Pflege: "Es geht um Menschlichkeit und Verantwortung"
Wiener Neustadt, 26.7.07 (KAP) Bei Pflege geht es um Menschlichkeit und um Verantwortung und nicht um Geld: Dies betonte der Caritasdirektor der Erzdiözese Wien, Msgr. Michael Landau, in Pernitz (Niederösterreich) bei der Präsentation des neuen Buches des langjährigen Chefredakteurs und Herausgebers der Tageszeitung "Die Presse", Prof. Thomas Chorherr. Der Publizist, nach einer Gehirnblutung im Jahr 1993 selbst ein Betroffener, hat unter dem Titel "Hilfe, wer pflegt mich?" im "Ueberreuter"-Verlag eine scharfsinnige Situationsanalyse vorgelegt, die "Fakten, Standpunkte, Perspektiven" aufzeigt. Bei der Präsentation fasste Chorherr in einem Satz zusammen, was viele Menschen mit "Handicap" bewegt: "Ich bin nicht behindert, ich werde behindert". In Pernitz waren auch Staatssekretärin Christine Marek und die niederösterreichische Sozial-Landesrätin Petra Bohuslav anwesend; ein "Markt der Möglichkeiten" präsentierte unterschiedliche Organisationen und Einrichtungen, die im Bereich Pflege aktiv sind.
Thomas Chorherr skizzierte auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen Wege aus der seelischen Hoffnungslosigkeit und der praktischen Isolation. "Pflege dich selbst" sei ein wichtiger Aufruf an Pflegebedürftige: "Man darf nicht verzweifeln. Ich habe mich nicht fallen gelassen". Zeit zu schenken, sei der wichtigste Teil des Pflegens: "Zeit ist das Wertvollste".
Zugleich appellierte Chorherr an die Verantwortlichen für die Gestaltung des öffentlichen Raumes, auf die Situation der Menschen mit "Handicap" mehr Rücksicht zu nehmen. Faktisch seien unzählige Behinderte, Kranke, Ältere durch "Barrieren" (Rolltreppen und dergleichen) von vielen Dingen ausgeschlossen, die für ihre gesunden Mitbürgerinnen und Mitbürger selbstverständlich sind.
Im Vorwort seines Buches verweist Chorherr darauf, dass es derzeit in Österreich 550.000 Pflegebedürftige gibt: "2011 werden es bereits 800.000 sein und 2050 wird sich die Zahl auf eine runde Million verdoppelt haben". 80 Prozent der Menschen, die betreut und meist auch gepflegt werden müssen, würden zu Hause versorgt. Gleichzeitig mache sich immer deutlicher eine Änderung der Gesellschafts- und vor allem der Familienstruktur bemerkbar: "Die Menschen werden immer älter und jene, die sie betreuen und pflegen sollen, immer weniger". Ausdrücklich zitiert der Publizist im Vorwort seines Buches die Frage "Wer ist mein Nächster?" Die Antwort finde man nicht zuletzt im biblischen Gleichnis vom Barmherzigen Samariter.
Caritasdirektor Landau plädierte eindringlich für eine "Kultur des Hinschauens" im Zusammenhang mit der Pflegediskussion. Landau wünschte sich eine intensive "Nachdenkarbeit" und erinnerte an die Aussagen von Kardinal Franz König über die Älteren und die Sterbenden. Zugleich verwies der Caritasdirektor auf Positiventwicklungen wie das niederösterreichische Pilotprojekt "Rundum zuhause", eine legale Form der 24-Stunden-Betreuung. Man müsse aber auch die Frage stellen, wie man Menschen helfen könne, die fünf bis sechs Stunden Pflege am Tag brauchen; eine besondere Sorge gelte auch den Demenzkranken, die nach den aktuellen Bestimmungen keine Unterstützung erhalten.