Das war die "Lange Nacht der Kirchen" 2007
Ein katholisch.at-Spaziergang durch die "Lange Nacht" in Wien - Eindrücke, Erfahrungen und Begegnungen
Mit einem ökumenischen Vespergottesdienst in der Lutherischen Stadtkirche in der Inneren Stadt begann sie am Freitag, 1. Juni, um 18 Uhr: die dritte "Lange Nacht der Kirchen" - heuer gleichzeitig in Graz, Klagenfurt, Linz, Salzburg und Wien. Vertreter aller christlicher Konfessionen hoben dabei vor allem eines hervor: den ökumenischen Charakter der "Langen Nacht". So sei sie ein "deutliches Zeichen gelingender Ökumene" und zugleich ein "Zeugnis dafür, dass es nur eine Kirche Jesu Christi gibt", betonte in der Vesper der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl. Als ökumenisches Zeichen verweist die "Lange Nacht" zugleich auch auf "das" ökumenische Ereignis des Jahres, so der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos: auf die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung (EÖV3) in Sibiu im September. Sein eindringlicher Appell: "Öffnen wir die Tore unserer Kirchen, nicht nur in der 'Langen Nacht', sondern jeden Tag und jede Nacht, sodaß jeder in unseren Kirchen wieder ein Zuhause der Freude, der Liebe und der Geborgenheit finden kann".
Mit diesen Worten wurden die zahlreichen Zuhörer in eine bewegte und spanneden Nacht entlassen.
In der Ruprechtskirche im ersten Bezirk stand am Beginn der "Langen Nacht" die umstrittene neue "Bibel in gerechter Sprache" im Mittelpunkt. Einzelne Passagen wurden vorgetragen und mit anderen Bibelübersetzungen verglichen. Zur Auflockerung stellten einige Mitglieder der Katholischen Frauenbewegung biblische Ausschnitte szenisch dar. Die Meinungen zur neuen Bibelübersetzung waren durchaus geteilt. Eine Diskutantin sagte, sie schätze an der "Bibel in gerechter Sprache", dass biblische Frauengestalten besser zur Geltung kommen. Der Rektor der Ruprechtskirche, P. Gernot Wisser, entgegnete, dass er viele Passagen für theologisch höchst bedenklich hält. Einig zeigte man sich darin, dass die "Bibel in gerechter Sprache" immerhin zu einer neuen intensiven Auseinandersetzung mit der Bibel provoziert.
Wenige Gassen weiter wurde in der griechisch-katholischen Kirche St. Barbara ein orthodoxer Gottesdienst gefeiert: die Litirgie des Heiligen Johannes Chrysostomos. Chorgesänge in ukrainischer Sprache wechselten sich mit Lesungen auf Deutsch ab. Die kleine Barockkirche in der Postgasse füllte sich bald bis auf den letzten Platz. Die Besucher wurden in eine Welt am Schnittpunkt von lateinischer und byzantinischer Kirchenkultur "entführt".
Am anderen Ende der Stadt, in der evangelischen Kirche der Justizanstalt Simmering, ging es während dessen um den Alltag im Gefängnis. In der gut besuchten Kirche kamen Angehörige von Häftlingen und Justizwachebeamte zu Wort und erzählen über ihr Leben mit dem Gefängnis. Wie es ist, wenn man mit dem in Haft sitzenden Partner nur zwei Mal die Woche für 15 Minuten durch Telefon und Glasscheibe kommunizieren kann. Und überraschend: Auch ein Gefängnisleiter fühlt sich bisweilen ohnmächtig. Einig waren sich alle über die wichtige Rolle, die die Gefängnisseelsorger im "Häfn-Alltag" spielen.
In der Kirche St. Peter im ersten Bezirk führte Diözesankonservatorin Hiltigund Schreiber durch die Kirche und erklärt Kunst und Kultur. Auch hier das selbe Bild: bis auf die letzte Reihe voll besetzte Kirchenbänke. Schreiber wußte auch aus erster Hand interessante Details über die Restaurierung der Kirche zu berichten. So wurde das Gotteshaus erst in den Jahren von 2001 bis 2004 einer gründlichen Renovierung unterzogen. Nach einer guten Stunde endete die Veranstaltungen mit geistlichen Liedern des Chors von St. Peter.
Biblisches Buffet
Nicht nur um Nahrung für Geist und Seele ging es in der "Langen Nacht": Auch an das leibliche Wohl wurde gedacht. Das seit zweieinhalb Jahren bestehende Bibelzentrum beim Museumsquartier bot hungrigen Besuchern allerlei Köstlichkeiten am "biblischen Buffet", d.h.: Alles zubereitet nach alten biblischen Rezepten. Ein Auszug aus Speisenplan und Zutaten: Datteln, Maulbeeren, Gewürzwein, Pistaziensorbet, Rosen- und Apfel-Salat sowie Joghurt-Drinks. Ein bunt gemischtes Publikum kostete sich durch die kulinarische Seite der heiligen Schriften und genießt zugleich in ruhiger Atmosphäre die sonstigen Angebote des Zentrums: die Bibelausstellung sowie interaktive Medieninstallationen zur Heiligen Schrift. Und zwischen Schafkäse und kandierten Rosenblättern bekam auch ein Vortrag über das Hohelied der Liebe nochmals eine besondere Note.
Derweilen erlebte das Priesterseminar der Erzdiözese Wien in der Bolzmanngasse einen Besucheransturm wie wohl nur selten. Regens Nikolaus Krasa konnte sich über ein mehr als volles Haus freuen. Der Hauptgrund dafür: die Diskussion von Weihbischof Krätzl mit der Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi und dem Philosophen Franz Schuh: "Kehrt der Glaube nach Europa zurück?" - so das Thema des Abends. Wem bei den hoch geistigen Ausflügen des Philosophen Schuh der Kopf rauchte, der konnte sich im Anschluss im Garten des Seminars bei einem Buffet ein wenig entspannen oder mit einem der Seminaristen eine Führung durch das Haus unternehmen.
Während im Priesterseminar noch philosophiert wurde, ging es in der Votivkirche handfester zur Sache. In der Schauwerkstatt erzählten fachkundige Restauratoren über ihre Erfahrungen mit alten Altären, abgebrochenen Figuren und viel zu langen Nägel. Sie zeigten, wie man Vergoldungen anbringt und fehlende Ornamente nachmodelliert. Weniger kunstvoll aber genauso notwendig: Verschmutzte Silberteile müssen mühsam von Hand unter Verwendung spezieller Flüssigkeiten von Schmutz befreit werden.
Besinnung und Gebet
Erleuchtet vom flackernden Kerzenschein hunderter kleiner Teelichter, die die Besucher auf ein dekorativ drapiertes Tuch auf den Stufen zum Altar stellen, präsentierte sich die Karlskirche. Es dominierte eine Atmosphäre der Besinnung und des stillen Gebetes. Die Besucher konnten ihre Sorgen und Bitte aber auch ihren Dank auf einen Zettel schreiben und vor Gott auf die Stufen des Altares bringen. Während die Menschen in kleinen Gruppen am Lichtermeer niederknieten, bildete sich auch eine Warteschlange vor dem Panoramalift, der eine Kuppelbesichtigung ermöglichte. Zwischen den meditativen Gesängen eines Chores trugen prominente Persönlichkeiten ihr liebsten Bibelstellen vor und erzählten über die Bedeutung für ihr Leben. So auch die Sängerin Sandra Pires, die ihre Beziehung zu Gott auch noch in zwei Liedern auszudrücken versuchte.
Von ständig wechselnden Lichteffekten und Klängen durchflutet zeigte sich die ganze Nacht über der Wiener Stephansdom. Dompfarrer Anton Faber berichtete von begeisterten und tief bewegten Besuchern, denen durch die geschickte Mischung von Musik, Farbenspiel und Tuchinstallationen "ganz neue Begegnungsräume zu Gotteserfahrungen" eröffnet wurden. Bereits im Vorjahr hatte der deutsche Künstler Stefan Knor mit über 300 Lampen, von einem zentralen Regiepult gesteuert, den Dom in ein "leuchtendes Zelt Gottes" verwandelt, so Faber. Den Großteil des Abends verbrachte er im Mittelschiff des Domes, wo er unzählige Hände schüttelte und begeisterten Zuspruch für diese Aktion erhielt. "Bei fast 40.000 Besuchern war das ein ganzes Stück Arbeit", zieht Faber ein zufriedens Resümee der "Langen Nacht der Kirchen".
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