bachers als neuer ORF-Generalintendant.
"Wert des kritischen Journalismus nimmt ab"
Wie Csoklich, der zu den Triebfedern des Volksbegehrens zählte, im Gespräch mit "Kathpress" betonte, habe damals unter den österreichischen Journalisten eine "enorme Unzufriedenheit wegen des Parteienproporzes der beiden Großparteien" geherrscht. Das Volksbegehren war "von dem Wunsch getragen, diese politische Einflussnahme zurückzudrängen", so Csoklich. Gerd Bacher müsse in diesem Reformprozess, der am 1. Jänner 1967 in ein neues Rundfunkgesetz mündete, als "Kulminationspunkt der Reformbewegung" gesehen werden.
Die derzeitigen Reformbestrebungen des ORF könnten - so Csoklich - "vor dem Hintergrund der damaligen Aufbruchsstimmung höchstens als 'Reförmchen'" bezeichnet werden. Heute drohe zwar kein Rückfall in den damaligen Proporz, jedoch sehe er die Gefahr, dass "gerade auf den unteren redaktionellen Ebenen das Pathos der damaligen Bewegung verloren geht und verschlampt wird". Insgesamt hat laut Csoklich "in Österreich der Wert des kritischen Journalismus deutlich abgenommen".
Karlberger: Es geht um die Ökumene
Zu den treibenden Kräften der ORF-Reform von 1967 zählte auch der einstige Leiter der ORF-Hauptabteilung Religion-Radio, Prof. Walter Karlberger. Im Gespräch mit "Kathpress" zeigte sich Karlberger "leicht enttäuscht" von den heutigen Reformbemühungen des ORF. Mitunter fehle es im Radiobereich an "Mut und Energie", die durch die Reform von 1967 geschaffenen Freiräume für Kirche und Religion "kreativ zu nutzen", so Karlberger. Damalssei aus dem einstigen "Kirchenfunk" die eigenständige "Hauptabteilung Religion" geworden. Heute sei ein "Manko" das Verblassen der "ökumenischen Zusammenarbeit". Zwar gebe es weiterhin Sendungen mit ökumenischen Schwerpunkten, jedoch sei es ein "gravierender Unterschied, ob man eine Einzelsendung zur Ökumene gestaltet, oder vom Ansatz her ökumenisch arbeitet", so Karlberger.
Die 1997 eingestellte Sendung "Ökumenische Morgenfeier" habe wesentlich dazu beigetragen, dass es in Österreich ein hervorragendes "ökumenisches Klima" gibt, erinnerte Karlberger. In der Zusammenarbeit bei der "Ökumenischen Morgenfeier" seien die führenden Vertreterinnen und Vertreter der christlichen Kirchen in Österreich einander nahe gekommen. Karlberger räumte aber ein, dass es nach wie vor im ORF "hervorragende religionsjournalistische Arbeit" gibt; dies gelte vor allem - aber nicht nur - für den Bereich des Fernsehens.
Walter Karlberger gehörte 1967 einer "Kreativgruppe" an, die unter Generalintendant Bacher die Neustrukturierung des ORF konzipieren sollte. Weitere Mitglieder dieser Gruppe waren der "Kurier"-Journalist Alfred Payrleitner, der damalige VP-Generalsekretär Heribert Steinbauer und der von Gerd Bacher eingesetzte Hörfunkdirektor Alfred Hartner.
Zu Gerd Bacher pflegte Karlberger nach eigener Auskunft ein "kritisches Nahverhältnis". So konnte Karlberger unter Bacher "recht frei schalten und walten" und in der Folge neue Sendekonzepte entwickeln, darunter die bis heute erfolgreichen "Gedanken für den Tag" (Ö 1), "Einfach zum Nachdenken" (Hitradio Ö 3), "Orientierung" (ORF-Fernsehen). Aber auch die regelmäßigen Radio-Gottesdienstübertragungen waren ihm ein Herzensanliegen.
Seit 1967 sei es im ORF um den Versuch gegangen, "christliche Verkündigung" radioverträglich zu machen, sagte Karlberger. In der Verkündigung habe man damals "ganz in der Aufbruchsstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils" neue Wege gesucht. Das müsse auch heute bestimmend sein.