Sorge um Weiterführung des "freiwilligen Sozialjahres"
Ein Kompetenzstreit zwischen Sozial- und Familienministerium gefährdet derzeit massiv die Fortführung des "Freiwilligen Sozialjahres". Seit knapp einem Jahr bekommen Mädchen und Burschen für diesen knapp ein Jahr dauernden sozialen Dienst zusätzlich zu einem Taschengeld noch 150 Euro monatlich. Nicht zuletzt wegen dieser Förderung ist die Zahl der Interessenten im Einsatzjahr 2006/07 um rund 20 Prozent gegenüber dem Jahr davor gestiegen. Diese spezielle Förderung wird möglicherweise aber nicht verlängert, da sich derzeit weder Sozial- noch Familienministerium zuständig fühlen.
Judith Marte, Vorsitzende des "Vereins zur Förderung freiwilliger sozialer Dienste", sprach am Montag im Gespräch mit "Kathpress" von einem absurden Schauspiel und einem "verheerenden politischen Signal an die Jugend".
Wer sich für ein "freiwilliges soziales Dienstjahr" interessiert, kann dies entweder über das Projekt "Freiwilliges soziales Jahr" (FSJ), einen "diakonischen Einsatz" im Rahmen der evangelischen Diakonie oder die "Soziale Berufsorientierung Vorarlberg" tun. Hinter dem Trägerverein des "Freiwilligen sozialen Jahres" stehen u.a. die Katholische Jugend, die Katholische Jungschar und Kolping Österreich. Die Vorarlberger Initiative wird u.a. vom Institut für Sozialdienste, der Lebenshilfe und der Caritas getragen.
Die Jugendlichen erhalten für ihre Tätigkeit ein Taschengeld und sind in der Zeit des Einsatzes umfassend sozialversichert. Weil sie aber keine Familienbeihilfe während des Einsatzjahres erhalten, wurde seitens des Sozialministeriums für das Einsatzjahr 2006/2007 erstmals im Wege einer Sonderrichtlinie eine Ersatzleistung entworfen. Die Trägervereine erhalten eine Sonderförderung, um damit den Teilnehmern des Freiwilligen sozialen Dienstjahres monatlich den besagten Betrag von 150 Euro als Ersatz für die Familienbeihilfe überweisen zu können. Diese Sonderrichtlinie läuft allerdings mit Ende Juli 2007 aus. Sozialminister Buchinger und Familienministerin Kdolsky spielen sich nun gegenseitig den Ball zu, wer die Förderung weiter auszahlen soll.
Marte machte im "Kathpress"-Gespräch darauf aufmerksam, dass für viele Jugendliche aus weniger bemittelten Familien der Verlust der Familienbeihilfe ein sehr großes Hindernis darstelle und es so manchen aus diesem Grund nicht möglich sei, das FSJ zu absolvieren. Die Sonderrichtlinie habe hier vorübergehend ein wenig Abhilfe geschaffen.
Rasche Klärung des Streits
Auch Diakoniedirektor Michael Chalupka forderte am Montag im "Ö 1- Morgenjournal" eine rasche Klärung des Streits, um die Fortführung des Sozialprojekts nicht zu gefährden. Bisher gebe es keine konkreten Zusagen, sondern nur freundliche Bekundungen, dass sich alle bemühen. Es sei aber an der Zeit, dass konkret ein Ergebnis auf den Tisch gelegt werde, so Chalupka, denn "die jungen Menschen melden sich jetzt an und wollen jetzt wissen, wie es im nächsten Jahr weitergeht".
Das freiwillige Sozialjahr sei wichtig, damit junge Menschen in Behinderten-Heimen, in der Alten- und Pflegebetreuung Eindrücke gewinnen und Erfahrungen sammeln können, betonte Chalupka: "Wir brauchen junge Leute, die sich mit dieser Thematik auseinander setzen und wir brauchen vor allem auch Leute, die in einer Orientierungsphase sehen können, ob sie dafür geeignet sind oder nicht. Gerade in der Pflege, in der Betreuung von Menschen mit Behinderung oder von alten Menschen brauchen wir in Zukunft viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; das ist der Arbeitsmarkt der Zukunft".
Absurde Gesetzeslage
Judith Marte machte im "Kathpress"-Gespräch auf die derzeitige absurde Gesetzeslage aufmerksam: Wer etwa das FSJ nützen will, um sich intensiv auf die Ausbildung in einer sozialen Bildungseinrichtung vorzubereiten, und 37,5 Stunden pro Woche für ein Taschengeld einen wichtigen Dienst versieht, verliert die Familienbeihilfe. Wer im selben Zeitraum nichts tut und sich arbeitslos meldet, kann diese Beihilfe aber weiterhin beziehen. Das sei völlig unverständlich.
Die Trägerorganisationen des freiwilligen sozialen Jahres fordern deshalb ein Gesetz, dass die Zuerkennung der Familienbeihilfe für das Einsatzjahr beinhaltet. Bis zur Umsetzung dieses Gesetzes müsse die Förderung nach der Sonderrichtlinie zum Freiwilligen Sozialdienstjahr weiter bezahlt werden.
360 aktuelle Absolventen
Mit 31. Juli 2007 beenden rund 200 junge Menschen ihren Einsatz im Rahmen des FSJ. 10 bzw. 11 Monate engagierten sie sich bei Kindern, Jugendlichen und alten Menschen, bei Menschen mit Beeinträchtigung. Weitere 80 junge Österreicher absolvierten einen diakonischen Einsatz. Auch in Vorarlberg waren rund 80 Jugendliche im Einsatz. Insgesamt haben in den vergangenen zehn Jahren knapp 2.500 junge Menschen ein freiwilliges soziales Dienstjahr absolviert.