Künstlerpfarrer kritisiert Essl-Ausstellung
Wien, 15.3.07 (KAP) Der Grazer Künstlerpfarrer Hermann Glettler hat einen Foto-Zyklus in der am Mittwochabend eröffneten Jubiläumsausstellung "Passion of Art" im "Museum Sammlung Essl" scharf kritisiert. Die von den britischen Künstlern Damien Hirst und David Bailey gestaltete Fotoserie "The stations of the cross" zeigen laut dem Museum eine "verstörende, Tabu brechende Interpretation des Kreuzwegs Christi"; der selbst künstlerisc tätige und für sein Engagement für Gegenwartskunst bekannte Priester Glettler sieht darin jedoch "oberflächliche Effektheischerei und Sensationsgier in Reinkultur". Er "protestiere im Namen der Kunst und nicht als beleidigter Pfarrer", so Glettler in der Donnerstag-Ausgabe der Tageszeitung "Die Presse".
Damien Hirst, einer der höchstbezahlten Künstler der Gegenwart, arbeitete 2004 mit dem britischen Fotografen David Bailey für eine Aktualisierung des Kreuzwegs Christi zusammen, die nach der Präsentation auch auf Kritik der anglikanischen Kirche stieß. Der 14-teilige Zyklus zeigt u.a. Christi Verurteilung zum Tod in Form eines Menschen mit dornengekröntem Kuh-Skalp statt Kopf, eine "Pieta" mit zwei nackten Frauen und ein Kreuz, das aus Zigarettenstummeln gebildet wird. Eine Ausgabe der Edition erwarb das Sammlerpaar Karlheinz und Agnes Essl für ihr Museum in Klosterneuburg, jetzt werden "The stations of the cross" im Rahmen ihrer Jubiläumsausstellung "Passion for Art" erstmals in Österreich gezeigt.
Glettler, Pfarrer der Grazer Kirche St. Andrä, attestiert dem Zyklus mindere künstlerische Qualität: "Damien Hirst zeigt uns einen unterdurchschnittlichen Fotorealismus, aufgepeppt und überladen mit möglichst vielen Symbolismen und Anspielungen, die im konkreten Fall aber eher durch ihre Penetranz und Dummheit als durch sonst irgendetwas provozieren", so Glettler in der "Presse". Mit diesem "postmodernen Sakral-Pop" könne man nur schwer den Dialog führen, den Essl anregen wolle, dessen christliches Bekenntnis Glettler zugleich durchaus "respektiere". Mit ernst zu nehmender zeitgenössischer Kunst habe der Kreuzes-Zyklus jedenfalls nichts zu tun.
Essl: Kirche soll Chance sehen
Karlheinz Essl begegnete der zu erwartenden "hitzigen Kontroverse" rund um den Fotozyklus in einem "Presse"-Gastkommentar mit der Berufung auf einen anderen Kunstsammler - den vor 100 Jahren geborenen Wiener katholischen Seelsorger und Künstlerförderer Msgr. Otto Mauer. Die katholische Kirche habe "als Hüterin der christlichen Lehre und Alleinbefugte, Glaubensinhalte zu lehren und zu interpretieren" seit jeher ein ambivalentes Verhältnis zur modernen Kunst und deren "ungewohnten Interpretationen" der christlichen Bildtradition. "Dass dies nicht so sein muss, hat Monsignore Mauer eindrücklich unter Beweis gestellt", so Essl. Er habe zeitgenössische Künstler als wichtige "Interpreten" der christlichen Botschaft akzeptiert.
Die Kirche wird laut Essl nicht verhindern können, "dass sich Künstler in einer pluralistischen Gesellschaftsordnung die Freiheit nehmen, christliche Themen aufzugreifen, neu zu interpretieren und in einen aktuellen Zusammenhang zu stellen". Durch kontroversiell geführte Diskussionen könnten Menschen herausgefordert und mit neuen Sichtweisen konfrontiert werden. Laut Essl eine "Chance, Ballast abzuwerfen und neues, ungesichertes Terrain zu beschreiten, was mitunter zu neuen Erkenntnissen führen kann". Die Kirche sei "gut beraten, sich diesen Herausforderungen zu stellen".
Der evangelische Christ und Kunstsammler Essl erinnerte an den zunächst vom Kommunismus begeisterten Künstler Jörg Immendorff, der ihm kurz nach der politischen Wende von 1989 die Frage, wie er sich nach dem Verlust all seiner Ideale fühle, geantwortet hatte: "Auf die Gefahr hin, dass ich mich lächerlich mache. Ich bete täglich zu Gott." Dies habe ihm gezeigt, "dass jedem Menschen, selbst einem bekennenden Atheisten, im tiefsten Herzen die Gottessehnsucht unauslöschlich eingeprägt ist. Wie und in welcher Form der Mensch (auch der Künstler) dies erkennt und zulässt, bleibt jedem selbst überlassen." (ende)