Konsequent gegen Missbrauch in der Kirche vorgehen
Wien, 18.4.07 (KAP) Gegen sexuellen Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter sollten noch konsequenter Maßnahmen ergriffen werden. Das forderte der Wiener Universitätsseelsorger Msgr. Helmut Schüller bei einer Podiumsdiskussion im Anschluss an eine Vorstellung des Theaterstückes "Die Beichte" von Felix Mitterer, in dem es um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche geht. Seitens der kirchlichen Gruppierungen und deren Verantwortungsträger brauche es eine hohe Bereitschaft, sich dieser Problematik zu öffnen, so Schüller.
Das Mitterer-Stück sei ihm nahe gegangen, sagte Schüller; ein Priester, der in einer Beichte auf sein früheres Missbrauchsopfer trifft, lässt sich von diesem mit seinen früheren Taten konfrontieren. Es ergeben sich immerhin Ansätze zu Gespräch und Aufarbeitung, stellte Schüller fest. Dieser Umgang mit Schuld zeige eigentlich den "Optimalfall", der leider in der Realität nur sehr selten beobachtbar sei. Manche in der Kirche ließen im Bestreben, "durch unangenehme Dinge nicht an moralischer Autorität zu verlieren", oft konsequente Schritte vermissen. Nicht alle stellten sich zweifelsfrei hinter die Bemühungen um eine rückhaltlose Aufdeckung entsprechender Vorwürfe. "Man will sich damit nicht konfrontieren", bedauerte der Hochschulseelsorger.
Schüller - er war früher Leiter der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche - diskutierte im Wiener Semperdepot u.a. mit seinem Nachfolger in dieser Funktion, dem Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Max Friedrich, sowie Autor Felix Mitterer.
Der Priester plädierte dafür, sich genau anzuschauen, wem in der Kirche junge oder abhängige Menschen anvertraut werden; dies müsse auch für ehrenamtlich Tätige gelten, die nicht unter direkter Dienstaufsicht stünden. Auch bei der Berufsbegleitung der in der Kinder- und Jugendarbeit engagierten gelte es große Sorgfalt zu verwenden. Und schließlich dürfe die Kirche nicht nur den Opfern Augenmerk schenken - auch die Täter bräuchten vielfach Unterstützung, betonte Schüller, der als Ombudsmann für seinen damaligen Zuständigkeitsbereich - die Erzdiözese Wien - gemeinsam mit Fachleuten einen Maßnahmenkatalog für den Umgang mit Missbrauchsfällen und zur besseren Vorbeugung erarbeitete.
Schüller wies auf das Spezifische an Fällen sexueller Übergriffe durch kirchliche Vertreter hin: Wenn Menschen, die fundamentale Dinge wie das Verhältnis zu Gott ansprechen, selbst zu Tätern werden, sei eine "fatale und tragische Schädigung" die Folge. Meist seien auch gesellschaftlich angesehene Personen betroffen - das verstärke den "Reflex" des Verleugnens nach dem Motto: "Das kann und will man sich nicht vorstellen". Die Aggression, die durch ins Wanken geratene Weltbilder ausgelöst werde, gelte dann oft den Opfern, berichtete Schüller.
Mancherorts würden "teils nolens volens, teils aus Einsicht" die Probleme angegangen. Schüller erzählte vom Besuch bei vorbildlichen kirchlichen Einrichtungen in England, wo freilich auch die Gesetzeslage zu Konsequenz anhalte: Jeder englische Verein sei verpflichtet, seine in der Kinder- und Jugendarbeit tätigen Mitarbeiter auf Unbedenklichkeit prüfen zu lassen.
Papst setzte wichtiges "Signal"
Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich sagte, er sei von Papst Benedikt XVI. positiv überrascht worden, der kurz nach seinem Amtsantritt einen des sexuellen Missbrauchs überführten Ordensgründer "in die Wüste geschickt" habe. Bei diesem Themenkomplex lasse sich der Papst von einem anerkannten deutschen Kinderpsychiater kompetent beraten. Dies habe er als wichtiges "Signal" empfunden, als "Lichtblick", dem freilich noch weitere folgen müssten, damit sich "etwas grundsätzlich ändert".
Die Österreicher seien gerade einer hierarchisch strukturierten Institution wie der Kirche gegenüber sehr autoritätsgläubig, das dämpfe die Zivilcourage, meinte Friedrich. Seinen Erfahrungen nach werde "viel unter den Tisch gekehrt".
Dass es Missbrauch vor allem in der katholischen Kirche gebe, wies Friedrich allerdings zurück. Nicht nur Jungschargruppen, auch Knabenchöre oder Kinder- und Jugendorganisationen von Parteien können jederzeit betroffen sein: "Das kann überall vorkommen."
Die "Viktimisierung" der Opfer eines sexuellen Übergriffs geschehe häufig in dreifacher Form, so Friedrich: erstens durch den Gewaltakt selbst, dann durch die Erfordernis, seine Glaubwürdigkeit beweisen zu müssen, und zuletzt durch die Gefahr, als Lügner dazustehen, wenn dem Gericht "die Suppe zu dünn" für eine Verurteilung erscheint.
"Moralische Verzweiflung"
Er wolle mit seinen Stücken Anstoß dazu geben, über gesellschaftliche Problemfelder zu reden, betonte der Erfolgsautor Mitterer. Anlass für sein Stück "Die Beichte" waren Missbrauchsfälle in der irischen katholischen Kirche, die ein "gesellschaftliches Erdbeben" ausgelöst hätten. In der Folge habe sich auch die Kirche selbst für eine rückhaltlose Aufklärung der Vergehen eingesetzt und hohe Schadensersatzzahlungen an die Opfer geleistet. Er habe aber auch in Österreich recherchiert und zwei Fälle in sein Stück einfließen lassen. Missbräuche durch Kirchenvertreter sei neben jenen in der eigenen Familie die gravierendsten, da die Kirche - so Mitterer - als moralische Instanz einen Menschen "in die allergrößte Verzweiflung" führe, wenn sie dem nicht gerecht wird.
"Die Beichte" ist noch bis 28. April täglich um 20.30 Uhr im Semperdepot (Lehargasse 6, 1060 Wien) zu sehen.