Stärkere Bekämpfung der Kinder- und Jugendarmut
Wien, 3.10.07 (KAP) Eine viel stärkere Bekämpfung der Kinder- und Jugendarmut in Österreich fordert der Wiener Caritas-Direktor Michael Landau. Bei einer Pressekonferenz aus Anlass des 25-jährigen Bestehens des Caritas-Jugendhauses "JUCA" in Wien sagte Landau, die Zahl von derzeit rund 270.000 armutsgefährdeten Jugendlichen unter 19 Jahren sei "für ein reiches Land wie Österreich ein Skandal und ein echtes Armutszeugnis".
Die Gründe der Armut unter Kindern und Jugendlichen seien vielfältig. Zuallererst stelle die Herkunft aus einer wenig bemittelten Familie für viele Kinder die Weichen in Richtung einer "armen" Zukunft. Armut sei für diese Kinder "ein Entwicklungsrisiko", so Landau. Neben der Frage der materiellen Versorgung seien jedoch auch persönliche biografische Brüche wie das Scheitern von Beziehungen, soziale Entwurzelung oder mangelnde Bildungschancen entscheidende Faktoren der Kinder- und Jugendarmut.
Zugang zum Arbeitsmarkt "Schlüsselthema"
Ein weiteres "Schlüsselthema" bei der Bekämpfung der Jugendarmut sei der Zugang der Jugendlichen zum Arbeitsmarkt. Hier bedürfe es konkreter Schritte wie z.B. eine Verlängerung der Teilnahmemöglichkeit an sozialökonomischen Projekten, durch die insbesondere Arbeitslose und Langzeitsarbeitslose erneut an den Arbeitsmarkt herangeführt und qualifiziert werden. Derzeit würden die Zeitkontingente für diese Projekte von Seiten der Sozial- und Arbeitsämter immer weiter gekürzt. Sinnvoll sei weiters eine Öffnung dieser Projekte auch für jene Menschen, die mangels Versicherungszeiten eigentlich keinen Anspruch auf Teilnahme besitzen.
Ein weiterer zentraler Bereich in der Bekämpfung der Kinder- und Jugendarmut sei das Problem des Drogenmissbrauchs. Hier bedürfe es neuer zusätzlicher niederschwelliger Einrichtungen, die konkrete therapeutische und psychosoziale Hilfe anbieten. Allein unter den jugendlichen Wohnungslosen in Wien leiden laut Landau rund zwei Drittel unter psychischen Problemen, Depressionen oder Suchterkrankungen. "Es geht weniger darum, weitere Platzangebote zu schaffen, als vielmehr darum, zielgruppenspezifische Einrichtungen weiter auszubauen", so der Caritasdirektor.
"Armut ist immer multidimensional"
Die Armutsforscherin Karin Heitzmann von der Wirtschaftsuniversität Wien strich bei der Pressekonferenz heraus, dass es das große Verdienst der Caritas sei, den Menschen "zielgruppenspezifisch und dennoch ganzheitlich zu helfen". Armut sei "immer multidimensional" und betreffe den Menschen als ganzen. Punktuelle Hilfe, die diese ganzheitliche Dimension unterschlage, greife daher zu kurz. Erfreut zeigte sich Heitzmann über die Ankündigung der Regierung, die Kinder- und Jugendarmutsquote von derzeit 15 Prozent bis zum Jahr 2010 auf 10 Prozent senken zu wollen. Wörtlich sagte Heitzmann "Für eine Regierung, die sich sonst um konkrete Zahlen und Ziele drückt, ist das eine erstaunliche und quantitativ nachvollziehbare Ansage".
25 Jahre "JUCA"
Das Jugendhaus "JUCA" der Caritas der Erzdiözese Wien wurde 1982 vom Jesuitenpater Georg Sporschill gegründet. Nachdem es anfangs Platz und Wohnraum für 30 Männer bot, sind es heute 66 Menschen, darunter 16 Frauen, die das Wohnungs- und Betreuungsangebot der Caritas in Anspruch nehmen. Zusätzlich bietet das "JUCA" noch 14 Notschlafstellen. Betreut werden die Bewohner von zwölf Sozialarbeitern und Betreuern sowie weiteren Teilzeitmitarbeitern und drei Zivildienern.
Im Laufe der 25 Jahre haben rund 2.000 Menschen das JUCA durchlaufen. Zahlreiche konnten rasch in eine eigene Wohnung weiter vermittelt werden. Neben einer Kooperation mit sozialökonomischen Projekten, durch die die Jugendlichen erneut an den Arbeitsmarkt herangeführt werden sollen, bietet das "JUCA" Unterstützung bei Schulden- und Suchtproblemen sowie bei der Wohnungssuche. Außerdem bietet es ein ständiges Gesprächsangebot und Unterstützung bei der Strukturierung und Gestaltung des Tagesablaufs.
Neben dem "JUCA" unterhält die Caritas der Erzdiözese Wien mit Hilfe des Fonds Soziales Wien (FSW) acht weitere Wohnhäuser für wohnungslose Menschen, in denen bis zu 460 Personen untergebracht werden können. Dazu kommen 230 Plätze in Notquartieren. Für junge Menschen gibt es neben dem "JUCA" noch die Jugendnotschlafstelle "a_way" am Westbahnhof. Das "FrauenWohnZentrum" und das "Haus Miriam" bieten Unterstützung speziell für Frauen in Notlagen. (ende)