Trauer um Kardinal Lustiger
Paris, 6.8.07 (KAP) Der Pariser Alterzbischof, Kardinal Jean-Marie Lustiger, ist am Sonntag in einem Pariser Hospiz einem Krebsleiden erlegen. Lustiger stand im 81. Lebensjahr. Die Trauerfeiern für Lustiger sind für kommenden Freitag vorgesehen.
Der als Sohn einer polnisch-jüdischen Familie in Paris geborene Lustiger gehörte zu den großen Gestalten der Weltkirche. Mit Kardinal Christoph Schönborn war Lustiger besonders verbunden. Gemeinsam mit dem Wiener Erzbischof entwickelte Lustiger das Konzept der "großen Stadtmission", die bisher bereits in Wien, Paris, Lissabon und Brüssel stattgefunden hat. Lustiger ging es dabei darum, dass die Kirche ihre Türen öffnet und zugleich selbst zu den Menschen hinausgeht, um ihnen das Evangelium zu bringen.
Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy brachte am Sonntagabend seine "Traurigkeit" über die Todesnachricht zum Ausdruck. Lustiger sei "eine große Gestalt des geistlichen, moralischen, intellektuellen und religiösen Lebens Frankreichs" gewesen, hieß es in einer in Paris veröffentlichten Erklärung. Die Lebensgeschichte des Kardinals bleibe "zugleich ein Vorbild und ein großes Geheimnis". Auch Kulturministerin Christine Albanel und Innenministerin Michele Alliot-Marie würdigten den Verstorbenen.
Lustiger hatte im vergangenen Oktober mitgeteilt, er sei schwer krank. In einem Hospiz im 15. Pariser Bezirk wurde er seit dem 23. April gepflegt. Im Jänner war er noch einer der Konzelebranten in der Pariser Kathedrale Notre-Dame bei der Gedenkmesse für den verstorbenen Armenpriester Abbe Pierre.
Als Aaron Lustiger wurde der spätere Kardinal am 17. September 1926 in Paris geboren. Seine Eltern waren polnische Juden, die nach Frankreich emigriert waren. Im Alter von 14 Jahren, im Jahre 1940, konvertierte Lustiger zum katholischen Glauben und nahm den Vornamen Jean-Marie an. Zwei Jahre später wurde seine Mutter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
1954 wurde Lustiger in Paris zum Priester geweiht, danach war er 15 Jahre lang Universitätsseelsorger an der Sorbonne. Johannes Paul II. ernannte ihn 1979 zum Bischof von Orleans und 1981 zum Erzbischof von Paris. 1983 wurde er zum Kardinal erhoben.
Kardinal Lustiger galt als enger Vertrauter und Freund von Johannes Paul II. Mit dem polnischen Papst verband ihn die Liebe zur Philosophie. Im Streit um die Sterbehilfe oder die katholischen Privatschulen Frankreichs betonte er die Haltung der Kirche. Auch in Sachen sozialer oder internationaler Gerechtigkeit war er ein unermüdlicher Streiter.
Als Erzbischof von Paris war Lustiger überaus innovativ. Er stellte die Priesterausbildung auf eine neue Basis, baute im säkularisierten Paris neue Gotteshäuser, begründete den katholischen Radiosender "Radio Notre-Dame" und den katholischen TV-Sender "KTO". 1995 wurde er in die "Academie francaise" aufgenommen.
Herzensanliegen des Kardinals war die Aussöhnung zwischen Juden und Christen und die endgültige Überwindung des Antisemitismus. Bei einer Tagung in Wien sagte Lustiger 2005, das Konzilsdekret "Nostra Aetate", mit dem die katholische Kirche 1965 ihre Haltung zum Judentum neu definiert hatte, sei wichtiger gewesen als die "konstantinische Wende" des 4. Jahrhunderts. Die katholische Kirche habe seit der Neudefinition ihrer Beziehungen zum Judentum durch "Nostra aetate" vor 40 Jahren keine Rückschritte gemacht. Sie habe den Juden gezeigt, "dass sie nicht lügt", so Kardinal Lustiger. 1965 war vom Konzil erklärt worden, dass die Kirche das Volk Israel als Träger der auch für die Christen grundlegenden Offenbarung auf dem Berg Sinai sieht und dass Antisemitismus mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar ist.
Zur Frage nach einem generellen Ansteigen des Antisemitismus in den letzten Jahren stellte Lustiger damals fest, dass es neue Formen gebe, die aber nicht aus dem christlichen Bereich kommen. Grundsätzlich verwies der Pariser Alterzbischof darauf, dass es in geschichtlicher Sicht immer zwei Erscheinungsformen des Antisemitismus gegeben habe, eine politische und eine "geistliche". Einerseits sei der Antisemitismus ein politisches Phänomen gewesen; man habe die Judenverfolgung als politisches Instrument eingesetzt. Andererseits hätten die Christen ihre eigenen Sünden und Fehler auf die Juden projiziert. Das sei ein geistliches Problem.
Die Aufklärung habe zwar die politische Diskriminierung beendet, aber auch hier nur für die Juden als Einzelpersonen. Der Kardinal erinnerte an die Parole der Französischen Revolution: "Für die Juden als Menschen alles, für die Juden als Volk nichts". Erst mit der Gründung des Staates Israel sei diese Konzeption überwunden worden. Der Antisemitismus als Projektion der eigenen Fehler auf die jüdischen Menschen bleibe aber ein latentes Problem.
Zum aktuellen Stand der katholisch-jüdischen Beziehungen sagte der Kardinal im Oktober 2005 in Wien, dass die Phase der Entschuldigungen schon vorbei sei. Deshalb habe Papst Benedikt XVI. bei seinem Kölner Synagogenbesuch auch nicht neuerlich eine Vergebungsbitte ausgesprochen. "Wir sind schon weiter. Wir akzeptieren einander, wir respektieren einander", betonte Lustiger. Das zentrale Kontroversthema im Dialog bleibe die Frage nach Jesus, nach dem Messias.