Bioethikkommission: Neue Vorsitzende
Wien, 6.10.07 (KAP) Die Juristin Christiane Druml von der Ethik-Kommission des Wiener AKH löst den seit Gründung der Kommission im Jahr 2001 amtierenden Vorsitzenden Prof. Johannes Huber an der Spitze der Bioethikkommission ab. Statt bisher 19 hat die Kommission jetzt 25 Mitglieder; Bundeskanzler Alfred Gusenbauer berief 13 der bisherigen Mitglieder auch in die neue Kommission. Stellvertretende Vorsitzende des Gremiums bleiben Günther Pöltner vom Wiener Institut für Philosophie und Christine Mannhalter von der Medizin-Uni Wien. Dem Gremium gehören u.a. auch der Wiener katholische Moraltheologe Günter Virt, der evangelische Theologe Ulrich Körtner, der Rechtsphilosoph Gerhard Luf, die Tiefenpsychologin Marianne Springer-Kremser, der Genetiker Markus Hengstschläger und der Philosoph Peter Kampits an. Erstmals aufgenommen wurde mit Klaus Voget, dem Präsidenten des Österreichischen Zivil-Invalidenverbandes, ein Vertreter von Behindertenorganisationen.
Die Bioethikkommission war 2001 vom damaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel eingesetzt worden. Sie soll als Beratungsorgan in gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen und rechtlichen Fragen dienen, die sich auf dem Gebiet der Humanmedizin und Humanbiologie aus ethischer Sicht ergeben.
Internationale Tagung "Altersforschung" in Wien
Eine internationale Tagung zum Thema "Altersforschung" bildete am Freitag den Auftakt zur neuen Amtsperiode der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt. Einig zeigte man sich darin, dass das Thema Alter gerade im Blick auf den Bereich der Pflege zu einem zentralen Arbeitsschwerpunkt der Bioethikkommission werden müsse. Wie der evangelische Theologe Ulrich Körtner in der Diskussion anmerkte, müsse stärker über "strukturelle Fragen der Ressourcenverteilung im Gesundheitssystem" gesprochen werden, da die derzeitige Ressourcenverteilung mit Schuld daran trage, dass für zahlreiche Menschen "Alter und Pflege zum Armutsrisiko werden".
Auch die neu bestellte Vorsitzende der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt, Christian Druml, betonte die Notwendigkeit, sich verstärkt des Themas "Alter" anzunehmen. Es zeige sich jedoch in Österreich ein "gravierender Mangel an aussagekräftigen empirischen Studien" zu den Fragen des Alterns und der Lebenssituation alter Menschen. Die meisten Studien enden laut Druml mit dem Pensionsalter. Daher müsse es zur Arbeit der Bioethikkommission gehören, zunächst Studien anzuregen, die die gegenwärtige Situation alter Menschen umfassend erfassen, bevor konkrete Empfehlungen ausgearbeitet werden können.
Der Präsident des Österreichischen Seniorenrates, Karl Blecha, forderte eine Ergänzung des derzeitigen Generationenvertrages. Dessen Basis stelle ein steuerlich finanziertes Umlageverfahren dar. Die höhere Lebenserwartung der Senioren und die damit verbundene längere Pensionsbezugsdauer erfordere die Ergänzung dieses Vertrages durch neue finanzielle Quellen. Möglich wäre laut Blecha eine Wertschöpfungsabgabe, durch die insbesondere steuerlich entlastete Unternehmen mit hohen Erträgen wieder stärker in das Solidarsystem eingebunden würden.
Weiters sprach sich Blecha für eine "Entdramatisierung der demographischen Entwicklung" aus. Die Rede von der "Vergreisung der Gesellschaft" entspringe einem "ökonomischen Denken, dass eine steigende Lebenserwartung einzig unter dem Gesichtspunkt steigender Kosten und Lasten sieht", so Blecha.
Prof. Christoph Gisinger, Leiter des Wiener "Hauses der Barmherzigkeit" und Mitglied des Geriatriereferats der Österreichischen Ärztekammer, regte an, auf Grund der steigenden Lebenserwartung über eine Anhebung des Pensionsalters nachzudenken. Eine solche Anhebung wäre laut Gisinger "eine Art Anti-Aging-Mittel", da es zu einer bleibenden Agilität beitrage. Wie Gisinger betonte, bedürfe es dazu jedoch einer politisch durchzusetzenden "deutlichen Veränderung der Arbeitsrahmenbedingungen".
Die Zunahme der Zahl der alten Menschen und das damit verbundene Anwachsen des Pflegebereichs werde "in den nächsten 30 Jahren zum gesellschaftspolitischen Hauptthema" werden, betonte Gisinger. Um darauf angemessen zu reagieren, müsse neben der Anhebung des Pensionsalters auch an der Erschließung neuer Berufsbilder und -felder gearbeitet werden. So bedürfe es dringend des Berufsbildes des Facharztes für Geriatrie.
Gudrun Biffl vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) ging in ihren Ausführungen hart mit der Arbeitsentwicklung im Bereich der Sozial- und Pflegeberufe ins Gericht. So lange der Sektor allein von der öffentlichen Hand finanziert worden sei, habe es "gewisse Standards und Mindestniveaus bei Löhnen und Arbeitszeiten" gegeben. Seit der Arbeitsmarkt jedoch geöffnet wurde, nehme das "Prekariat" dramatisch zu, so Biffl. Dringend geboten sei laut Biffl außerdem eine Angleichung der Ausbildungsstandards im Bereich der Pflege- und Sozialberufe. So lange es keine Vereinheitlichung und Angleichung an EU-Standards gebe, seien österreichische Pflegekräfte auch im Ausland "praktisch nicht vermittelbar". Eine Angleichung der Standards würde zu einer stärkeren Mobilität und damit auch zu einem steigenden Pflegeniveau durch größere Konkurrenzfähigkeit beitragen, so Biffl. (ende)
