Kapellari: Religion macht nicht krank
Graz, 11.10.07 (KAP) Den Generalverdacht der historischen und aktuellen Religionskritik, dass Religion "krank" sei oder "krank macht", hat Bischof Egon Kapellari in Graz bei der Eröffnung des interdisziplinären wissenschaftlichen Kongresses "Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie" zurückgewiesen. "Auch Religion kann krank werden und krank machen. Das rechtfertigt aber nicht jene Religionskritik in Geschichte und Gegenwart, die Religion generell als krank denunzieren wollte oder will", sagte Bischof Kapellari wörtlich. Bei dem dreitägigen Kongress in Graz behandeln 142 Referentinnen und Referenten vor mehr als 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zahlreiche Themen aus dem Spannungsfeld von Religion und psychischer Gesundheit.
Der "Respekt vor dem Menschen" sei ein "humanes Gebot" für alle in Medizin oder Religion Tätigen, die "heilen oder heilen wollen", unterstrich Bischof Kapellari. Diese gemeinsame Überzeugung könne auch zu "helfenden Allianzen" zwischen religiös geprägten und "religiös unmusikalischen" Therapeuten führen. Beiden Gruppen legte der Grazer Bischof ein Wort ans Herz, das Johannes Paul II. 1983 in der Wiener Hofburg den dort versammelten Wissenschaftlern, Künstlern und Publizisten gesagt hatte: "Übersehen und überhören Sie ihn nie: den hoffenden, liebenden, angsterfüllten, leidenden und blutenden Menschen. Seien Sie sein Anwalt, hüten Sie seine Welt: diese schöne, gefährdete Erde"."
Der bis Samstag dauernde Kongress "Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie" führt Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten, Theologen unterschiedlicher Konfession, Religionswissenschafter, Ethiker und Künstler aus aller Welt nach Graz. Veranstalter sind die Grazer Universitätskliniken für Psychiatrie sowie für Medizinische Psychologie und Psychotherapie. "Der rote Faden, der sich durch diesen Kongress ziehen soll, ist der behutsame Umgang mit den religiösen Überzeugungen anderer", so der Kongressleiter, der katholische Mediziner Raphael Bonelli, über die Tagung: "Wir sind stolz darauf, dass hier katholische, evangelische, orthodoxe und freikirchliche Christen, Juden, Muslime, Baha'i und Buddhisten, Glaubende und Nichtglaubende konstruktiv zusammenarbeiten".
Elf Plenarvorträge, zwölf Symposien, vierzig Workshops, drei Podiumsdiskussionen, vier "scientific meetings", und etliche Kurzvorträge und Arbeitsgruppen sind vorgesehen. Religion und Psychiatrie sollen einander "auf gleicher Augenhöhe begegnen", betonte Bonelli.
Zu "Irritationen" im Vorfeld des Kongresses wegen der Leitung eines Workshops durch einen psychotherapeutisch ausgebildeten Priester, der kirchlich als Exorzist beauftragt ist, erklärten die Veranstalter, "dass der Exorzismus selbstverständlich aus Sicht der Psychiatrie und Psychotherapie nicht als wissenschaftlich anerkannte Behandlungsmethode" zu sehen sei. Dennoch sei die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Phänomen "Besessenheit" sowohl für die Psychiatrie als auch für die Theologie bedeutsam. Dies geschehe in zwei zusammenhängenden Workshops unter dem Titel "Gibt es Besessenheit jenseits der Psychose?", wobei die Frage jeweils aus theologischer und psychiatrischer Sicht beantwortet wird.
Der internationale Kongress steht unter dem Ehrenschutz von Bischof Kapellari, des evangelischen Superintendenten Hermann Miklas, des steirischen Landeshauptmanns Franz Voves und des Grazer Bürgermeisters Siegfried Nagl. (Informationen: Internet: www.rpp2007.org). (ende)