Altern wird Hauptthema der Bioethik
Wien, 4.10.07 (KAP) Die steigende Lebenserwartung und Fragen rund um das Altern werden immer mehr zum Hauptthema der Bioethik: Darauf wies der scheidende Vorsitzende der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt, der Gynäkologe Prof. Johannes Huber, am Mittwochabend beim "Jour fixe" der katholischen Publizisten hin. Dabei gehe es nicht nur um ökonomische Fragen wie die Finanzierbarkeit des Pensionssystems und die Stabilität des bisherigen Generationenvertrages, es sei auch ein psychologisches Problem, wenn sich immer weniger "Junge" immer mehr "Alten" in der Gesellschaft gegenübersähen. Das 4. Gebot werde dadurch ebenso in Frage gestellt, wie das 6., da durch die hohe Lebenserwartung mehr Ehen scheitern als früher.
Auftakt der am Freitag beginnenden vierten Funktionsperiode der neu zusammengesetzten Bioethikkommission - der Huber nicht mehr angehören wird - ist eine internationale Tagung zum Thema Altersforschung. Fachleute aus Medizin, Psychologie und Soziologie erörtern dabei Fragen rund um das Altern; an der abschließenden Podiumsdiskussion über "Die Alterspyramide - Herausforderung für die Gesellschaft" nehmen u.a. die für die Bioethikkommission zuständige Staatssekretärin im Bundeskanzleramt, Heidrun Silhavy, Sozialminister Erwin Buchinger, Seniorenrats-Präsident Karl Blecha und der neue Vorsitzende der Bioethikkommission teil. Die neue Zusammensetzung der Kommission werde am Freitag bekannt gegeben.
Prof. Huber gehörte dem Gremium seit dessen Gründung durch den damaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel im Jahr 2001 an und führte auch den Vorsitz. Im Lauf der Jahre sei es zu einer Neudefinition der Aufgaben der Kommission gekommen, berichtete Huber in seinem Rückblick auf seine sechsjährige Tätigkeit: Seitens der Politik sei erwartet worden, dass Gesetzesvorlagen etwa zur Präimplantationsdiagnostik (PID) ausgearbeitet werden, was das mit nur wenigen Juristen ausgestattete Gremium vor Probleme gestellt habe. Und es habe auch unterschiedliche Einschätzungen der Mitglieder gegeben: In einem Positionspapier der Bioethikkommission zur PID seien zwei konträre Meinungen - einerseits "pro" mit Auflagen und andererseits "kontra" - dargelegt worden. Er habe sich damals selbst "pro" ausgesprochen, mittlerweile gebe es neue Studien, die den Nutzen der PID anzweifeln, so Huber.
In letzter Zeit habe die Kommission sich wieder jenen Aufgaben zuwenden können, für sie nach Einschätzung Hubers kompetent ist: Das Aufzeigen und Bewerten bioethischer Problemfelder. Stärker zum Tragen kommen sollte dabei freilich die Auseinandersetzung mit dem weltanschaulichen Standort, von dem aus die oft unterschiedlichen ethischen Einschätzungen getroffen werden, regte Huber an.
Problemfeld Sterbehilfe
Als Beispiel für brennende Zukunftsthemen, die auch die Bioethikkommission beschäftigen werden, nannte Huber die Sterbehilfe: Hier gelte es einerseits zu akzeptieren, dass leidende Patienten sagen: "Ich möchte nicht mehr", andererseits gebe es dabei enorm viel Missbrauchspotenzial, wenn z.B. das zu erwartende Erbe für die Angehörigen von Monat zu Monat schwindet und daher Druck auf Patienten ausgeübt wird.
Brisanz berge auch das Thema Willensfreiheit: Jüngste Ergebnisse der Hirnforschung könnten so interpretiert werden, dass der Wille weit weniger frei ist als angenommen. Es stelle sich die auch strafrechtlich relevante Frage, ob z.B. bei bösen Taten wirklich Entscheidungsfreiheit und damit Schuld gegeben sei. Vielleicht müsste das Strafrecht eher ein "Wiedergutmachungsrecht" sein, so Huber.
Und auch die Produktion von Chimären - Mensch-Tier-Wesen - als Ersatzteillager für menschliche Organe, die Präventivmedizin, die Neurogenetik und deren Erkenntnisse würden die Bioethik künftig beschäftigen müssen, sagte Huber.
Dass das Thema Bioethik heute auch in der Bevölkerung stärker wahrgenommen wird, wertete der scheidende Vorsitzende als eine der wichtigsten Erfolge der Bioethikkommission. Sein Ausscheiden aus dem Gremium begründete Huber u.a. damit, dass er das Gremium nicht mit dem Expertenstreit über "dendritische Zelltherapie" belasten wolle. Huber war in den vergangenen Monaten kritisiert worden, über die Medien Heilungsversprechen bestimmter Therapien propagiert zu haben und daraus auch finanziellen Nutzen zu ziehen. Der Mediziner hatte die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Er räumte aber ein, im Umgang mit Medien unachtsam gewesen zu sein und entschuldigte sich dafür, wenn "durch die Berichterstattung nicht erfüllbare Hoffnungen" geweckt worden seien.
Beim "Jour fixe" der katholischen Publizisten warnte Prof. Huber ausdrücklich vor "voreiligen Heilungsversprechen", wie sie etwa im Zusammenhang mit der embryonalen Stammzellenforschung geäußert worden seien. Neuere Studien hätten deutlich gemacht, dass die - ethisch unbedenkliche - Forschung mit adulten Stammzellen wesentlich höhere Erfolgschancen hat. (ende)