Sibiu: Christen wollen Europa mitgestalten
Sibiu, 8.9.07 (KAP) "Als Christen teilen wir die Verantwortung, Europa zu einem Kontinent des Friedens, der Solidarität, der Partizipation und der Nachhaltigkeit zu formen": Mit diesem Satz haben die Teilnehmer an der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung (EÖV3) in Sibiu in ihrer Schlusserklärung den Anspruch der Kirchen untermauert, die Welt im Sinn des Evangeliums mitzugestalten. Das Treffen unter dem Motto "Das Licht Christi scheint auf alle" endet am Sonntag mit einer Schlussandacht.
In der am Samstagabend nach zähem Ringen beschlossenen Schlusserklärung wird der Verantwortung für die Schöpfung, den Migranten und der Globalisierung besondere Aufmerksamkeit gezollt. Im Blick auf die Ökumene heißt es in dem fünfseitigen Text, das Zeugnis der Kirchen für Erneuerung und Einheit werde nur dann glaubwürdig sein, "wenn wir unsere Reise in Richtung auf eine sichtbare Einheit fortsetzen". In Sibiu sei die "schmerzhafte Wunde der Trennung der Kirchen" erneut spürbar geworden. Tiefer als diese Trennungen seien aber die "gemeinsamen Wurzeln". Es gebe keine Alternative zum ökumenischen Dialog, die Empfehlungen der "Charta Oecumenica" von 2001 als einer "ermutigenden Richtschnur" sollten dafür noch weiterentwickelt werden.
Die europäischen Staaten werden in der EÖV3-Schlusserklärung aufgefordert, ungerechtfertigte Festnahmen gegenüber Migranten zu stoppen und geordnete Zuwanderung zu gewährleisten und für die Integration von Zuwanderern, Flüchtlingen und Asylwerbern zu sorgen. Die Kirchen werden aufgerufen, ihre seelsorglichen Bemühungen um Migranten zu verstärken und auch für die Rechte ethnischer Minderheiten wie der Roma einzutreten.
Kritische Worte fand die Versammlung in Sibiu für den gegenwärtigen Prozess marktwirtschaftlicher Globalisierung, der die Teilung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer verstärke, die Würde zahlloser Menschen verletze und "katastrophale ökologische Folgen" habe. Ungerechte Handelsbarrieren zwischen Europa und dem "Süden" müssten beseitigt werden. Die UN-Millenniumsziele und die "Versöhnung zwischen Menschheit und Natur" sollten von den Christen in Europa bestmöglich unterstützt werden.
Die Kirchen fordern gewaltfreie Formen der Konfliktlösung, man sei besorgt über die militärische Wiederaufrüstung. "Gewalt und Terrorismus im Namen Gottes sind eine Verleugung von Religion", so die Schlusserklärung. Die EÖV3 rief die Verpflichtungen in Erinnerung, zu denen sich die Kirchen bereits bei den vorangegangenen Versammlungen in Basel (1989) und Graz (1997) bekannt hatten: "Wir bedauern, dass einige davon bis heute nicht erfüllt wurden".
"Wichtig und anregend"
"Wir sind sehr glücklich, dass wir nach Sibiu gekommen sind", sagte der Vorsitzende der "Konferenz Europäischer Kirchen" (CEC), Jean-Arnold de Clermont, am Samstag in der rumänischen Gastgeberstadt des Treffens bei der Abschlusspressekonferenz der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung (EÖV3). Der französische Kardinal Jean-Pierre Ricard, Vizepräsident des "Rates Europäischer Bischofskonferenzen" (CCEE), betonte, die Einheit der Christen beginne immer wieder von neuem.
Die Begegnung sei "wichtig und anregend" gewesen, sagte der Leiter der katholischen deutschen Delegation, Bischof Gerhard Feige. Er sprach sich für eine intensive Weiterführung des konfessionellen Dialogs aus: "Wenn wir keine Rückkehr-Ökumene wollen, müssen wir uns allesamt bewegen und Neues suchen". Zur Lösung dogmatischer Fragen sprach sich der Bischof für bilaterale Gespräche aus, die auf allen Ebenen entfaltet werden müssten. Auch an der Basis müsse man noch viel tun. In manchen Regionen und Gemeinden sei Ökumene kein Thema.
Österreicher ziehen vorsichtig-positive Bilanz
Die österreichischen Delegierten beurteilen die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung (EÖV3) in Sibiu überwiegend positiv. Ein Grund dafür sind nicht zuletzt die seit Jahren bestehenden ökumenischen Kontakte zur rumänisch-orthodoxen Kirche.
Die frühere Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Oberin Christine Gleixner, sagte im Gespräch mit "Kathpress", sie freue sich, dass viele inhaltliche Impulse der österreichischen Delegation in den Schlusstext eingeflossen sind. Gerade die Passagen über Globalisierung und Migration würden die "österreichische Handschrift" tragen, auch die ausdrückliche Erwähnung der Roma und der Probleme behinderter Menschen gehe auf redaktionelle Beiträge der österreichischen Delegation zurück.
Für Gleixner sind in dem Schlussdokument Problemstellungen genannt, "die eine ökumenische Antwort verlangen", wofür in vielen Ländern jedoch noch die Basis fehle. Österreich sei in dieser Hinsicht sicher ein "Erfolgsmodell" in Europa, auch die Gesprächsbasis unter den österreichischen Teilnehmern sei konstruktiv und herzlich gewesen. Bezeichnend für die Ökumene in Österreich ist laut Gleixner die Tatsache, dass ihr Nachfolger an der Spitze des ÖRKÖ, der evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm, am Samstag im Plenum eine "bemerkenswerte Brücke" zum zeitgleichen Papstbesuch in Österreich schlug: Sturm übermittelte der Versammlung der Katholiken in Mariazell herzliche Glückwünsche. Wörtlich sprach er von einer "Brücke des Gebets".
Der erste Entwurf der EÖV3-Schlusserklärung hatte bei vielen Delegierten noch Unmut erregt: Er sei zu vage formuliert und lasse Konkretes vermissen, so der Tenor. Die Vorsitzende der österreichischen "Arbeitsgemeinschaft Schöpfungsverantwortung", Isolde Schönstein, kritisierte im Plenum, bei der EÖV1 vor 18 Jahren in Basel habe die Versammlung im Blick auf ökologische Bedrohungen viel klarer und mutiger formuliert: "Damals war es 5 vor 12, heute - im Jahr 2007 - ist es ist es 5 nach 12, und auf die Verantwortung der Christen in dieser Situation müsste die Versammlung viel deutlicher hinweisen".
Auch andere Delegierte vermissten Konkretisierungen des christlichen Anspruches auf Weltgestaltung. Sie forderten Handlungsempfehlungen und Selbstverpflichtungen der Kirchen, wie sie in Graz beschlossen und auch in Sibiu als notwendiges Zeichen eines glaubwürdigen christlichen Anspruchs auf Weltmitgestaltung erachtet wurden.
Mangel an Diskussion
Der Unmut vieler Delegierter über die gegenüber den Vorträgen sehr knapp bemessenen Zeitfenster für inhaltliche Auseinandersetzung drückte sich in vielen enttäuschten Kommentaren in den Pausen aus. Ein spontan einberufenes "Alternatives Forum" am Freitagnachmittag kündigte "wirkliche Diskussionen" statt "Belehrungen und Grußworte" an.
Reinhard Voß, Generalsekretär von "Pax Christi"-Deutschland, der bei der EÖV1 in Basel mit einem Schiff von Rotterdam den Rhein stromaufwärts nach Basel gefahren war, erklärte, er fühle sich in Sibiu als Delegierter "passiv und machtlos". Auch andere beklagten, sie seien sowohl im Plenum als auch in den Foren in die Rolle von Zuhörern gedrängt. In Basel 1989 und auch in Graz 1997 hätten die Versammlungen der Vielfalt kirchlicher Initiativen viel mehr Platz eingeräumt.
Ehrung von Prof. Larentzakis
Verbundenheit auf spiritueller Ebene wurde bei einer orthodoxen Vesper am Freitagabend in der beeindruckenden, der Hagia Sophia nachempfundenen orthodoxen Kathedrale von Sibiu deutlich: Untermalt von orthodoxem Chorgesang fand die vorabendliche Feier zum "Fest der Geburt der Gottesmutter Maria" mit vielsprachigen Texten und Liedern statt, abschließend wurde allen gesegnetes Brot gereicht.
Eine besondere Ehre wurde nach der Vesper, aber noch in der Kathedrale, dem Grazer griechisch-orthodoxen Theologen Grigorios Larentzakis zuteil, der zum Ehrensenator der Universität Sibiu ernannt wurde. Der Dekan der Orthodoxen Fakultät von Sibiu, Prof. Dorin Oancea, würdigte die Verdienste "eines der renommiertesten orthodoxen Theologen", der mehr als 30 Jahre lang an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Graz orthodoxe Theologie gelehrt habe. Die Fakultäten von Sibiu und Graz sind durch eine Partnerschaft verbunden. Larentzakis, der bei der EÖV2 in Graz Leiter des dortigen Lokalkomitees war, hatte am Beginn der EÖV3 in Sibiu eine Lampe, die anlässlich der Versammlung in Graz angefertigt worden war, mitgebracht. Es sei ein Gruß und "Symbol der Fortsetzung des ökumenischen Geistes", so der Theologe.
In einer Bilanz am Samstag sagte Larentzakis im Gespräch mit "Kathpress", Sibiu werde als wichtige Station und als Ermutigung auf dem Weg der ökumenischen Zusammenarbeit in Erinnerung bleiben. Der europäische ökumenische Geist sei trotz mancher Hindernisse fortgesetzt worden. Gerade die Präsenz von EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Durao Barroso bei der EÖV3 zeige, dass den Kirchen eine wichtige gestalterische Rolle in Europa beigemessen wird.
Prof. Körner: Stations-Charakter sehen
In sozialethischer Sicht falle seine Bilanz "dürftig" aus, fasste der Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), Markus Schlagnitweit, seine Eindrücke über die EÖV3 zusammen. Die Vorgängerversammlungen seien in dieser Hinsicht "weiter gewesen". Er habe in Sibiu die Gelegenheit genützt, auf das Ökumenische Sozialwort der 14 christlichen Kirchen in Österreich hinzuweisen.
Der Grazer Dogmatiker Prof. Bernhard Körner bedauerte es, dass in Sibiu zu wenig zum Ausdruck kam, dass es sich um Abschluss und Höhepunkt einer mehrjährigen Pilgerfahrt gehandelt habe. Die vorangegangenen Treffen in Rom und Wittenberg sowie die Zusammenkünfte auf lokaler Ebene sollten nicht übersehen werden. In Sibiu sei ihm die "ungeheure Spannweite, in der sich christlicher Glaube konkretisiert", deutlich geworden, aber auch die Spannweite zwischen West und Ost, so Körner.
In theologischer Hinsicht habe er an die Versammlung keine hoch gestellten Erwartungen gehabt, so der Grazer Theologe. Hier sei nicht der Ort, um diffizile ökumenische Sachfragen zu behandeln. Die "drängendste Frage", vor der letztlich alle Kirchen in Europa stehen, lautet nach den Worten des Grazer Theologen: "Wie können wir die junge Generation für den christlichen Glauben ansprechen?"
