Carl Friedrich von Weizsäcker 94jährig verstorben
Wien, 30.4.07 (katholisch.at) Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker ist tot. Er starb am Samstag, den 28. April, im Alter von 94 Jahren in Söcking am Starnberger See/Bayern. Von Weizsäcker, Bruder des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, galt als Universalgelehrter. In seinen letzten Lebensjahren hat er sich inbesondere in der Friedensforschung engagiert. Er galt als Mahner und Querdenker, dessen Wort über Parteigrenzen hinweg Gehör fand. Nach dem Tod seiner Frau Gundalena im Jahr 2000, mit der er 63 Jahre lang verheiratet war, lebte von Weizsäcker teilweise in Starnberg sowie bei seiner Tochter in Rott am Inn.
Religiöse Sensibilität
Auch in Kirchenkreisen genoss der gläubige Protestant hohes Ansehen. So setzte er sich unter anderem für die ökumenische Weltversammlung 1990 in Seoul ein. Dabei prägte von Weizsäcker die Schlagwörter "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" als Überlebensmaximen für die Menschheit. Diese Ziele sind seiner Ansicht nach auch weiterhin anzustreben. Vor allem die Kirchen könnten dafür "sehr viel tun". Für ihn selbst war seit Kindertagen die Bergpredigt die zentrale, sein Leben prägende Botschaft. Auch wenn die Menschen sich nicht daran hielten, seien diese Aussagen "ganz offenbar wahr", vor allem die Forderung der Nächstenliebe, so von Weizsäcker.
Dass von Weizsäcker von großer religiöser Sensibilität war, wird insbesondere in seiner autobiographischen Skizze deutlich, die er 1975 in dem Band "Philosophie in Selbstdarstellungen II" publizierte. Dari schilderte von Weizsäcker das Erlebnis einer "wunderbaren Sternennacht, ganz allein". Von Weizsäcker formulierte: "In der unaussprechbaren Herrlichkeit des Sternhimmels war irgendwie Gott gegenwärtig. Zugleich aber wusste ich, dass die Sterne Gaskugeln sind, aus Atomen bestehend, die den Gesetzen der Physik genügen. Die Spannung zwischen diesen beiden Wahrheiten kann nicht unauflöslich sein. Wie aber kann man sie lösen? Wäre es möglich, auch in den Gesetzen der Physik einen Abglanz Gottes zu finden?"
"Aufgeklärter Mystiker"
In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" wird von Weizsäcker als "Philosoph unter Physikern, Physiker unter Philosophen" gewürdigt. Dabei sei er mit der Wissenschaft ebenso vertraut gewesen wie mit der Politik der Kunst, der Metaphysik und der Religion, so Manfred Lindinger. Klaus Podak würdigte von Weizsäcker in der "Süddeutschen Zeitung" als einen "durch Wissenschaft aufgeklärten Mystiker der europäischen Geistesgeschichte". Wie Podak betonte, ging es von Weizsäcker stets "um das große Ganze" und um den Menschen "als Teil dieses Ganzen". Er habe etwas "unserer Zeit ganz und gar Unmögliches" gesucht, so Podak, indem er "unermüdlich an einer vollständigen Erklärung der Welt durch eine einzige Theorie" gearbeitet habe.
Von Weizsäcker wurde am 28. Juni 1912 in Kiel geboren. Von 1929 an studierte er in Leipzig, Berlin und Göttingen Physik und Mathematik. Mit 21 Jahren promovierte er als Schüler von Wern Heisenberg und Niels Bohr in Leipzig, 1936 folgte die Habilitation. Bis heute bekannt machte ihn die nach ihm benannte Massenformel zu Berechnung des Energiegehalts von Atomkernen. Anerkennung verschafften ihm außerdem 1938 seine Arbeiten zur Kernfusion und zur Energieerzeugung in der Sonne. Seine Forschungen brachten ihn in Kontakt mit Otto Hahn, dem Entdecker der Kernspaltung. Unter ihm arbeitete er u.a. am Uranprojekt der Nationalsozialisten zum Bau eines Atomreaktor mit. Trotz seiner Distanz zum nationalsozialistischen Regime wird diese Beteiligung bis heute kontrovers diskutiert, da er damit auch an den Versuchen der Herstellung einer Atombombe teilhatte. Zeitlebens hatte er seinen Konformismus mit dem Regime als großen Fehler bereut. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Physiker zu einem vehementen Gegner von Atomwaffen. Selbst den Bau von Reaktoren zur friedlichen Nutzung von Atomenergie lehnte er bis zuletzt ab und riet, stattdessen auf alternative Energien zu setzen. Von 1970 bis 1980 leitete er zusammen mit dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt (nach seiner Emeritierung 1980 umbenannt in "Max-Planck-Institut für Sozialwissenschaften"). 1979 wurde ihm von SPD und FDP eine Kandidatur um das Amt des Bundespräsidenten angetragen, die von Weizsäcker jedoch ablehnte. 1992 legte er sein zwölfhundert Seiten starkes Lebenswerk "Zeit und Wissen" vor, in dem er versucht, die philosophischen Grundlagen der Physik zu formulieren. Die letzten Jahre verbrachte er zurückgezogen in seinem Haus in Söcking am Starnberger See/Bayern. Dort verstarb er 94jährig am Samstag, den 28. April.
