Suess: Papst trug zu "herzlichem Pluralismus" bei
Wien, 11.6.07 (KAP) Papst Benedikt XVI. hat in Brasilien dazu beigetragen, dass die V. Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats von "herzlichem Pluralismus" gekennzeichnet war: Das betonte der deutsch-brasilianische Theologe Paulo Suess bei einer Pressekonferenz am Montag in Wien. Suess ist Referent bei der für Montag/Dienstag im Missionshaus St. Gabriel bei Mödling angesetzten Studientagung der "Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwickung und Mission" (KOO) zum Thema "Missionarische Kirche in Lateinamerika - und in Österreich". Die V. Vollversammlung des lateinamerikanischen Episkopats war am 31. Mai in Aparecida zu Ende gegangen. Das Schlussdokument ist nicht veröffentlicht. Es wurde am Montag im Vatikan dem Papst übergeben.
Der Papst habe in seiner Ansprache von Aparecida die für die Theologie der Befreiung zentrale Idee der Option für die Armen "an das Christus-Bild gebunden", betonte Suess. Das sei wichtig gewesen. Es bedeute die "endgültige Aufnahme dieser These in die offizielle Theologie".
Nicht einverstanden sei er - so Suess - mit jener Passage in der Papstrede, in der Benedikt XVI. den christlichen Glauben als Erfüllung der Sehnsüchte der Präkolumbianer postuliert habe: "Denn die evangeliumswidrige Vermittlung dieses Glaubens wurde übersprungen. Dieser Glaube hat Gewalt erlitten". Deshalb habe er auch in Interviews Kritik an der Sichtweise Benedikts XVI. geübt, sagte der Theologe.
Schließlich habe der Papst am 23. Mai "einen Rückzieher" gemacht. Er habe bei der Generaudienz auf die Fehler der Conquista hingewiesen und betont, "dass auch einiges schief gegangen ist".
Für Suess ist dabei das "augustinisch-thomistische" Weltbild Benedikts XVI. das grundsätzliche Problem: "Er hat Schwierigkeiten, mit der konkreten Geschichte zurecht zu kommen". Ein Schlüssel dafür sei sein Vortrag bei den Salzburger Hochschulwochen 1992. Damals habe Joseph Ratzinger die griechische Kultur als "providenziell" für die Verbreitung des Evangeliums bezeichnet. "Es gibt aber keine Norm-Kultur für das Evangelium", meinte der Theologe.
Insgesamt habe die Papstreise nach Brasilien aber positive Effekte für den - vor allem in Vergleich zu Santo Domingo 1992 - sehr guten Verlauf der Bischofsversammlung von Aparecida gehabt, bilanzierte Suess. Weil es aber in Aparecida an großen Theologen gefehlt habe, werde im Schlussdokument sehr viel aus den Ansprachen Benedikts XVI. in Brasilien zitiert.
Der Begriff "Befreiungstheologie" komme im Dokument jedoch nicht vor. "Aber die Inhalte sind da", so Suess. Im einzelnen erwähnte er die Option für die Armen, das Schema Sehen-Urteilen-Handeln, die Basisgemeinden, die Bibelbewegung und die Ökologie.
Freilich sei ein grundsätzliches Problem für die Befreiungstheologie, dass sich in Brasilien seit 1998 die Ausbildungspraxis für Priester wieder ganz in die Seminare verschoben habe. Dort hörten die Kandidaten wenig über Befreiungstheologie oder Basisgemeinden: "Viele sind hingegen hingezogen zu Padre Marcelo Rossi. Sie wollen deshalb vor allem guten Gesangsunterricht".
Rossi ist Priester und brasilianischer "Charts-Stürmer", er kommt aus der Charismatischen Erneuerung. Suess übte bei der Pressekonferenz scharfe Kritik an Rossis TV-Messen: "Das bleibt Luftablassen bei Musik, da geht es nur um Einschaltquote, das ist hochgepäppelt". (ende)