"Judas-Evangelium": Widerstand unter Theologen
Rom-Hamburg, 9.4.06 (KAP) Unter den christlichen Theologen regt sich Widerstand gegen die "PR-Operation" um das so genannte Judas-Evangelium. So bezeichnete der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke die gnostische Schrift aus dem 2. Jahrhundert als "inhaltlich abwegig". Jaschke hat über den Heiligen Irenäus von Lyon promoviert, der im 2. Jahrhundert vor dem Judas-Evangelium gewarnt hatte, in dem das Verhalten des Judas Iskariot vom Verrat zur Mitwirkung am Heilsgeschehen umgedeutet wird. Die Gnosis war eine religiös-philosophische Bewegung, die u.a. den biblischen Schöpfergott und damit auch die materielle Schöpfung ablehnte und in der Folge lehrte, dass Jesus nur einen "Scheinleib" gehabt habe.
Bei dem Text, der jetzt so viel Wirbel verursacht, handelt es sich um eine Handschrift in koptischer Sprache, vermutlich aus dem 4. Jahrhundert, die vor rund 25 Jahren in Ägypten entdeckt wurde. Die Handschrift wurde von der Basler "Maecenas"-Stiftung erworben und dem Genfer Koptologen Rodolphe Kasser zur Edition und Übersetzung übergeben. Am Palmsonntag widmet der TV-Sender "National Geographic Channel" dem als "Sensation" verkauften Text eine ausführliche Dokumentation.
"Der enorme kommerzielle Erfolg des 'Da Vinci Code'-Buches hat unzweifelhaft auch andere angespornt. Auch sie wollen verdienen. Jede Theorie gegen das überlieferte Verständnis des Christentums, wie schräg auch immer sie sein mag, wird als Triumph über den christlichen Glauben gefeiert", so der Theologe Prof. Thomas Williams in einem Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur "Zenit". Williams ist Dekan an der Päpstlichen "Regina Apostolorum"-Universität in Rom.
Der Inhalt der jetzt vieldiskutierten Handschrift sei "keineswegs sensationell". Er entspreche der Tendenz einer Vielzahl gnostischer "Evangelien". Die ägyptische Papyrusrolle aus dem 4. Jahrhundert enthalte mit größter Wahrscheinlichkeit eine Kopie eines Textes aus dem Jahre 180, gegen den der Heilige Irenäus von Lyon eine Polemik verfasst hatte. Vieles spreche dafür, dass der Text "von einer gnostischen Sekte, den Kainiten, produziert" wurde (die "Kainiten" bezeichneten Negativgestalten der biblischen Überlieferung wie Kain, Esau oder eben Judas Iskariot als "Heilige").
Der Wuppertaler Bibelwissenschaftler Prof. Thomas Söding betonte, er halte das "Judas-Evangelium" religionsgeschichtlich für interessant, aber nicht für sensationell. "Der Text vermittelt uns keine neuen historischen Einsichten über den Apostel Judas oder den Kreuzestod Jesu", sagte Söding, der auch Mitglied der Päpstlichen Bibelkommission ist: "Der Text, in dem Judas nicht als Verräter, sondern als Erfüller des Willens Jesu dargestellt wird, zeigt eine Facette des Denkens innerhalb der religiösen Bewegung der Gnosis".
Nach christlichem Verständnis war Jesus "wahrer Mensch und wahrer Gott" zugleich. Die Gnostiker konnten diese Vorstellung nicht akzeptieren. Für sie war Jesus auch auf Erden Gott und nur in eine menschliche Hülle gekleidet. Die Gnostiker sprachen daher von einer Schein-Kreuzigung Jesu, bei der Jesus sich seiner menschlichen Hülle entledigt habe.
In dem "Judas-Evangelium" werde daher der biblisch überlieferte Verrat des Judas, Jesus für 30 Silberlinge auszuliefern, positiv umgedeutet. Jesus habe Judas in seine göttliche Mission eingeweiht und dieser habe ihm mit dem Verrat einen letzten Gefallen getan. Söding: "Diese gnostische Sichtweise ist nicht neu, sie ist aber bislang nirgends so zugespitzt gefunden worden wie in dem 'Judas-Evangelium'".
"Weg der vollständigen Negation"
Bei der Vorstellung des "Judas-Evangeliums" durch das Magazin "National Geographic" am Donnerstag in Washington hatte der kanadische Neutestamentler Prof. Craig A. Evans betont, das Dokument enthalte keine Informationen über Leben und Wirken Jesu. Der Text spiegle die frühchristlichen Auseinandersetzungen des 2. Jahrhunderts wider.
Der Augsburger Kirchenhistoriker Prof. Gregor Wurst meinte bei der Präsentantion, es stehe noch nicht fest, ob der in koptischer Sprache verfasste Text identisch mit dem verschollenen griechischen "Judas-Evangelium" ist. Auf diesen Text hatte sich der Heilige Irenäus von Lyon bezogen. Der Verfasser des "Judas-Evangeliums" habe provozieren wollen. Gegenüber den biblischen Evangelisten beschreite er den "Weg der vollständigen Negation".
"Gnostische Umwertung" lange bekannt
Der Heidelberger Theologe Prof. Klaus Berger sagte der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA, in der gnostischen Literatur sei es üblich, alle negativen Aspekte der Bibel ins Positive zu wenden. Diese "gnostische Umwertung" sei in der Wissenschaft bereits lange bekannt.
Auch nach Ansicht des Berliner Handschriftenexperten Hans-Gebhard Bethge enthält der Text wahrscheinlich keine neuen historischen Erkenntnisse über das Leben Jesu oder seiner Jünger. Es sei klar, dass er den "vier biblischen Evangelien nicht den Rang ablaufen" werde. Ohne Zweifel werde der Text aber das Wissen über das Phänomen "Gnosis" bereichern.