Christen und Juden trauern um Kardinal Lustiger
Paris-Vatikanstadt, 7.8.07 (KAP) Christen und Juden sind in der Trauer um den Pariser Alterzbischof Jean-Marie Lustiger vereint. Papst Benedikt XVI. hat den Kardinal als "große Gestalt der Kirche in Frankreich" gewürdigt. Lustiger sei es um die Entfaltung des "missionarischen Engagements" gegangen, er habe sich in besonderer Weise für die Ausbildung von Priestern und Laien eingesetzt. Als "Mann des Glaubens und des Dialogs" habe sich der Pariser Alterzbischof großherzig für "die Förderung immer brüderlicherer Beziehungen zwischen Christen und Juden" engagiert, schrieb der Papst in einem Beileidstelegramm an den amtierenden Pariser Erzbischof Andre Vingt-Trois. Lustiger sei ein weitsichtiger Intellektueller gewesen, der seine Gaben in den Dienst des Glaubens gestellt habe, um das Evangelium in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gegenwärtig zu machen.
Die Beerdigungsfeierlichkeiten für Kardinal Lustiger sind für Freitag vorgesehen. Mit dem Tod Lustigers zählt das Kardinalskollegium noch 182 Mitglieder. Von diesen sind 105 jünger als 80 Jahre und wären damit bei einer möglichen Papstwahl stimmberechtigt.
"Pionier des jüdisch-christlichen Dialogs"
Als Pionier des jüdisch-christlichen Dialogs hat der Jüdische Weltkongress (WJC) den verstorbenen Pariser Alterzbischof, Kardinal Jean-Marie Lustiger, gewürdigt. Er habe immer gewusst, was Antisemitismus, Hass und Verfolgung bedeuten, und er habe energisch für deren Überwindung gekämpft, heißt es in einer WJC-Erklärung. Lustiger sei als Jude geboren worden, und seine Mutter sei in Auschwitz gestorben, erinnerte der stellvertretende WJC-Generalsekretär Maram Stern.
Lustigers Anstrengungen für ein besseres Verstehen zwischen Juden und Christen seien ein "leuchtendes Beispiel für alle, die gegenseitigen Respekt und Verständnis zwischen Religionen und Kulturen fördern wollen", so Stern weiter: "Sein großer Intellekt, seine Visionen und seine herzliche Persönlichkeit werden sehr vermisst werden".
Der Europäische Jüdische Kongress (EJC) sprach vom "Verlust eines großen menschlichen Gewissens". Lustiger habe Werte hervorgebracht, die den interreligiösen Dialog bleibend bereichert haben, so EJC-Präsident Moshe Kantor.
"Vater, Bruder, Freund"
"Ich habe einen Vater, einen Bruder und einen Freund verloren", sagte der Pariser Erzbischof Andre Vingt-Trois zum Tod von Kardinal Lustiger. Die letzten Wochen seien für seinen Vorgänger "besonders schmerzlich" gewesen. Lustiger sei ein "besonderer Hirte" gewesen, sagte Erzbischof Vingt-Trois und erinnerte insbesondere an Initiativen wie "Radio Notre-Dame", den TV-Sender "KTO" und die "Domschule" (Ecole Cathedrale).
Zugleich verwies Erzbischof Vingt-Trois darauf, dass Lustiger das Kind von "immigres", von "Immigranten", gewesen sei. Deshalb habe er den Mut gehabt, in jedem Fall die Menschenrechte zu verteidigen.
Als Kardinal sei Lustiger ein "treuer und diskreter Ratgeber" der Päpste gewesen; er habe sich für die Evangelisierung der ganzen Welt eingesetzt. Erzbischof Vingt-Trois betonte gleichzeitig, dass es seinem Vorgänger auf Grund seiner persönlichen Geschichte und seiner Reflexion um die Verbesserung der Beziehungen zwischen Christen und Juden gegangen sei.
Der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz, Kardinal Jean-Pierre Ricard (Bordeaux), würdigte Lustiger als einen "Mann Gottes" und eine "reiche und starke Persönlichkeit". Der Primas von Gallien, Kardinal Philippe Barbarin (Lyon), sagte, dass er "dankbar" für die "außerordentliche spirituelle Energie Lustigers" sei. Dieses "spirituelle Feuer" habe mitunter den Personen in der Umgebung Lustigers Probleme gebracht. Die Zusammenarbeit mit Lustiger sei nicht immer von Anfang an leicht gewesen. Aber die Schönheit der Vorschläge Lustigers habe bald die Zustimmung aller möglich gemacht.
Juden und Muslime
Lustiger sei aus "persönlichen geistlichen Motiven" zur katholischen Kirche konvertiert, sagte Richard Prasquier, der Präsident des CRIF (Repräsentativrat der jüdischen Institutionen in Frankreich). Das habe ihn nie daran gehindert, seine Solidarität mit den Juden zum Ausdruck zu bringen. Durch seine "Authentizität" habe Lustiger die Hochachtung der jüdischen Welt gewonnen, was für einen Konvertiten nicht selbstverständlich gewesen sei.
Der israelische Botschafter in Paris, Daniel Shek, bezeichnete den Kardinal als einen "großen Freund des israelischen Staates". Als ein Mensch "der Überzeugung und des gegebenen Worts" habe Lustiger einen besonderen Platz "im Herzen der Israelis" gehabt.
Die "entscheidende Rolle" Lustigers in der Frage der Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum unterstrich Kardinal Georges Cottier in einem Interview mit dem "Figaro". Der verstorbene Kardinal sei wesentlich am Aufbau der christlich-jüdischen Freundschaft beteiligt gewesen.
Auch der Rektor der Großen Moschee in Paris, Dalil Boubakeur, schloss sich der Danksagung an einen "Menschen mit großem Herzen" an. Er verspüre einen "großen Schmerz", Lustiger habe die "großen Tugenden der Kirche in Frankreich" verkörpert, einer Kirche, die sich dem Nächsten, dem Schutzlosen zuwende. Kardinal Lustiger sei den französischen Muslimen immer "mit Wohlwollen und weisem Rat" beigestanden, so Boubakeur. Zugleich habe Lustiger mit allen französischen Bischöfen immer "starke Worte" für die Aufnahme der "Fremden" gefunden.