Kardinal Schönborn präsentiert neues Papst-Buch
Vatikanstadt, 13.4.07 (KAP) Die Zuverlässigkeit des Jesus-Bildes in den Evangelien hat Kardinal Christoph Schönborn unterstrichen. Nach 200 Jahren Bibelkritik könne man getrost mit Papst Benedikt XVI. von der "soliden historischen Zuverlässigkeit der Evangelien" ausgehen, so Kardinal Schönborn am Freitagnachmittag bei der Präsentation des Buches "Jesus von Nazareth" von Papst Benedikt XVI. in der neuen Synodenaula im Vatikan. "Die zahlreichen Fantasiebilder von Jesus als Revolutionär, als sanfter Sozialreformer, als heimlicher Liebhaber der Maria Magdalena, etc. können getrost im Beinhaus der Geschichte abgelagert werden", so der Kardinal.
Das Buch des Papstes sei - so Schönborn - keine Selbstdarstellung persönlicher Frömmigkeit, im Vordergrund stehe vielmehr die "geistige Auseinandersetzung" und die "die Leidenschaft des objektiven Suchens nach der Wahrheit, das Bemühen, allen Fragenden und Suchenden Rechenschaft zu geben". Deshalb begebe sich der Papst mit seinem Buch "auf die Agora, den Platz der öffentlichen Debatte" und trage auf dem "Areopag der heutigen Meinungsvielfalt" seine Sicht von Jesus vor. Was auf den Areopagen heutiger öffentlicher Debatte selbstverständlich sein sollte, sage der Papst seinen Lesern: "Es steht jedermann frei, mir zu widersprechen. Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt".
Kardinal Schönborn erinnerte daran, dass auf dem Marktplatz der medialen Öffentlichkeit pausenlos angeblich neue "Enthüllungen" angeboten werden, die eine ganz andere Geschichte des Jesus von Nazareth offenbaren sollen. Aber auch "aus den eigenen Reihen" der Kirche komme Zweifel an der historischen Glaubwürdigkeit des Jesusbildes der Evangelien: Seit mehr als 200 Jahren habe die historische Bibelkritik "so ziemlich alles in Frage gestellt, was in der Bibel über Jesus zu finden ist".
Der Papst sei trotzdem überzeugt, dass es gelingt, die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien und ihres Jesus-Bildes nachzuweisen, betonte der Wiener Erzbischof. Dazu sei der Autor auch von seiner Biografie her bestens vorbereitet. Für Papst Benedikt XVI. sei die Bibel - so Schönborn - "immer Herz und Mitte der Theologie" gewesen: "Ich kenne keinen Theologieprofessor, der so wie er mit der Bibel innerlich vertraut ist". 24 Jahre lang sei Joseph Ratzinger der Päpstlichen Bibelkommission vorgestanden, die erstklassige katholische Bibelwissenschaftler versammle. Er kenne die "historisch-kritische" Methode der Bibelauslegung. Wenn der Papst auch Kritik an dieser Methode äußere, dann nicht aus Angst, sondern "aus der begründeten und durchargumentierten Überzeugung, dass sie ihre Grenzen anerkennen muss". Der Papst sei überzeugt, dass man den Evangelien trauen kann. Er wolle - wie er schreibt - den Versuch machen, "einmal den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den 'historischen Jesus' im eigentlichen Sinn darzustellen".
Vertraue man auf die historische Zuverlässigkeit der Evangelien und ihres Jesusbildes, dann stelle sich - so Kardinal Schönborn - freilich eine viel radikalere Frage: "Wenn Jesus so war, wie ihn die Evangelien darstellen, ist er dann als Gestalt glaubwürdig? Ist sein Selbstverständnis nicht maßlose Selbstüberschätzung, eine anmaßende Überhebung?" Nach den Worten von Papst Benedikt war ein Anstoß, dieses Buch zu schreiben, die Begegnung mit dem Buch des jüdischen Gelehrten Jacob Neusner" "Ein Rabbi spricht mit Jesus".
Neusner habe sich in diesem Buch sozusagen "unter die Hörer der Bergpredigt eingereiht und im Anschluss daran ein Gespräch mit Jesus versucht". Dieser Disput des gläubigen Juden mit Jesus habe dem Papst - wie er schreibt - mehr als andere Auslegungen "die Augen geöffnet für die Größe von Jesu Wort und für die Entscheidung, vor die uns das Evangelium stellt". Benedikt XVI. wolle als Christ in das Gespräch des Rabbi mit Jesus eintreten, um das authentisch Jüdische und das Geheimnis Jesu besser zu verstehen.
An diesen "Trialog" habe Papst Benedikt XVI. bereits als Kardinal Ratzinger gedacht, als er Rabbi Neusners Buch als "das bei weitem wichtigste Buch für den jüdisch-christlichen Dialog, das in den letzten Jahren veröffentlicht worden ist", bezeichnet hatte. Sein jetzt veröffentlichtes Jesus-Buch löse dieses Versprechen ein, so Kardinal Schönborn. In dem Buch von Rabbi Neusner werde deutlich, dass es nicht die Kirche oder der Apostel Paulus war, die einen "sanften, liberalen, prophetischen oder wie sonst immer gearteten Wanderprediger aus Galiläa zum Gottessohn hochstilisiert" habe. Vielmehr stelle Jesus selbst in seinem ganzen Tun und Reden "Anspruch, der Gott allein zusteht", unterstrich Kardinal Schönborn. Das sei die "zentrale Thematik" des Buches "Jesus von Nazareth".
Übersetzung in 32 Sprachen
Mit dem Wiener Erzbischof saßen der Dekan der waldensischen (protestantischen) Theologischen Fakultät in Rom, Prof. Daniele Garrone, und der laizistische Philosoph (und Bürgermeister von Venedig) Prof. Massimo Cacciari auf dem Podium. Der vatikanische Pressesprecher, P. Federico Lombardi SJ, leitete die Präsentation, zu der nicht nur Journalisten, sondern auch Persönlichkeiten des öffentlichen und kulturellen Lebens eingeladen waren.
Der ORF sendet am Sonntag um 12.30 Uhr in der Sendung "Orientierung" ein Schaltgespräch über das neue Buch. Dabei wird Prof. Thomas Söding, Bibelwissenschafter in Wuppertal und Mitglied der Internationalen Theologenkommission im Vatikan, auf die wichtigsten Passagen hinweisen. Söding hat das Buch des Papstes, das am Montag im "Herder"-Verlag in einer deutschsprachigen Startauflage von 150.000 Stück erscheint, vorab intensiv studiert und hält es für "revolutionär".
Am Montag erscheinen zeitgleich die italienische, die deutsche und die polnische Ausgabe. Es ist der Tag, des 80. Geburtstages von Joseph Ratzinger, drei Tage später wird er sein zweijähriges Amtsjubiläum als Papst feiern. Das Buch wird bereits in 32 Sprachen übersetzt, "weitere werden voraussichtlich noch hinzukommen", heißt es bei "Herder".
Ratzinger, vor seiner römischen Zeit als renommierter Theologieprofessor tätig, geht auf Methoden und Erkenntnisse der modernen Exegese ein, übernimmt aber nicht ihre Schlussfolgerungen. Seit den fünfziger Jahren wurde insbesondere durch die historisch-kritische Forschung die in der Bibel grundgelegte Gottessohnschaft Jesu in Frage gestellt und als erst im Nachhinein entwickeltes theologisches Konstrukt interpretiert. "Der Riss zwischen dem 'historischen Jesus' und dem 'Christus des Glaubens' wurde immer tiefer, beides brach zusehends auseinander", schreibt Benedikt XVI. im Vorwort. Die Gestalt Jesu habe immer mehr an Kontur verloren: "Zugleich freilich wurden die Rekonstruktionen dieses Jesus, der hinter den Traditionen der Evangelisten und ihrer Quellen gesucht werden musste, immer gegensätzlicher: vom antirömischen Revolutionär, der auf den Umsturz der bestehenden Mächte hinarbeitet und freilich scheitert, bis zum sanften Moralisten, der alles billigt und dabei unbegreiflicherweise selber unter dieRäder kommt".
Der Papst will deutlich machen, dass solche Jesus-Bilder lediglich "Fotografien" der jeweiligen Autoren waren, aber keineFreilegung des historischen Jesus, wie er in der Bibel geschildert wird.
Benedikt XVI. selbst betont, dass sein Buch "in keiner Weise ein lehramtlicher Akt" sei, sondern einzig Ausdruck seines "persönlichen Suchens 'nach dem Angesicht des Herrn'". Im Vorwort schreibt Ratzinger weiter, er habe erste Entwürfe bereits während der Sommerferien 2003 verfasst, als er noch Kardinal war: "Nach meiner Wahl zum Papst habe ich jede freie Minute damit verbracht, das Werk fortzuführen".
Garrone: "Leidenschaftliche Meditation"
Daniele Garrone, Dekan der protestantischen Waldenser-Universität in Rom, würdigte das Buch als "leidenschaftliche Meditation" eines Gläubigen, kritisierte aber zugleich seinen apologetischen Charakter. Ratzinger versuche den historischen Jesus und den Jesus des Glaubens in Deckung zu bringen. So wie sich die Existenz Gottes nicht philosophisch oder naturwissenschaftlich beweisen ließe, könne man niemanden argumentativ überzeugen, dass sich in Jesus Christus der wahre Gott zeige. Im Zentrum des christlichen Glaubens stehe gerade das nicht rational aufweisbare Paradox der Menschwerdung Gottes und seiner Hingabe am Kreuz.
Garrone räumte aber ein, es sei erfreulich, dass es endlich einmal nicht um irgendwelche "Werte" gehe, sondern um "die Mitte und den Motor unseres Glaubens, um Jesus Christus".
Der als Laizist geltende Philosoph Massimo Cacciari hob hervor, das Dramatische aus philosophischer Sicht bestehe darin, dass nach dem Johannesevangelium die Wahrheit in Christus und die Suche nach der Wahrheit in eins fielen und trotzdem ihre Differenz behielten. Die Offenbarung Christi sei noch unvollendet, solange die "Kinder Gottes" noch nicht vollendet seien, sagte Cacciari mit Bezug auf die biblische Aufforderung Jesu: "Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist". Dieser Aspekt werde von Ratzinger nicht ausreichend berücksichtigt.
Der Glaube biete rational keine letzte Versicherung; der Glaubende könne nur sicher sein, dass der Vater ihn erwarte. Darin lägen Größe und Paradox des Glaubens, sagte Cacciari, der zugleich Bürgermeister von Venedig ist.
"Werk eines großen Theologen"
Vatikan-Sprecher P. Federico Lombardi bezeichnete das Buch über Jesus als das "Werk eines großen Theologen, der sein ganzes Leben dem Studium und der Meditation gewidmet hat". "Heute begrüßen wir ein langerwartetes und wichtiges Buch, das sehr schön ist", meinte Lombardi.
In Italien werden 350.000 Exemplare des Papst-Buches auf den Markt kommen, sagte Piergaetano Marchetti, Präsident der Mailänder Verlagsgruppe RCS Mediagroup.
Bei "Herder" in Freiburg mussten die Druckmaschinen kurzfristig noch einmal Höchstleistung bringen: Weil die Nachfrage so enorm ist, erhöhte der Verlag die Startauflage für "Jesus von Nazareth", das neue Buch von Papst Benedikt XVI., wenige Tage vor dem Verkaufsstart um 50.000. Mit 200.000 Exemplaren kommt das 448 Seiten starke Werk am Montag in die Läden. "Die Vorbestellungen aus dem Buchhandel sind enorm und wir gehen davon aus, dass das Buch sämtliche Ratzinger/Benedikt XVI.-Rekorde brechen wird", sagte "Herder"-Sprecherin Melanie Geppert.
Laut Geppert brachte Ratzinger gemessen am schwierigen Thema Theologie schon vor seiner Wahl zum Papst gute Auflagen mit zum Teil bis zu 40.000 Exemplaren. Nach der Wahl zum Papst vor zwei Jahren verzeichnete der Verlag zunächst einen deutlichen Anstieg, der mittlerweile allerdings wieder auf ein normales Level gesunken ist, wie die Herder-Sprecherin berichtete.