"Ich habe noch immer Angst vor einer Abschiebung"
Linz, 12.10.07 (KAP) Die 15-jährige Arigona Zogaj, deren Familie teilweise in den Kosovo abgeschoben wurde und die seit Montag von Pfarrer Josef Friedl in Ungenach (Bezirk Vöcklabruck) betreut wird, hat sich am Freitag erstmals den Medien gestellt. Es habe noch immer Angst vor einer Abschiebung, erklärte das Mädchen und ließ durchblicken, dass sie in Momenten der Verzweiflung weiterhin Gedanken an Selbstmord überkommen. Pfarrer Friedl, der das Mediengespräch moderierte, sagte, Arigona habe sich von den Strapazen des zweiwöchigen Versteckens vor den Behörden schon etwas erholt und sei inzwischen innerlich gefasst.
Sie vermisse ihre Familie - insbesondere ihre beiden jüngeren Geschwister - sehr, diese solle wieder nach Österreich kommen, sagte Arigona Zogaj. Mit ihrer Mutter, die in Österreich verblieb und am Mittwoch das Krankenhaus verlassen konnte, habe sie bereits telefoniert. Spätestens am Samstag solle es zu einem Treffen kommen. Sie wolle am liebsten am Montag wieder in die Schule gehen, mit ihren Geschwistern in Österreich leben und eine Friseurausbildung machen, sagte das Mädchen vor den zahlreichen in- und ausländischen Medienvertretern: "Wir waren immer zusammen."
Die 15-Jährige berichtete von ihrer Flucht vor der Polizei: Sie sei in der Schule gewesen, da habe sie einen Anruf bekommen, dass die Polizei vor dem Haus der Familie in Frankenburg stehe und die Abschiebung erfolgen solle. Da habe sie Angst bekommen und sei spontan geflohen. Geplant sei dies nicht gewesen. Sie habe alle 24 Stunden ihren Aufenthaltsort gewechselt. Schließlich sei sie in Wien untergetaucht. "Ich habe mich schlecht gefühlt und die ganze Zeit Angst gehabt", hob das Mädchen hervor.
Das Video von ihr aus ihrem Versteck, das dem ORF zugespielt wurde, sei als Lebenszeichen für ihre Mutter aufgenommen worden, die zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, wo ihre Tochter war und wie es ihr geht, berichtete die Schülerin.
Träume von Krieg, Flucht und Rückschiebung
Pfarrer Friedl habe sie vor ihrer Begegnung am vergangenen Sonntag nicht gekannt. Der Kontakt sei auf Vermittlung von Personen, die man nicht nennen wolle, hergestellt worden. Gegen 21.30 Uhr habe sie der Pfarrer in Wien mit seinem Auto abgeholt. Zunächst habe sie große Angst gehabt, dass die Polizei sie aufhalte und festnehme, berichtete das Mädchen. In Ungenach - nicht mehr weit weg von daheim und von den Freunden - sei ihr dann etwas leichter gewesen, erklärte Arigona. Allmählich habe sie Vertrauen zu Pfarrer Friedl gefasst, und als im Pfarrhof sich auch eine Frau um sie kümmerte, habe sie sich sehr gefreut.
Friedl teilte vor der Presse mit, er habe gleich am Montagmorgen Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer informiert. Dieser sei am Dienstagabend nach Ungenach gekommen. Er habe sich bemüht, sie zu beruhigen, berichtete Arigona. In den kommenden zwei Monaten - bis zu einer erwarteten Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs - passiere ihr nichts, sei ihr versichert worden.
Im Kosovo sei sie das letzte Mal vor fünf Jahren gewesen, erzählte die 15-Jährige, die laut eigenen Angaben nur ein wenig Albanisch beherrscht. Diese Woche habe sie vom Krieg geträumt und von der Flucht damals, als die ersten Schüsse fielen. Auch träume sie davon, dass sie und ihre Mutter ebenfalls in den Kosovo abgeschoben werden. Das Mädchen habe in der Nacht deswegen aufgeschrien, berichtete Pfarrer Friedl. Auf die Frage, ob sie mit Innenminister Günther Platter reden wolle, sagte sie: "Wenn mir das hilft, dann schon."
Das Pressegespräch mit Arigona Zogaj war angesetzt worden, um dem Wettrennen der Medien nach dem ersten Exklusivinterview ein Ende zu setzen. Der kleine Pfarrsaal in Ungenach war bis auf den letzten Platz besetzt. Rund 20 Mikrofone und etwa zehn TV-Kameras waren aufgestellt. Arigona und Pfarrer Friedl kamen mit dem Auto zum Pfarrsaal, woher war unbekannt. Die Organisatoren des Pressegespräches hatten ein Versteckspiel zum Schutz vor verfolgenden Journalisten organisiert. Als die beiden auftauchten, ging ein Blitzlichtgewitter los.
Gemäß dem zuvor festgelegten Ablauf stellte der Pfarrer dann dem Mädchen die erste Frage. Friedl hatte im Vorfeld klargemacht, dass er die Pressekonferenz sofort abbreche, wenn die Belastung für Arigona zu groß werde. Die 15-Jährige wirkte nach anfänglicher Nervosität die meiste Zeit gefasst, einen kleinen Teddybären fest umklammernd. Einzig als die Sprache auf ihre beiden kleinen Geschwister kam, überkamen sie die Tränen.
Wie bei der Mediengespräch bekannt wurde, hat Arigona Zogaj einen persönlichen Brief vom Linzer Altbischof Maximilian Aichern erhalten. Über den Inhalt wurde nichts mitgeteilt. Über ihre Betreuung durch Pfarrer Friedl sagte Arigona: "Der ist schon kommod." (ende)
