Deutschkenntnisse sind nicht nur ein Migrantenthema
Salzburg, 19.7.07 (KAP) In Österreich und in Deutschland hat ein konstanter Prozentsatz von fünf bis sieben Prozent der Kinder Probleme beim Erwerb der Erstsprache. "Diese Probleme betreffen ausschließlich den Spracherwerb und sind keine Folgeprobleme von allfälligen anderen kognitiven Entwicklungsauffälligkeiten", verwies die Wiener Sprachwissenschaftlerin Prof. Chris Schaner-Wolles bei der Internationalen Pädagogischen Werktagung in Salzburg auf aktuelle empirische Studien.
Chris Schaner-Wolles nahm auch zu dem derzeit in Österreich innenpolitisch brisanten Diskurs über die Einführung eines verpflichtenden Vorschuljahres Stellung: Je früher der Kontakt mit einer neuen Sprache - im konkreten Fall dem Deutschen - hergestellt wird, desto unkomplizierter verlaufe er. Schaner-Wolles widersprach der weit verbreiteten Meinung, Kinder aus Migrantenfamilien könnten schon besser Deutsch, wenn ihre Eltern mit ihnen in der Familie das auch sprechen würden: "Wenn Eltern, die die deutsche Sprache schlecht beherrschen, mit ihren Kindern nicht in der Muttersprache, sondern auf deutsch reden, entwickeln die Kinder eine Nicht-Sprache, eine Halbsprachigkeit. Sie sind dann in keiner Sprache wirklich zu Hause".
Die Wiener Sprachwissenschaftlerin wies darauf hin, dass Mehrsprachigkeit weltweit üblicher als Einsprachigkeit ist. Mehrsprachigkeit sei "immer ein Gewinn".
Verstehen verlangt mehr als Sprachkompetenz
Die Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Prof. Barbara Friebertshäuser veranschaulichte an Hand der Jugendkultur, dass Sprache die Welt vermittelt und soziale Zugehörigkeit ausdrückt. Konflikte zwischen der Jugendkultur und der Schulkultur zeigten sich beispielsweise im Tragen bzw. im Verbot bestimmter Kleidungsstücke wie Baseballmützen. "'Coolness' entstand ursprünglich als Ausdruck einer Überlebensstrategie gegen Demütigungen", so Friebertshäuser in ihrem Vortrag über "Sprache und Nicht-Sprachliches - Zum Problem des Verstehens in der Pädagogik". Sprachbarrieren seien Quellen vieler Missverständnisse. Was für den Schüler Abgrenzung bedeute, könnte für einen Lehrer Provokation heißen.
Verstehen setze neben Sprache immer auch Nicht-Sprachliches voraus, so Friebertshäuser. Feldforschungen zeigten, dass Sprachliches häufig überschätzt wird: "Vergessen wir nicht, auf die stummen Botschaften Heranwachsender zu hören", so der abschließende Appell der Erziehungswissenschaftlerin. (ende)