"Kein Recht auf ein Kind um jeden Preis"
Wien, 28.3.07 (KAP) Der Fall jener 66-jährigen Grazerin, die vor kurzem mit Hilfe einer künstlichen Befruchtung noch Mutter geworden ist, wirft für die "Aktion Leben" eine Reihe von ethischen Fragen auf. Es sei zweifelhaft, "ob alles getan werden darf, was technisch möglich ist", erklärte Generalsekretärin Karin Schmidtbauer am Mittwoch. Sie forderte in ihrer Reaktion auf den jetzt bekannt gewordenen Fall, dass gerade in der Fortpflanzungsmedizin das Wohl des Kindes im Mittelpunkt stehen müsse. Ein Kind habe zwar das Recht auf liebevolle Eltern. "Es kann aber kein Recht auf ein Kind um jeden Preis geben", betonte Schmidtbauer in einer Aussendung.
Die "Aktion Leben" fordert europaweit verbindliche Regelungen zur Reproduktionsmedizin: Eizellenspenden sollten nicht nur in Österreich, sondern in allen EU-Mitgliedsstaaten verboten werden, "weil sie den weiblichen Körper instrumentalisieren und mit gesundheitlichen Gefahren für die Eizellenspenderin verbunden ist". Derzeit sind derartige Eingriffe z.B. in den Benelux-Staaten, in Tschechien oder Spanien erlaubt. Die "Aktion Leben" plädiert weiters für verbindliche Alterbeschränkungen für Eltern, die medizinisch assistierte Fortpflanzung in Anspruch nehmen, und eine unabhängige Beratung vor deren Durchführung.
Die moderne Reproduktionsmedizin ermögliche es offenbar, "sich ein Kind bis ins hohe Alter 'kaufen' zu können". Es entstünden völlig neue Vorstellungen von Elternschaft: Ein Kind werde "planbar und machbar - unabhängig vom mütterlichen Alter", so die "Aktion Leben"-Generalsekretärin. Dabei werde übersehen, dass die Geburtenraten nach einer künstlichen Befruchtung im Durchschnitt nach wie vor unter 20 Prozent liegen. Dazu komme in diesem Zusammenhang auch noch der "Anspruch auf ein gesundes Kind". Embryonen, die den Vorstellungen nicht entsprechen, würden noch vor dem Einsetzen in die Gebärmutter verworfen oder Kinder vor der Geburt "aussortiert", warnte Schmidtbauer. Kinder würden so zu einem "Produkt, das nach Belieben der eigenen Lebensplanung angepasst wird".
Die "Aktion Leben"-Vertreterin forderte, das Augenmerk auf das Wohl des Kindes zu richten. Es dürfe nicht beiseite geschoben werden, "wie es einem Kind geht, das auf diese Weise entstanden ist und seine biologische Mutter nie kennen lernen wird". Und weiter: "Wie geht es den Kindern dieser späten Mütter, wenn sie in der Pubertät sind und fürchten müssen, ihre Mutter stirbt bald?" Die Grazerin war vor fünf Jahren zum ersten Mal Mutter geworden.
"Natur gibt die Grenze vor"
Der Wiener Gynäkologe und Theologe Prof. Johannes Huber formulierte ebenfalls große Vorbehalte gegen eine Mutterschaft, die - wie bei dem aktuellen Fall in Graz - lange nach der Menopause durch künstliche Befruchtung zu Stande kommt. "Die Grenze gibt uns die Natur vor, und das ist gut so", sagte Huber am Mittwoch in einem Interview der "Kleinen Zeitung". Ob diese Frau "in 13 oder 14 Jahren noch in der Lage ist, ihr Kind während der Pubertät zu begleiten und zu leiten, das ist zu bezweifeln", meinte der Leiter der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt.
Die künstliche Befruchtung einer an sich bereits unfruchtbaren Frau funktioniert laut dem Mediziner "durch die Eizellenspende einer fremden Frau und möglicherweise das Sperma des eigenen Partners oder eben eine Samenspende. Die Befruchtung muss außerhalb des Körpers durchgeführt und die Frau sozusagen aus dem Wechsel zurückgeholt werden", durch entsprechende Hormonbehandlung. Die gesetzliche Ermöglichung künstlicher Befruchtung sehe er als "grundsätzlich positiv, weil man mit der Eizellenspende jungen Frauen helfen kann, die keine eigenen Eizellen haben". Leider sei "daraus aber eine unglaubliche Industrie geworden. Junge Frauen aus Rumänien kommen flugzeugweise nach Spanien und liefern dort ihre Eizellen ab", stellte Huber fest.
Auf die Frage, ob eine derart späte Mutterschaft nicht "Ausdruck eines hemmungslosen Egoismus" sei, antwortete Huber: "Ja, ich teile diese Ansicht", aber im Leben sei "vieles Ausdruck dieser Haltung".
Die Meldung, dass eine 66-jährige vor wenigen Wochen an der Grazer Frauenklinik Mutter wurde, hatte am Dienstag für Aufsehen gesorgt. Mutter und Kind seien wohlauf, so der Vorstand der Frauenklinik, Uwe Lang, nähere Umstände würden nicht bekannt gegeben, denn die Patientin habe um strengen Datenschutz ersucht. Die bisher älteste Mutter der Welt - eine Spanierin - gebar im vergangenen Dezember mit 67 Jahren Zwillinge.