Gertrud Fussenegger wird 95
Wien, 7.5.07 (KAP) Die Schriftstellerin Gertrud Fussenegger wird am 8. Mai 95 Jahre alt. Die Werkliste ihrer zum Teil mehrmals aufgelegten Bücher umfasst mehr als 50 Titel, dazu kommen Beiträge in rund 200 Anthologien. Nicht alles, was sie geschrieben habe, spiegle ihr Bekenntnis zum Katholizismus wider, "aber ich hoffe, dass ich in allem - oder fast allem - Respekt vor christlichen Grundwerten bewahrt und dokumentiert habe", sagte Fussenegger einmal einem Interview für die Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag". Die menschliche Natur und ihre "immer wieder erfahrbare, freilich auch immer wieder gefährdete Begegnung mit dem Göttlichen" habe sie oft zum Thema ihres Schreibens gemacht. In der heutigen Zeit der "Über-Information" komme das "eigentlich Wichtigste", die Sinnfrage, zu kurz.
Fussenegger wurde am 8. Mai 1912 als Tochter eines Offiziers in Pilsen (Plzen) geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Galizien, Böhmen, Vorarlberg und Tirol. Nach der Matura 1930 am Realgymnasium in Pilsen studierte die spätere Schriftstellerin an den Universitäten Innsbruck und München Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie.
Ihre erste große schriftstellerische Talentprobe legte Fussenegger 1932 mit dem Roman "Geschlecht im Advent" ab. Zwar wurde die 1937 veröffentlichte "Mohrenlegende" vom NS-Regime als "katholisches Machwerk" verboten, doch fanden ihre Bücher, Gedichte und Rezensionen in allen wichtigen NSDAP-Organen Verbreitung. So druckte der "Völkische Beobachter" 1938 als erste Zeitung ihr Gedicht "Stimme der Ostmark" ab, das Fussenegger nach 1945 massive Kritik einbrachte, weil es als Bejubelung des Untergangs Österreichs und Verherrlichung des "Führers" verstanden wurde. Rund 50 Jahre danach sagte die Autorin, es täte ihr leid, "viele gute Gedanken verschwendet" zu haben "auf eine Sache, die dann ein Gräuel war". Bereits während des Zweiten Weltkrieges kehrte sie wieder zu ihren katholischen Wurzeln zurück.
Einige ihrer Werke wurden 1946 in Berlin und Wien auf die "Liste der gesperrten Autoren und Bücher" gesetzt. Doch bald begann für Fussenegger eine ungemein intensive Schaffensperiode. Mit einer Reihe ihrer Werke erlangte sie internationales Ansehen, etwa mit der Trilogie "Die Brüder von Lasawa", "Das Haus der dunklen Krüge" und "Das verschüttete Antlitz" über eineFamilie in Böhmen, mit ihrer 1979 veröffentlichten Autobiografie "Spiegelbild mit Feuersäule", aber auch mit ihrem 1983 in Form von Aufzeichnungen und Dokumenten gestalteten Roman "Sie waren Zeitgenossen", der ein Bild Israels zur Zeit Jesu entwirft.
Gertrud Fussenegger lebt seit 1961 in Leonding bei Linz. Die Autorin ist seit 1959 Mitglied des PEN-Clubs; sie ist Trägerin zahlreicher Auszeichnungen.
