Interreligiöser Dialog braucht Fundamentalismuskritik
Wien, 17.4.07 (KAP) Die Bedingung eines gelingenden interreligiösen Dialogs mit dem Islam sei eine "klar und deutlich ausformulierte Fundamentalismuskritik", wozu auch eine Kritik an einem Schriftverständnis zähle, das eine "Heilige Schrift vergötze, anstatt sie kritisch zu lesen". Dies betonte der heuer emeritierte Frankfurter Fundamentaltheologe (und Ratzinger-Schüler) Prof. Siegfried Wiedenhofer bei einem Vortrag im Wiener Institut für Ethik in der Medizin, der auf Einladung der "Kontaktstelle für Weltreligionen" (KWR) stattfand . Zugleich sei jedoch auch die "Kritik am religiösen Liberalismus" notwendiger Bestandteil des interreligiösen Dialogs, so Wiedenhofer weiter. Dieser sei gerade in Europa sehr verbreitet und trete überall dort in Erscheinung, wo man "die Wahrheit Gottes und die göttliche Zeichengestalt so weit auseinanderdividiert, dass es keinen Ort Gottes und des Heiligen mehr in der Welt gibt".
Weiterhin betonte Wiedenhofer, dass die "Fundamentalismusfrage" nur lösbar sei, wenn man ernst nehme, was der Fundamentalismus angreife. So kritisiere er in erster Linie, dass das westliche Religionsverständnis "die Göttlichkeit Gottes nicht ernst genug nehme" und "das Heilige keinen Platz mehr in der Welt habe". Bekämpfen lasse sich der Fundamentalismus nur, so Wiedenhofer, wenn man erkenne, dass in dieser Kritik auch "ein Funken Wahrheit verborgen liegt".
In seinem Vortrag unter dem Titel "Der Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte in Jesus Christus" ging Wiedenhofer auf die Frage eines "christlichen Absolutheits- und Wahrheitsanspruchs" ein. Dieser Anspruch sei religionsgeschichtlich keine Besonderheit, so Wiedenhofer, es komme jedoch darauf an, die "feinen Unterschiede" in der Artikulation dieses Anspruchs deutlich zu machen. So bestehe das Besondere des christlichen Anspruchs zum einen darin, dass die "erfahrbare Gestalt des Göttlichen eine geschichtliche Person, Jesus Christus, in ihrem Handeln und Leiden ist" und zum anderen, dass "in dieser geschichtlichen Person Gott selbst in die Geschichte eintritt und so das Elend der Gottferne in die Lebensfülle der Gottgemeinschaft wandelt".
Siegfried Wiedenhofer, der aus der Steiermark stammt, war bis zu seiner Emeritierung Professor fürFundamentaltheologie und Dogmatik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zwischen 1960 und 1967 studierte er katholische Theologie und Philosophie in Graz, Bonn, Münster und Tübingen. Von 1967 bis 1969 arbeitete er als Assistent von Joseph Ratzinger am Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Tübingen. 1969 wechselte er gemeinsam mit Ratzinger an die Universität Regensburg. Dort promovierte er 1974 bei seinem Lehrer. Als Ratzinger 1977 zum Erzbischof von München und Freising ernannt wurde, arbeitete Wiedenhofer noch bis 1981 unter dem Nachfolger Ratzingers, P. Christian Schütz, als Assistent. Im Jahr 1980 habilitierte er sich für das Fachgebiet "Dogmatik, Dogmengeschichte und ökumenische Theologie". 1981 übernahm er die Professur für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der Universität Frankfurt. Bis heute steht Wiedenhofer in Kontakt mit seinem damaligen Chef, dem jetzigen Papst.