Requiem: Versöhnung stand im Mittelpunkt
Wien, 23.6.07 (KAP) Die Frage der Versöhnung stellte Kardinal Christoph Schönborn am Samstag im Wiener Stephansdom beim Requiem für den verstorbenen Altbundespräsidenten - und einstigen UN-Generalsekretär - Kurt Waldheim in den Mittelpunkt seiner Predigt. Der Wiener Erzbischof erinnerte an den klaren Auftrag Jesu in der Bergpredigt: "Versöhne dich, bevor du vor Gott hintrittst". Aus dem "Letzten Wort" Waldheims mit seiner großen Versöhnungsbitte werde, so Schönborn, ein tiefes Wissen um das spürbar, was die Welt heller machen könnte: "Die bedingungslose, erwartungsfreie Versöhnung".
Kurt Waldheim sei, wie Kardinal Schönborn betonte, mit seinem eigenen Leben und seiner Aufgabe als Friedenssucher wie kaum ein Zweiter am Kreuzungspunkt der "menschlichen und politischen Grundfrage" gestanden, "wie viel Vergessen und wie viel Bewahren der Mensch braucht". Beides sei im rechten Maß notwendig: "Würden wir uns an alles Böse erinnern, das auf unserer Geschichte lastet, wir könnten nicht leben. Umgekehrt aber gilt auch: Würden wir alles vergessen, was falsch und böse war, wir wären keine Menschen. Wir könnten nichts bedenken und nichts lernen. Wir hätten keine Vergangenheit und damit auch keine Zukunft".
Versöhnung könne niemandem verordnet werden, hielt der Wiener Erzbischof fest. Dieser Anruf könne nicht von außen erzwungen werden, er müsse von innen kommen, und er brauche den Raum der Gnade. Kardinal Schönborn zitierte das Wort des Apostels Paulus: "Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat". Die Regel des Umgangs miteinander müsse lauten: "Wie Gott mir, so ich dir". In einer gnadenlosen "Beschuldigungsgesellschaft" sei es so schwer, Schuld und Versagen ehrlich zu thematisieren, weil der "Raum des Wohlwollens" fehle. Ohne diesen "Raum des Wohlwollens" werde die Selbstrechtfertigung zum Überlebenszwang.
Wie Kardinal Schönborn betonte, könne niemand bestreiten, dass Kurt Waldheim nach der Erfahrung von Diktatur und Krieg, von Tod und Elend sein Leben ganz auf Versöhnung gesetzt habe - in seiner Berufsentscheidung, in seinem jahrzehntelangen Wirken für Österreich und die Völkergemeinschaft, das auch von Papst Benedikt XVI. in seinem Kondolenztelegramm zum Begräbnis gewürdigt werde. Waldheim habe früher als andere erkannt, dass "Friede und Gerechtigkeit, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit untrennbar sind". Wie kaum ein anderer Österreicher sei Waldheim im "enormen Spannungsfeld der Interessen und Hoffnungen so vieler Völker, Nationen, Machtgruppen" exponiert und gefordert gewesen. Inmitten dieser Widersprüche und Gegensätze zu leben und um Gerechtigkeit, Versöhnung, Frieden zu ringen, mache verwundbar: "Niemand lebt gefährlicher als der Vermittler, der Versöhner, der Friedenssucher". Vielleicht habe Waldheim auch dort noch zu verbinden und Belastendes auszuklammern versucht, wo Unversöhnliches gegeneinander steht und als unversöhnlich benannt werden muss.
Ausdrücklich würdigte der Wiener Erzbischof das vorbildliche Familienleben Waldheims: "Ohne die Gnade dieser glücklichen Ehe wäre die Last der Ämter, noch mehr die Last ungerechter Beschuldigungen nicht zu ertragen gewesen".
Das offizielle Österreich war anwesend
Mit Bundespräsident Heinz Fischer an der Spitze waren die Repräsentanten des offiziellen Österreich beim Requiem im Dom anwesend. Auch zahlreiche Vertreter des Diplomatischen Corps waren gekommen.
Der Apostolische Nuntius, Erzbischof Edmond Farhat repräsentierte den Heiligen Stuhl. Konzelebranten des Kardinals waren Altbischof Maximilian Aichern, Weihbischof Franz Scharl, der ständige Vertreter des Heiligen Stuhls bei den Wiener UN-Organisationen, Msgr. Michael Balach, Propst Maximilian Fürnsinn, Msgr. Michael Landau, und die beiden Heimatpfarrer Waldheims, P. Albin Scheuch (Wien-St. Augustin) und David Holzner (Nußdorf am Attersee). Unter den anwesenden Klerikern war auch Militärbischof Christian Werner. Die Ökumene war u.a. durch den griechisch-orthodoxen Metropoliten Michael Staikos, den armenisch-apostolischen Erzbischof Mesrob Krikorian und den evangelisch-lutherischen Bischof Herwig Sturm vertreten.