"Wir müssen Skandal der Spaltung überwinden"
Wien, 13.3.07 (KAP) Die Pflicht der christlichen Kirchen zur Wiederherstellung ihrer vollen Einheit hat der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. bekräftigt. Das Oberhaupt der Weltorthodoxie wurde am Dienstagabend im Wiener Stephansdom mit dem diesjährigen "Kardinal-König-Preis" der Stiftung "Communio et progressio" ausgezeichnet. In seiner Dankrede sagte der Patriarch, das geistige und spirituelle Erbe von Kardinal Franz König, der ein wahrhaftiger Pionier der Ökumene gewesen sei, müsse lebendig bleiben und weitergetragen werden. Die Kirchen müssten "alles daran setzen, um den Skandal der Spaltung zu überwinden und die von Jesus selbst gewünschte Einheit zu verwirklichen". "Wir haben keine Alternative", so Bartholomaios.
Bartholomaios I. würdigte, dass auch Papst Benedikt XVI. immer wieder das wichtige Anliegen der Wiederherstellung der kirchlichen Einheit hervorhebe. Dieses gemeinsame Anliegen sei beim Besuch des Papstes vergangenen November in Istanbul erneut bekräftigt geworden. Wenn die Kirchen ihre unabdingbare gemeinsame Aufgabe der Wiederherstellung der Einheit nicht wahrnehmen, werden sie "vor Gott und der Geschichte Rechenschaft ablegen müssen".
Sorge um gerechtes Europa und intakte Umwelt
Ebenso forderte der Ökumenische Patriarch das gemeinsame Eintreten der christlichen Kirchen für den interreligiösen Dialog und die Mitarbeit der Christen am Ausbau eines geeinten, sozialen und gerechten Europa. Ein weiteres großes Anliegen sei die "intensive Sorge um den Schutz der Umwelt und um die Bewahrung der Schöpfung". Im Blick auf den Klimawandel stellte Bartholomaios I. fest: "Die Uhr schlägt bereits zwölf, und wenn wir nicht sofort die Zeichen der Zeit erkennen und entsprechend handeln, dann erwarten uns immer mehr verheerende Naturkatastrophen, für die allein der egozentrische Mensch verantwortlich ist". In diesem Sinne seien die jüngst vereinbarten Maßnahmen der EU zum Klimaschutz zu begrüßen.
Bartholomaios lenkte den Blick auf die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung (EÖV3), die vom 4. bis 9. September in Sibiu (Rumänien) stattfinden wird. Das Treffen sei ein "lebendiges Zeugnis der Dynamik aller Christen und aller Kirchen in Europa". Es seien die christlichen Prinzipien und Grundwerte des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Toleranz, der Partizipation und der Solidarität, durch die "ein lebens- und menschenwürdiges, ein humanes und soziales neues Europa für alle" entstehen könne.
Man dürfe keine "einseitige Entwicklung akzeptieren, durch die heute innerhalb der EU rund 72 Millionen Bürger mit einem Armutsrisiko leben und weitere 36 Millionen von Armut gefährdet sind", wie es in einem aktuellen Bericht der EU-Kommission heiße. Auch negative Entwicklungen im Bereich der Jugend könne man nicht ignorieren. Europa sei "ein reicher Kontinent, er hat Platz für alle Menschen und Reichtum für ein zufriedenes und gerechtes Leben", hob Bartholomaios I. hervor.
Ebenso müssten die christlichen Kirchen den interreligiösen Dialog gemeinsam führen. Gerade die Kirchen des Ostens hätten seit den ersten Jahrhunderten ihrer Existenz den interreligiösen Dialog mit dem Judentum und später auch dem Islam gepflegt, sowohl den "Dialog des Lebens" als auch den akademischen Dialog.
König war "Mann der gemeinsamen Kirche"
Ausführlich würdigte Patriarch Bartholomaios Persönlichkeit und Wirken des vor drei Jahren verstorbenen Kardinals Franz König: "Er war ein Mann der gemeinsamen Kirche Jesu Christi, der den Kern der christlichen Botschaft richtig verstanden und umgesetzt hat". König habe "eine wichtige Brückenfunktion zwischen den Menschen aller Gruppierungen und Geisteseinstellungen ausgeübt" - sowohl in der eigenen Kirche als auch in den Beziehungen zu den verschiedenen Kirchen und Konfessionen und zu den anderen Religionen und Kulturen.
Bartholomaios erinnerte dabei daran, dass König 1961 als erster Kardinal "nach vielen Jahrhunderten" und als Vertreter von Papst Johannes XXIII. dem damaligen Ökumenischen Patriarchen Athenagoras einen Besuch abstattete. Seither hätten alle Ökumenischen Patriarchen Kardinal König, "diesen großen Österreicher", geliebt, geschätzt und verehrt. Sein Name bürge für den Anfang und die Fortsetzung der "geschwisterlichen Beziehungen zwischen unseren Schwesterkirchen", hob das Oberhaupt der Weltorthodoxie hervor.
Er sei überzeugt, dass das Erbe Königs in Österreich "lebendig bleibt und weitergetragen wird und dass sein Geist weiterhin viele Menschen inspiriert". Die katholische Kirche in Österreich mit Kardinal Christoph Schönborn an der Spitze pflege den "Geist der Geschwisterlichkeit, der Gastfreundschaft, des Dialogs und der ökumenischen Verpflichtung". Er - Bartholomaios - komme daher "sehr gerne "in dieses Land der Toleranz und der Offenheit, des Dialogs, der Ökumene und der großen auch gesamteuropäischen ökumenischen Ereignisse, an denen sich alle christlichen Kirchen ausnahmslos beteiligen". Das Ökumenische Patriarchat schätze "die vielfältige und segensreiche ökumenische Arbeit der christlichen Kirchen in Österreich" und eine "gesamtkirchliche Praxis", die "im wahren ökumenischen Geist und fern von fragwürdigen Allianzen" gepflegt werde.
Im Blick darauf habe er den von der Stiftung "Communio et progressio" vergebenen "Kardinal-König-Preis" mit großer Freude angenommen, so Bartholomaios I. Er fasse ihn nicht nur als persönliche Auszeichnung, sondern als Ehrung des Ökumenischen Patriarchates und der gesamten Kirche von Konstantinopel auf.
"Eindrucksvolle Symbolik"
Der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari hatte als Präsident der Stiftung "Communio et Progessio" in seiner Begrüßung auf den dritten Todestag Kardinal Königs verwiesen. Es sei von eindrucksvoller Symbolik, dass am dritten Todestag des Kardinals der seinen Namen tragenden Preis überreicht werden könne.
König sei die Ökumene und die Verbindung mit dem Patriarchat von Konstantinopel ein besonderes Anliegen gewesen. Er sei in dieser Dimension seines Wirken "einer der herausragenden Christen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" gewesen. Auch die Stiftung "Communio et Progressio" mit ihrem Ziel eines Handlungsbündnisses von Wissenschaft, Religion, Wirtschaft und Medien bemühe sich, einer wichtigen Intention im Lebenswerk Kardinal Königs zu entsprechen und sie zu aktualisieren.
"Geist der liebevollen Offenheit"
Der Vizepräsident von "Communio et Progressio", Prof. Heinz Nussbaumer, würdigte in seiner Laudatio die Verdienste des Ökumenischen Patriarchen um den Glauben, um den interreligiösen und ökumenischen Dialog, für das Zusammenwachsen des neuen Europa und für den Schutz der bedrohten Schöpfung. Es seien "Taten" der Vergebung, der Verständigung und der Versöhnung gefordert, sagte Nussbaumer.
Patriarch Bartholomaios I. habe früher als andere erkannt, um wieviel größer die Gemeinsamkeiten zwischen den Kirchen seien als das scheinbar Trennende, betonte der "Communio et Progressio"-Vizepräsident. Der Erzbischof des "Neuen Rom" habe erkannt, dass die Zeit der Abgrenzung und Ausgrenzung unter Christen vorbei sein müsse. Und dass das neue, ungeteilte Europa wieder ein gemeinsames Zuhause für Christen geworden sei, "verschieden in ihren reichen Traditionen, aber doch versöhnt im Blick auf den gemeinsamen Gott und im Wissen um die Gottähnlichkeit aller Menschen". Früher als andere habe der Patriarch auch erkannt, dass die geistigen, sozialen und ökologischen Schicksalsfragen, die heute keine Grenzen mehr kennen, ein solidarisches Handeln aller Christen erfordern.
Nussbaumer erinnerte an eine Ansprache Kardinal Königs in Budapest, als der Wiener Alterzbischof den Patriarchen als einen "Bruder im Glauben, in der Sehnsucht nach Einheit und in der Liebe zu Gott und den Menschen" bezeichnet hatte. Es sei "der Geist der liebevollen Offenheit", den man in Patriarch Bartholomaios I. ehre und auszeichne. Dieser Geist sollte - so Nussbaumer - das tägliche Handeln aller Christen bestimmen.
Es sei der Beginn einer "neuen christlichen Zeitrechnung" gewesen, als Kardinal König als erster katholischer Kirchenvertreter 1961 - vor mehr als 45 Jahren - zu Athenagoras I. nach Konstantinopel reiste. Aus dieser Begegnung sei die Stiftung "Pro Oriente" gewachsen, getragen vom sehnsüchtigen Wunsch Königs, "Brücken der Verständigung und Zuneigung zu den orthodoxen und altorientalischen Kirchen" zu bauen und die Sprachlosigkeit zwischen den großen Kirchen des Ostens und Westens zu überwinden. In der Folge habe es kaum einen Kirchenführer des Ostens gegeben, der nicht den Weg nach Wien, den Weg zu Kardinal König und zu seiner Stiftung, gefunden habe.