Das Erbe Kardinal Königs bleibt
Wien, 12.3.07 (KAP) Die katholische Kirche in Österreich gedenkt in diesen Tagen des Wiener Alterzbischofs, Kardinal Franz König, der vor drei Jahren - am 13. März 2004 - im 99. Lebensjahr verstorben ist. Das Andenken an Kardinal König sei in vielfacher Weise wach; man müsse bei einer Reihe aktueller Fragen wie etwa der Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils König zitieren, so der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl am Montag im Gespräch mit "Kathpress".
Vor drei Jahren wurde der Stephansdom beim Requiem für Kardinal König zum Ort einer großen europäischen Bischofsversammlung: "Im Namen des Papstes" hatte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger, der Dekan des Kardinalskollegiums, die Weltkirche vertreten. Kardinal Christoph Schönborn leitete die Messfeier. Der Dom war beim Requiem für Kardinal König bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch auf dem Stephansplatz hatten sich trotz des nasskalten Wetters tausende Menschen versammelt.
Bereits in den Tagen davor hatten zigtausende Menschen in Stille und Gebet von Kardinal König Abschied genommen dessen sterbliche Hülle in der Vierung des Doms aufgebahrt war. Sowohl beim Requiem als auch bei der Aufbahrung hatten viele Menschen Tränen in den Augen. Auffallend war der hohe Anteil junger Leute unter den Trauernden. Priester und Laien, Katholiken und Nichtkatholiken bezeichneten das Begräbnis von Kardinal König einmütig als ein "tiefes spirituelles Ereignis", in dem noch einmal deutlich wurde, wie sehr Kardinal König aus der Botschaft des Evangeliums gelebt hatte.
Mehr "Pontifex" als mancher Papst - so beschrieb der katholische Publizist, Historiker und Vatikanspezialist Hansjakob Stehle den verstorbenen Wiener Alterzbischof Kardinal Franz König nach dessen Tod. In einem Nachruf würdigte er König als "einen Wege bahnenden Brückenbauer". Dabei habe König "nie einer kirchenfürstlichen Pose" bedurft, um glaubhaft den Dialog zwischen Religionen und Konfessionen, Gläubigen und Nichtglaubenden, zwischen Tradition und Erneuerung zu fördern".
Buch als Bestseller
Der Platz vor dem Wiener Kardinal-König-Haus - dem Bildungshaus der Jesuiten im 13. Bezirk - heißt seit zwei Jahren offiziell "Kardinal-König-Platz". Das Kardinal-König-Buch "Gedanken für ein erfülltes Leben" wurde ein Bestseller weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Das im "Styria"-Verlag herausgekommene 190-Seiten-Buch, das die schönsten Texte des "Königs der Herzen" festhält, ist mittlerweile in der achten Auflage erschienen. Die beiden Herausgeber des Buches, die langjährige Leiterin des Sekretariats von Kardinal König, Annemarie Fenzl, und der Publizist Prof. Heinz Nussbaumer wurden dafür 2005 vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels mit dem "Goldenen Buch" ausgezeichnet.
Der Erfolg des Kardinal-König-Buches "Gedanken für ein erfülltes Leben" wurde auch "multimedial" fortgesetzt, als der "Styria"-Verlag ein "Hörbuch zum Bestseller" als Doppel-CD herausgebrachte. Auf der CD ist nicht nur die Originalstimme des unvergessenen Kardinals zu hören, sondern - umrahmt von Barockmusik - auch eine Auswahl seiner berührendsten Texte, gelesen von Kammerschauspieler Peter Uray. Auch die beiden Herausgeber Annemarie Fenzl und Heinz Nussbaumer erzählen sehr persönlich über ihre Nähe zum großen Kardinal und über das bleibende "Phänomen König". Dem Hörbuch liegt ein 48-seitiges Booklet über die Quellen des Glaubens und Geistes, der Menschen- und Gottesliebe bei, aus denen Kardinal König sein erfülltes Leben gestaltet hat.
Ihm sei zum Zeitpunkt des Todes Königs gar nicht bewusst gewesen, wie sehr der Kardinal "in den Herzen der Menschen verankert ist" und wie sehr er als Vorbild die Zeit überdauern wird, so Nussbaumer im Gespräch mit "Kathpress". Im Gegensatz zu den kurzlebigen Würdigungen, die der einstige Bundespräsident Rudolf Kirschläger einmal "Friedhöflichkeiten" genannt hatte, verwies Nussbaumer auf die Tatsache, dass Bücher über Kardinal König zu den meist verkauften Büchern des deutschen Sprachraumes zählen.
Lernen vom Sterben Kardinal Königs
Annemarie Fenzl erinnerte am Montag im Gespräch mit "Kathpress" an die letzten Tagen des Kardinals: "Als die Tage mühsamer wurden, war immer deutlicher, woher der Kardinal seine Kraft holte. Nach einer Messfeier sagte er: 'Daraus lebe ich'". In seinem letzten Gespräch mit dem Wiener griechisch-orthodoxen Metropoliten Michael Staikos habe Kardinal König zwei Tage vor seinem Tod betont, die Kirche solle "anstatt den Menschen allzu viele moralische Gebote und Verbote aufzuerlegen, mehr von der Auferstehung sprechen".
Der Kardinal habe sich nie im alleinigen Besitz der Wahrheit gefühlt, betonte Fenzl. Die Wahrheit sei für ihn "ein Gut über uns" gewesen, um das man sich "gemeinsam bemühen" müsse. Bis zuletzt sei der Geist des Kardinals vollkommen klar gewesen. Sein Tod sei ein "friedliches Hinübergehen" gewesen, und seine letzten Worte hätten "Wie schön" gelautet. Sie habe - so Fenzl - durch den Tod Kardinal Königs die Erkenntnis gewonnen, dass man sich auf das Sterben "ein Leben lang vorbereiten muss".
Bedeutung für die Weltkirche
Auf weltkirchlicher Ebene war Kardinal König erstmals beim Zweiten Vatikanischen Konzil in Erscheinung getreten, zu dessen führenden Persönlichkeiten er gehörte. 1965 vertraute ihm Papst Paul VI. die Leitung des neugegründeten vatikanischen Sekretariates für die Nichtglaubenden an (eine Funktion, die er bis 1981 beibehielt).
Als spezifische Aufgabe des Erzbischofs von Wien sah Kardinal König die Überwindung der Isolierung der Kirche im kommunistischen Machtbereich durch Herstellung brüderlicher Kontakte der Kirche in Österreich zu den Nachbarkirchen im Osten. Er selbst reiste als erster "westlicher" Kardinal nach Osteuropa. Bei der ersten dieser Reisen - der Fahrt zum Begräbnis des Zagreber Kardinals Alojzij Stepinac - erlitt er am 13. Februar 1960 bei einem Autounfall schwere Verletzungen. Später unternahm der Kardinal zahlreiche Besuche in fast allen früheren Oststaaten, die stets der Begegnung mit Bischöfen, Priestern und Gläubigen der Kirche dieser Länder dienten. Im Auftrag von Johannes XXIII. fuhr er am 18. April 1963 erstmals in die amerikanische Gesandtschaft nach Budapest, um mit dem dort im Asyl lebenden ungarischen Primas Jozsef Mindszenty zu sprechen. Diese Besuche wiederholten sich in den folgenden Jahren und führten schließlich zur Ausreise Mindszentys.
Dialog über die Grenzen
Von Anfang an bildeten ökumenische Kontakte einen Schwerpunkt von Kardinal Königs Wirken. Durch Besuche beim damaligen Oberhaupt der Orthodoxie, Patriarch Athenagoras von Konstantinopel, beim rumänischen Patriarchen in Bukarest, beim koptischen Patriarchen in Kairo, beim serbischen Patriarchen und zahlreichen anderen führenden Persönlichkeiten wurden entscheidende Kontakte für den Dialog mit den nichtkatholischen Ostkirchen geknüpft. Eine besondere Funktion übernahm dabei die von Kardinal König 1964 gegründete Stiftung "Pro Oriente", die vor allem durch ihre internationalen ökumenischen Symposien dem theologischen Gespräch weit reichende Impulse zu geben vermochte.
Großes Interesse brachte Kardinal König - auch als Wissenschaftler - den nichtchristlichen Religionen entgegen. 1951 gab er das - zum Standardwerk der vergleichenden Religionswissenschaft gewordene und immer wieder neuaufgelegte - Buch "Christus und die Religionen der Erde" heraus. 1956 erschien das "Religionswissenschaftliche Wörterbuch". 1964 leitete er im Rahmen des Eucharistischen Weltkongresses in Bombay das große Religionsgespräch, an dem Vertreter aller Weltreligionen teilnahmen. Auf vielfältige Weise trug Kardinal König zum Dialog der katholischen Kirche mit Judentum und Islam bei.
Religion und Wissenschaft
Ein besonderes Anliegen war Kardinal König stets der Dialog zwischen Religion und Wissenschaft. Auch hier setzte er auf internationaler Ebene zahlreiche Initiativen, zum Beispiel am 1. Juli 1968 in Lindau am Bodensee bei einer Tagung der Nobelpreisträger mit einem Referat zum Thema "Überwindung des Galilei-Traumas im Verhältnis von Kirche und Profanwissenschaft". Er legte damit den Grundstein zur Neuaufrollung des "Falles Galilei" und zur feierlichen Rehabilitierung des italienischen Naturwissenschaftlers durch Papst Johannes Paul II. im Jahr 1992.
Ein besonderen Anliegen war Kardinal König stets der Lebensschutz. In den siebziger Jahren, als überall in Europa die sogenannte Fristenregelung eingeführt wurde, war König der einzige Vorsitzende einer Bischofskonferenz, der mit einer stillen Protestdemonstration vor das Parlament zog. In seiner Aufsehen erregenden Rede vor dem Bundesvorstand des ÖGB 1973 nahm der Kardinal auch auf die gerade ihrem Höhepunkt zusteuernde Abtreibungsdebatte Bezug und warnte vor der "totalen Manipulation des Menschen". Wenn einmal der Grundsatz falle, dass kein Mensch das Recht habe, über das Leben eines anderen Menschen zu verfügen, ganz gleich wie dieses Leben auch aussieht, dann sei der Mensch Material, das nur nach seinem Nützlichkeitswert gemessen werde. "Hier ist es die Pflicht der Kirche, mit aller Entschiedenheit darauf hinzuweisen, dass niemand das Recht hat, schuldloses Leben zu vernichten, dass das Leben allen heilig sein muss", so Kardinal König damals wörtlich. In seinen letzten Jahren setzte er sich besonders für den Hospizgedanken und den Ausbau der Sterbebegleitung ein. Er wollte damit einen Beitrag leisten, allen Bestrebungen nach einer Zulassung aktiver Sterbehilfe zu widerstehen.
Regelung der Konkordatsfrage
Innerhalb Österreichs bestimmte Kardinal König nicht nur als Wiener Erzbischof, sondern auch als Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz die Geschicke der katholischen Kirche maßgeblich mit. König übte die Funktion des Vorsitzenden von 1959 bis 1985 aus.
Die ersten Jahre unter Königs Vorsitz standen im Zeichen der abschließenden Klärung der Konkordatsfrage. Nachdem sich die österreichische Bundesregierung bereits 1957 bereit erklärt hatte, den Vertrag zwischen Österreich und dem Heiligen Stuhl aus dem Jahr 1933 anzuerkennen, konnten 1960 noch vermögensrechtliche Fragen (staatliche Entschädigungen für das von den Nazis eingezogene Kirchenvermögen) und 1962 die Schulfrage gelöst werden.
In die Anfangsjahre von Königs Vorsitz fiel auch die rechtliche Neuordnung der österreichischen Kirche. So errichtete Papst Johannes XXIII. 1960 die Diözese Eisenstadt, die zuvor als Apostolische Administraturvom Wiener Erzbischof bzw. einem eigens bestellten Administrator geleitet wurde. 1964 folgte die Errichtung der Diözese Innsbruck, aus der schließlich 1968 der Vorarlberger Anteil als eigenständige Diözese Feldkirch ausgegliedert wurde. Diese kirchenrechtlichen Neuordnungen stellten zweifellos eine Aufwertung der katholischen Kirche in Österreich dar.
Verfechter des Konzils
Zur Umsetzung der Konzilsbeschlüsse berief Kardinal König 1973 eine gesamtösterreichische Kirchenversammlung ("Österreichischer Synodaler Vorgang") ein. Auf dieser sollten Weichen für eine Erneuerung der Ortskirchen und ein zukunftsfähiges kirchliches Wirken gestellt werden. Hier zeigte sich auch das von Kardinal König nachdrücklich vertretene Prinzip der gemeinsamen Verantwortung von Klerikern und Laien für das Leben und Wirken der Kirche. Ein besonderes Anliegen war König dabei auch die Jugend, war er doch schon vor seiner Zeit als Vorsitzender der Bischofskonferenz Referent für Jugendfragen.
Arbeiter hörten zu
Legendär waren auch die Silvesteransprachen Kardinal Königs im ORF. "Wenn Kardinal König sprach, haben die Arbeiter im Judenburger Guss-Stahlwerk hingehört. Sie zitierten uns, was er im Fernsehen in der Silvesteransprache gesagt hatte", erinnerte sich später etwa der einstige steirische Generalvikar Leopold Städtler. Der Kardinal hatte allen Österreichern etwas zu sagen und er wurde auch gehört.
Papst in Österreich
Ein später Höhepunkt der Amtszeit Kardinal Königs als Vorsitzender der Bischofskonferenz war der erste Österreich-Besuch von Papst Johannes Paul II. 1983. Der von einer offenen und herzlichen Atmosphäre geprägte Besuch übertraf alle Erwartungen. Schon bei der Europavesper auf dem Heldenplatz sprach ein sichtlich gelöster Kardinal König vor 150.000 Gläubigen von "großer Freude und Begeisterung" über den Besuch des Papstes. König zeigte sich zuversichtlich, dass die Anwesenheit von Johannes Paul II. zur "religiösen Erneuerung" Österreichs beitragen werde.
Schutzherr von Flüchtlingen
Kardinal Franz König war auch ein Schutzherr von Flüchtlingen: Immer wieder trat er für eine humane Asylpolitik ein, so in seiner Rede beim "Lichtermeer" gegen Ausländerfeindlichkeit im Jänner 1993 auf dem Wiener Heldenplatz. In Wien-Simmering gibt es seit 1998 auch ein "Kardinal Franz König"-Integrationshaus, in dem etwa 600 Menschen aus verschiedensten ethnischen und religiösen Gruppen zusammenleben.
Abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit hat der Kardinal Flüchtlingen auch ganz konkret geholfen: In den frühen achtziger Jahren nahm er eine sechsköpfige vietnamesische Flüchtlingsfamilie bei sich im Erzbischöflichen Palais auf und kümmerte sich trotz seiner vielen anderen Aktivitäten und Verpflichtungen "wie ein Großvater" um sie, so Annemarie Fenzl.