Islam-Experte: "Brief der 138 Muslimgelehrten ist wichtig"
Hamburg-Amman, 18.10.07 (KAP) Der jüngste Brief von 138 muslimischen Theologen und Rechtsgelehrten an christliche Kirchenführer könnte nach Experteneinschätzung der Beginn einer "islamischen Ökumene" sein. Schon der Versuch, einen breiten innerislamischen Konsens zu erreichen, sei bemerkenswert, schreibt der Theologe und Jesuit P. Christian W. Troll in einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit". Bei den Unterzeichnern fehlten unübersehbar Vertreter der islamistischen Richtung. Der Brief verdiene "wache Aufmerksamkeit, nicht zuletzt auf christlicher Seite".
Das Schreiben war am vergangenen Donnerstag kurz vor Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan veröffentlicht worden. Darin heißt es, die "gemeinsame Zukunft der Menschheit, ja möglicherweise das Überleben der Welt" stünden auf dem Spiel, wenn Muslime und Christen nicht friedlich zusammenlebten. Beide Religionen verehrten denselben Gott und sollten sich daher auf die "grundlegenden gemeinsamen Prinzipien" konzentrieren. Der Brief zitierte gleichermaßen die Bibel und den Koran.
Adressaten sind Papst Benedikt XVI., der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I., der anglikanische Primas, Erzbischof Rowan Williams, sowie weitere christliche Kirchenführer. Der Vatikan und die anglikanische Kirche haben positiv auf die Initiative reagiert. Der Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, sprach von einem ermutigenden Zeichen. Es sei interessant, dass sich sunnitische und schiitische Vertreter gemeinsam mit Bibelzitaten und ohne Polemik äußerten.
P. Troll betont, wer die "beeindruckende Liste der Unterzeichner aus allen Erdteilen" lese, werde erkennen, dass es die geografisch säuberlich voneinander abgrenzbare islamische und christliche Welt nicht gebe. Zunehmend würden selbst Gesellschaften wie die pakistanische und die saudische religiös plural. "Der Brief der Gelehrten kann als tastende Anerkennung dieser Tatsachen gelesen werden", so der Islamexperte. Die neue Runde im Dialog "wäre dann auch ein positives Ergebnis der Globalisierung". P. Troll lehrt an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main.
Für aufsehenerregend hält der Jesuit schon die Tatsache, dass das Schreiben auf biblische Texte eingehe, die jüdischen und christlichen Übersetzungen entnommen seien. Hier deute sich möglicherweise ein "Bruch mit der klassischen muslimischen Lehre" an. Nach klassischer islamischer Auffassung galten ja die heiligen Schriften der Juden und Christen als "verfälscht" und unzuverlässig.
Initiative aus Jordanien
Die Initiative für die Botschaft war vom "Aal al Bayt-Institut für islamisches Denken" im jordanischen Amman ausgegangen, einer internationalen Nichtregierungsorganisation, die seit fast 25 Jahren im christlich-islamischen Dialog engagiert ist. Zu den Unterzeichnern gehören die Großmuftis von Bosnien, Russland, Kroatien, dem Kosovo, Oman und Syrien, der Generalsekretär der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), zwei Ayatollahs aus dem Iran sowie weitere hochrangige sunnitische, schiitische und ismailitische Würdenträger und Gelehrte. (ende)