Ökumenische Annäherung an Maria in Mariazell
Mariazell, 20.3.07 (KAP) Ein sehr positives Resümee der ökumenischen Tagung über Maria in Mariazell hat der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl gezogen. Er verwies vor allem auch auf die gemeinsame Andacht der Repräsentanten der verschiedenen christlichen Konfessionen bei der Mariazeller Gnadenkapelle. Sei Maria früher als trennendes Element zwischen den Kirchen verstanden worden, so könne man nun durchaus von einem großen ökumenischen Fortschritt sprechen, so Krätzl im Gespräch mit "Kathpress". Auch der evangelisch-lutherische Bischof und Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Herwig Sturm, äußerte sich in dieser Weise. Trotz aller Differenzen seien die Kirchen im theologischen Verständnis der Gottesmutter einander wieder ein Stück näher gekommen. Auch der orthodoxe Metropolit Michael Staikos unterstrich, dass die Gottesmutter die Konfessionen nicht trennen dürfe. Maria habe vielmehr einen "festen Platz im Herzen der großen Mehrheit der Christen", so Staikos.
Im Rahmen des zweitägigen Symposions wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede im jeweiligen Zugang der Kirchen zu Maria offen benannt und diskutiert. Der Grazer Kirchenhistoriker em. Prof. Maximilian Liebmann zeichnete die Geschichte Mariazells als Spiegelbild des kirchlich-religiösen Lebens nach. Die Anfänge des steirischen Marienorts als Wallfahrtsstätte liegen im Dunkel. Damit unterscheide sich Mariazell grundlegend von den Wallfahrtsorten wie Lourdes, Fatima oder Medjugorje, die auf Marienerscheinungen basieren. Bereits im Mittelalter sei Mariazell jedenfalls zu einem glanzvollen Wallfahrtszentrum geworden. Liebmann: "Aus Italien, der Schweiz, Frankreich, Bayern, Österreich, Böhmen, Mähren, Polen, Ungarn, Preußen, Schlesien, Steiermark, Kärnten, Krain und Kroatien waren die Wallfahrer zur Gottesmutter nach Mariazell gekommen und hatten auch zur wirtschaftlichen Prosperität dieser Region ihren Beitrag geleistet".
Mit der Reformation habe die Zahl der Wallfahrten dann sehr stark abgenommen, wenn sie auch nie ganz versiegten. Die Steiermark sei jedenfalls im 16. Jahrhundert zu zwei Drittel evangelisch gewesen. Als dann Ende des 16. Jahrhunderts die Rekatholisierung des Landes einsetzte, nahm auch die Bedeutung Mariazells rasch wieder zu, so Liebmann: Dem spirituell-religiösen Wiedererblühen sei aber auch die politisch-patriotrische Vereinnahmung gefolgt, "Mariazell wurde zum Reichsheiligtum erhoben". So sei etwa beim Sieg über die Türken 1683 die Gottesmutter zur Patronin von Wien erkoren worden und das Kaiserhaus habe sie als Hausmutter der Habsburger gefeiert. Liebmann: "Die Wallfahrten nahmen derart zu, dass im Jahr 1714 30 Beichtväter nicht ausreichten, um den großen Andrang der bußfertigen Pilger zu bewältigen, wieder stellten sich viele Wunderheilungen ein". Auch das 600-Jahr-Jubiläum sei mit großem Pomp gefeiert worden, so der Kirchenhistoriker.
Mit der Aufklärung seien dann wieder schwierigere Zeiten angebrochen. Unter Kaiser Joseph II. seien Wallfahrten für einige Jahre fast gänzlich verboten worden. Doch bald sei es auf den Wegen und Straßen nach Mariazell wieder lebendiger geworden und mit der neuen religiösen Erweckungsbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts - ausgelöst vor allem durch Clemens Maria Hofbauer und die Redemptoristen - erblühte Mariazell von Neuem. Das Jubelfest zum 700-Jahr-Jubiläum 1857 sei dann zum Siegesfest über Aufklärung und Josephinismus geworden. Auch Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth seien nach Mariazell gepilgert.
Wie Liebmann weiter ausführte, habe Mariazell als "Reichsheiligtum" auch nach dem Ende der Monarchie bei vielen noch Bedeutung gehabt. Nach der Devastierung durch den Nationalsozialismus seien es dann Staatsmänner wie Leopold Figl und Julius Raab gewesen, die sich mit der gläubigen Bevölkerung bittend und dankend bei der Mariazeller Gottesmutter einfanden. Nach dem Niedergang des Kommunismus habe Mariazell auch seine Bedeutung für die Wallfahrer aus Ost- und Südosteuropa wieder erlangt, so Liebmann weiter. Ein besonderer Ausdruck dafür sei die "Wallfahrt der Völker" im Frühjahr 2004 gewesen. Liebmann: "Mariazell ist als Ort der Besinnung und des Dankes unbestritten. Ob es ein Wallfahrtsort aller Christen ist, sei dahingestellt, aber ein Ort der Begegnung aller Christen kann es immer sein".
Gegen politische Vereinnahmung
Auf die politisch-patriotrische Vereinnahmung des Marienheiligtums nahm auch der frühere burgenländische evangelische Superintendent und Historiker em. Prof. Gustav Reingrabner Bezug. In der Zeit der Rekatholisierung sei die Marienverehrung in den Vordergrund getreten. Maria sei zur Garantin der katholischen Sache geworden. Reingrabner "Damit verband sich die Benützung der Marienfrömmigkeit zu einem politischen Zweck". Der evangelische Historiker kritisierte in diesem Zusammenhang auch die Bezeichnung "österreichisches Reichsheiligtum". Auch nach dem Ende der Monarchie sei der Wallfahrtsort weiter zur ideologischen Untermauerung bestimmter Ansprüche oder Wünsche benützt worden.
Reingrabner wörtlich: "Freilich haben sich diese Vorstellungen abgenützt und sind entsprechend der Entideologisierung der Politik erheblich wirkungsloser geworden, als das bis ins 19. Jahrhundert hinein der Fall war. Aber die Bemühung Mariazells zur Identifikation von Bekenntnis, Kirche und politischem Anliegen findet sich eben weiterhin und ist nach wie vor eine von Nichtkatholiken nur schwer zu akzeptierende Wirklichkeit".
Der der evangelische Historiker sprach sich dafür aus, die Zuwendung zu Mariazell, aber auch andere Formen der Frömmigkeit, als Ausdruck der persönlichen Haltung und Überzeugung zu formulieren und nicht als "öffentliche Nötigung". Damit, so Reingrabner "wäre den Evangelischen unseres Landes die Möglichkeit gegeben, ohne Vorbehalte oder Vorurteile ihre eigene Stellung zu Maria zu vertreten und zu bekennen".
"Schwester im Glauben"
Auch die evangelische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner wies auf triumphalistische Formen der Marienverehrung hin, die oftmals mit einer antiprotestantischen Haltung gekoppelt waren. Damit seien mitunter auch frauenfeindliche Diskriminierungen einhergegangen. Und das mache es evangelischen Christen schwer, in Maria eine kirchenverbindende Gestalt zu sehen. Sie räumte allerdings ein, dass auch die evangelische Theologie erst in jüngerer Vergangenheit die biblische Maria als "Schwester im Glauben" neu entdeckt habe.
Wörtlich meinte Reiner weiter: "Wenn Maria als Symbol einer hörbereiten und demütigen Kirche gesehen wird, die mutig im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit für eine menschen- und lebensfreundliche Welt eintritt, dann stehen meines Erachtens die Chancen gut, gerade hier an einem Marienwallfahrtsort historische und dogmatische Trennungsmauern so weit möglich abzubauen, ja vielleicht auch zu überwinden".
Für eine "Mariologie von unten" trat der reformierte Oberkirchenrat Thomas Hennefeld ein, der betonte, dass Maria in der reformierten Kirche keine Rolle spiele. Es gebe keine Notwendigkeit, die Gottesmutter zu preisen, wohl aber sie als Prototyp des glaubenden Menschen zu schätzen. In der Rückbesinnung auf die jüdischen Wurzeln Marias und im Blick auf sie als mutige und demütige Frau, die für die Befreiungstheologie eine große Rolle spielt, könnten die Konfessionen wieder stärker zueinander finden.
Orthodoxe Verehrung
Der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura unterstrich die besondere Verehrung, die der Gottesmutter in der Orthodoxie zukommt. Schon in der Urkirche sei die Gottesmutter besonders verehrt worden, die ersten Christen hätten bereits spezielle marianische Gebete und Hymnen verwendet. Dura ist überzeugt, dass Maria als "beschützende und weisende Mutter" den Kirchen helfen könne, die Einheit zu stärken. Mit dem Begriff der "Schwester" wollte sich der Bischofsvikar hingegen nicht anfreunden.
Auch der koptische Bischof Gabriel wies auf die wichtige Bedeutung Marias für die Gläubigen hin. Sie werde als Heilige, Mutter und Fürsprecherin verehrt, gerade auch in Zeiten der Verfolgung und Unterdrücken. Wie Bischof Gabriel sagte, gebe es in Ägypten bis heute auch zahlreiche Marienerscheinungen.
Ökumenisches Korrektiv
Der Wiener Theologe Prof. Rudolf Prokschi betonte für die römisch-katholische Kirche, dass alle Aussagen über Maria nur in einem tiefen Zusammenhang mit dem Glauben an Jesus Christus zu verstehen seien und davon nicht isoliert werden dürften. Prokschi: "Natürlich ist die Gefahr einer gewissen Einseitigkeit oder sogar einer Übertreibung immer gegeben. Gerade in diesem Punkt kann das ökumenische Korrektiv für uns Katholiken hilfreich und reinigend sein". Andererseits könnte auch die katholische Marienfrömmigkeit für andere Konfessionen bereichernd sein.
Der anglikanische Weihbischof David Hamid stellte schließlich die 2005 verabschiedete Seattle-Erklärung vor, in der in den wesentlichen Punkten der Lehre über Maria Übereinstimung zwischen katholischer und anglikanischer Kirche formuliert wird. Das Schreiben "Maria: Gnade und Hoffnung in Christus" wurde von der anglikanisch-römisch-katholischen internationalen Kommission erarbeitet.
Die Fachtagung in Mariazell ging mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Basilika zu Ende. Oberin Christine Gleixner, langjährige ÖRKÖ-Vorsitzende, hatte im Vorfeld der Feier noch angekündigt, dass die Ergebnisse der Tagung den Verantwortlichen der Kirchen in Europa, aber auch den zuständigen vatikanischen Stellen übermittelt werden. Zugleich sei auch angedacht, eine pastorale Handreichung zu erarbeiten, damit der theologische und spirituelle Ertrag der Tagung auch die kirchliche Basis erreicht.