EU-Jubiläum: Lehmann und Merkel sprechen Mängel an
Berlin-Stockholm, 26.3.07 (KAP) Die EU-Ratspräsidentin und deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat "durchaus Verständnis" für die deutliche Kritik am fehlenden Bezug auf das jüdisch-christliche Erbe in den offiziellen EU-Texten. Sie wisse, dass sich viele Menschen in Europa eine solche Erwähnung wünschten, sagte sie am Sonntag vor Journalisten in Berlin.
Auf der anderen Seite gebe es aber auch jahrhundertealte Traditionen, Glaubensbezüge nicht direkt in staatlichen Texten zu verankern, betonte Merkel. Sie selbst bekannte sich ausdrücklich zu den jüdisch-christlichen Wurzeln Europas, allerdings in einer als "persönlich" gekennzeichneten Passage ihrer Rede. In der feierlich unterzeichneten und veröffentlichten "Berliner Erklärung" findet sich keine entsprechende Erwähnung.
Lehmann: "Ursprung nie vergessen"
Auch die Spitzenvertreter der Kirchen in Deutschland, Kardinal Karl Lehmann und der evangelische Bischof Wolfgang Huber, riefen die EU auf, sich deutlicher zu ihren christlich-jüdischen Wurzeln zu bekennen. Bei einem Gottesdienst in Berlin zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge plädierten beide erneut für einen Gottesbezug in der EU-Verfassung.
Kardinal Lehmann sprach von einer zunehmenden Vorherrschaft ökonomischer Interessen in Europa und verwies auf die "geradezu sprichwörtliche" Brüsseler Bürokratie. Mehr und mehr werde verdunkelt, dass Europa letztendlich eine Gemeinschaft kultureller Errungenschaften und Werte sein müsse. Das gemeinsame Europa wäre ohne die zündende Idee von maßgeblich christlich engagierten Politikern nie zu Stande gekommen, betonte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. "Diesen Ursprung dürfen wir nie vergessen", sagte er. Heute brauche die Gemeinschaft wieder mehr geistig-spirituelle Gemeinsamkeit.
Lehmann rief die Christen diesbezüglich zu größerem Engagement auf und wandte sich zugleich gegen ein allgemeines Klagen. Es gebe keine wahre Alternative zur Europa-Idee.
Bischof Huber verwies auf das jüdisch-christliche Menschenbild als Quelle Europas. Erst daraus ergäben sich die Überzeugung von der unantastbaren Menschenwürde wie die Verpflichtung zum Engagement für eine gerechtere und solidarischere Welt. "Zur Seele Europas gehört eine globale Solidarität", mahnte er. Nachdrücklich forderte er die EU zum Engagement für Frieden im Nahen Osten und für eine Befriedung der sudanesischen Krisenregion Darfur auf. Angesichts der derzeit dort stattfindenden humanitären Katastrophe müssten die europäischen Regierungen das ihnen Mögliche unternehmen, "um das Morden zu stoppen und das Elend der Millionen zu wenden".
Lehmann und Huber äußerten sich dankbar für die 50 Jahre des Friedens in Europa und die friedliche Überwindung der Teilung Europas. Sie erteilten zum Abschluss des Gottesdienstes gemeinsam mit dem griechisch-orthodoxen Metropoliten für Deutschland, Augoustinos, den Gläubigen den Segen.
Kasper: "Neo-Kapitalismus keine Basis"
Bei der Ratstagung des Lutherischen Weltbundes (LWB) im schwedischen Lund äußerte sich der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, zum EU-Jubiläum. Dabei bezeichnete er die Ökumene als Vorbild für die Einigung Europas. Dabei machte sich Kasper für eine bürgernahe Europäische Union stark. "Es muss darum Schluss sein mit dem Europa der Bürokraten und ihrer zentralistischen Regelungswut", forderte der Kardinal.
Kritik übte er an einem materialistischen Neo-Kapitalismus, einem sinnentleerten Konsumismus und einer moralischen Laxheit, die keine Basis für ein geeintes Europa sein könnten. "Europa braucht eine zweite Bekehrung zu Jesus Christus. Europa muss aufwachen, vielleicht sogar aufschrecken", sagte der Kurienkardinal. Das europäische Haus stehe und falle mit wachen, mutigen und mündigen Christinnen und Christen, "die sich nicht wegducken, sondern mit Freimut eintreten für den Glauben, für das Leben, für Freiheit und Gerechtigkeit, für die Familie, für Solidarität und für die Bewahrung der Schöpfung". "Unsere ökumenischen Versöhnungsprozesse sollten ein ansteckendes und ermutigendes Beispiel sein", so Kasper. Europa brauche "eine Seele", Werte und Ideale können die Menschen über alle Unterschiede hinweg miteinander verbinden, sagte er.
Mit Nachdruck unterstrich der Kurienkardinal die Notwendigkeit der Integration von Ost- und Westeuropa. "Die ökumenische Annäherung zwischen orientalischen und westlichen Kirchen bietet dafür eine einmalige Chance", so Kasper.
Erzbischof: Jetzt Neuanfang machen
Nach Ansicht des Erzbischofs von Dijon, Roland Minnerath, sollte der 50. Jahrestag der Römischen Verträge eine Chance für einen Neuanfang sein. Dabei müsse die EU auf dem christlichen Menschenbild aufbauen, dem Europa seine geistige und kulturelle Größe verdanke, sagte der Erzbischof am Wochenende bei einer Tagung der "Paneuropa-Union" im bayerischen Andechs. Menschenwürde, Freiheit und Solidarität seien christliche Auffassungen des Zusammenlebens, die in dieser Form weder in den asiatischen Kulturen noch im Islam zu finden seien.
Minnerath bedauerte, dass es auch in Europa inzwischen Kräfte gebe, die diese zentralen Begriffe umzudeuten versuchten. Er betonte, dass nach christlichem Verständnis die Menschenwürde darin wurzle, dass der Mensch Ebenbild Gottes sei. Die Menschenwürde sei daher nicht abhängig von Alter, Nation, Gesundheit, Sprache oder irgendeiner anderen Eigenschaft.
Der Präsident der "Paneuropa-Union Deutschland", Bernd Posselt, kritisierte die "Berliner Erklärung" der EU-Regierungs- und Staatschefs. Es sei "jämmerlich", dass die drei wichtigsten Grundlagen der europäischen Identität, nämlich Christentum, griechische Philosophie und römisches Recht, darin nicht einmal genannt werden konnten. Zudem seien die EU-Bürger zu 85 Prozent Christen, die nicht länger "als Randgruppe abgefertigt" werden dürften.