Von der "Suppenküche" zum "Konzern der Nächstenliebe"
Wien, 2.5.07 (KAP) Den unabdingbaren Auftrag der Kirche, sich für die Armen und Ausgegrenzten einzusetzen und "sozialer Brandmelder" zu sein, hat der Wiener Caritasdirektor Michael Landau bekräftigt. Bei einem Symposion im Wiener Kardinal-König-Haus anlässlich des 15. Todestages des früheren langjährigen Caritaspräsidenten Leopold Ungar würdigte Landau dessen große Verdienste um die Caritas. Ungar habe die Caritas von einer "Suppenküche" zu einem "Konzern der Nächstenliebe" umgestaltet. Mit seinem Leben und Wirken sei Leopold Ungar auch heute ein großes Vorbild für die Caritas. Für die Kirche und für die Gesellschaft müsse klar sein, dass Spiritualität und Solidarität untrennbar zusammengehören. Christus habe die Kirche nicht zum "Ja-Sagen" gestiftet, sondern als "Zeichen des Widerspruchs" dort, wo dem Menschen Würde und Rechte vorenthalten werden, so Landau.
Der thematische Schwerpunkt des Symposions lautete "Die östlichen Kirchenväter und ihr sozialer Anspruch". Livia Neureiter vom Institut für Ökumenische Theologie, Ostkirchenkunde und Patrologie der Universität Graz wies darauf hin, dass sozial-karitative Themen und Fragen des Zusammenhangs von Reichtum und Armut schon in der Antike eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Verbindung von Spiritualität und Solidarität sei etwa von den Kirchenvätern Basilius dem Großen (330-379), Gregor von Nazianz (329-390) und Gregor von Nyssa (335-394) herausgearbeitet worden.
In ihren Predigten hätten alle drei die wohlhabenden Menschen dazu aufgefordert, ihrer Verantwortung nachzukommen. Sie hätten gegen die Habsucht der Reichen und für eine verantwortungsvolle Umverteilung des Reichtums gepredigt, in dem sie reichliche Spenden für die Armen forderten. Gleichzeitig haben die drei Kirchenväter selbst in ihrem Leben karitativ gewirkt, in dem sie sich der Nöte der Menschen ihrer Zeit persönlich annahmen. So verkaufte etwa Basilius, Sohn eines wohlhabenden Mannes, alle seine Ländereien, um während einer Hungersnot mit dem Erlös den Armen zu helfen. Er spendete nicht nur, sondern band sich auch selbst eine Schürze um, um Suppe für die Armen zu kochen. Die Sozialwerke (Spitäler, Altersheime, Armenspeisung), die Basilius in Cäsarea ins Leben rief, waren einmalig für die Geschichte der frühen Christenheit.
Zentral bei diesen drei Kirchenvätern sei der Hinweis auf das gemeinsame Menschsein von Armen und Reichen und die Bedürftigkeit aller nach der göttlichen Gnade, so Neureiter weiter. Das konkrete solidarische Handeln am bedürftigen Nächsten sei immer aktuell, und das Wirken der Kirchenväter des 4. Jahrhunderts könne deshalb auch Perspektiven für die Gegenwart geben.
Werner Binnenstein-Bachstein von der Caritas Wien wies darauf hin, dass sich das "sichtbare Bild der Armut" heute vielfach verändert habe und die "unsichtbare, versteckte Armut" zunehme. Als ein gegenwärtiger Gradmesser von Armut könne auch die Anzahl von konkreten Wahlmöglichkeiten, die ein Mensch in der Gesellschaft habe, gelten. Als eines der aktuellsten Themen in diesem Zusammenhang nannte Binnenstein-Bachstein das Phänomen "Armut trotz Job" der sogenannten "working poor", deren Erwerbsarbeit oft nicht mehr existenzsichernd sei.
Vor dem Symposion zelebrierten Caritasdirektor Landau, sein Vorgänger in dieser Funktion, Msgr. Helmut Schüller, und Jesuitenpater Gernot Wisser, Leiter des Kardinal-König-Hauses, in der Kapelle des Kardinal-König-Hauses einen Gedenkgottesdienst für Leopold Ungar. Ungar war von 1950 bis 1988 Wiener Caritasdirektor, von 1964 bis 1991 zugleich auch österreichischer Caritaspräsident.