"Wir brauchen eine Globalisierung der Gerechtigkeit"
Graz, 1.6.07 (KAP) Für eine "Globalisierung der Gerechtigkeit" hat sich der Wiener Pastoraltheologe Prof. Paul M. Zulehner bei einer Veranstaltung der "Solidarregion Weiz" ausgesprochen. Das aus der kirchlichen Erneuerungsbewegung "Weizer Pfingstvision" hervorgegangene Projekt versteht sich als überkonfessionelle und überparteiliche "Initiative für eine Globalisierung an der Basis", so Initiator Fery Berger. Das Projekt der "Solidarregion" bezeichnete Zulehner als "richtungweisend und zukunftsträchtig". Aus solchen Initiativen müsse die Kraft zu einer "Globalisierung der Gerechtigkeit" geschöpft werden.
Die "Informatisierung" der Gesellschaft, ein "vagabundierender Reichtum" und die starke Veränderung der Altersstruktur würden zunehmend "Globalisierungsverlierer" produzieren, sagte der Wiener Pastoraltheologe in seiner Analyse. Diesem Trend müsse durch eine "Verknüpfung von Solidarität und Spiritualität" entgegengetreten werden. Die in Weiz vorgelebte "Mikrosolidarität" sei ein erfreulicher und ermutigender Anfang, es müsse jedoch zu einer Ausweitung dieser Solidarisierungsbewegung kommen.
Bei einem anschließenden Seminar vor Führungskräften des mittleren Managements stellte Prof. Zulehner in Weiz die Themen "Solidarität zwischen Arbeitswelt und Familienwelt" und "Solidarität innerhalb der Arbeitswelt" in den Vordergrund. Wie Zulehner betonte, habe sich Mitteleuropa zu einer "kinderabweisenden Gesellschaft" entwickelt, an der auch die Wirtschaft Mitschuld trage. Wo die Produktion "toter Güter" den Vorzug vor "lebenden Gütern" erhalte, bleibe "wenig Kraft zum Teilen übrig". Wörtlich sagte Zulehner: "Man müsste heute das Glück haben, als Auto zur Welt zu kommen, dann wäre man moralisch gut beschützt". In der Diskussion stand die Frage im Mittelpunkt, wie Wirtschaft und Sozialstaat gemeinsam an der Schaffung familienfreundlicherer Strukturen arbeiten können.
Die Initiative "Solidarregion Weiz" lässt sich, wie Fery Berger betonte, von der "Vision der großen Weltfamilie" leiten. Als Weizer Bürger sei man zugleich auch "Bürger dieser Welt" und damit zur "Förderung regionaler und globaler Solidarität" angehalten.
Vor dem Hintergrund der Verhandlungen über den Verkauf der in Weiz angesiedelten "Siemens"-Tochter "VA-Tech Hydro" und dem drohenden Verlust von 900 Arbeitsplätzen in der Region hatte sich die "Solidarregion" im Jahr 2005 als ein alle gesellschaftlichen Kräfte umspannendes "Netzwerk der Solidarität" gebildet, um für eine faire Globalisierung zu werben. Zwölf Leitprojekte wurden entwickelt, von denen bisher sieben durchgeführt werden konnten. U.a. ging es dabei um das Projekt "Solidarsparbuch/Solidarkredit" zur Förderung älterer Arbeitsloser, die Plattform "Eine Welt", die durch Sammlung von jährlich einem Euro pro Einwohner des Bezirks Weiz Projekte in ärmeren Regionen finanziert und die Begegnungsstätte "Haus für Jung und Alt" in St. Ruprecht.
Bei einem abschließenden "Solidargespräch" zum Thema "Was heißt Solidarität in einer globalisierten Welt?" ortete Caritas-Präsident Franz Küberl einen über wirtschaftliche Fragen hinausgehenden "großen Solidaritätsbedarf" im Bereich des Umgangs mit natürlichen Ressourcen sowie bei der Frage der Armut und der Migrationspolitik. Küberl spitzte diese Notwendigkeit der Ausdehnung der Solidarität mit dem Satz zu: "Die Armen wissen, wo die Reichen wohnen". Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb schloss sich der Forderung nach einer Ausweitung auf den ökologischen Bereich an und stellte fest, dass ohne weltweite Solidarität die Herausforderung des Klimawandels nicht zu bewältigen sei. Prof. Zulehner verwies darauf, dass Solidarität bereits jetzt "recht erfolgreich" in vernetzten Pfarren, Ordensgemeinschaften und karitativen Einrichtungen gelebt wird. Eine "nur private Gläubigkeit" hingegen kenne solche Solidarisierungsmöglichkeiten nicht. Wörtlich sagte Zulehner: "Solidarität ist eine mit der Gerechtigkeit verbundene Tugend, sich stark zu machen für einen offenen Zugang möglichst vieler zu den knapper werdenden Lebenschancen in der einswerdenden Welt".