"Europa braucht Brücken über die Sprachgrenzen"
Wien, 30.10.07 (KAP) Die einzelnen Teile des "europäischen Teppichs" müssen besser miteinander verflochten werden, damit das Verbindende zum Ausdruck kommen kann: Dies forderte der Prager katholische Philosoph Prof. Jan Sokol am Montagabend bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Nahtstellen seien die Grenzregionen, besonders jene mit einer Sprachgrenze, sagte Sokol: "Die EU soll alles unterstützen, was grenzüberschreitend ist, besonders aber sprachgrenzenübergreifend".
Als Negativ-Beispiel für eine weiterhin trennende EU-Grenze nannte Sokol die nur durch die Neisse getrennte Doppelstadt Görlitz (Deutschland) und Zgorzelec (Polen): "20 Jahre nach der 'Wende' sind die beiden Städte noch genauso getrennt wie früher - wegen der Sprache". Auch eine neue Brücke habe daran nichts geändert.
Der Dekan der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität dämpfte deshalb Erwartungen, dass die verschiedenen Ausformungen der nationalen Geschichtsschreibung durch eine europäische Historiographie ersetzt werden könnte. Allerdings dürfe die gegenseitige Verflochtenheit nicht mehr in dem Maße ausgeblendet werden, wie dies etwa bisher in der tschechischen Geschichtsschreibung geschehen sei.
Grundsätzlich sieht Sokol die Tschechische Republik aber auf einem guten Weg in der europäischen Integration. Die Politik sei westlich-normal; es fehlten die großen Themen. Der extreme Nationalismus spiele keine wirkliche Rolle; bedient werde dieses Reservoir von den Kommunisten.
Zu dem Gesetzesentwurf über eine Entschädigung der Kirche für die Enteignungen unter dem KP-Regime zeigte sich Sokol skeptisch. Auch innerhalb der Kirche gebe es keine Einigkeit. So wollten die Ordensgemeinschaften nicht hinnehmen, dass es keine effektive Besitzrückgabe geben soll.
Die Stellung der Kirche in der Gesellschaft sei weiterhin marginal, sagte der frühere Charta-77-Aktivist und Präsidentschaftskandidat. Die Kirche werde als Kulturinstitution geschätzt, sie sei aber "sonst nicht interessant". Die theologischen Fakultäten seien vom Rest des akademischen Betriebs isoliert; es gebe so gut wie keinen interfakultären Austausch. Die Priesteramtskandidaten stammten fast durchwegs aus einem ländlich-konservativen Milieu. Die Kirche habe zwar Zugang zu kinderreichen Familien, die auch in die Gottesdienste kommen, doch Jugendliche über 14 seien kaum vertreten. "Weitgehend abgelöst von der Kirche" hätten sich auch die sozialen Initiativen. Dabei seien viele von engagierten Christen gegründet worden.
Sokol vertritt in seinen Vorträgen und seinen Büchern die These, dass moderne Gesellschaften aus der religiös fundierten Moral lernen sollten, sie aber nicht übernehmen können. Die "Diskursethik" von Jürgen Habermas versuche hier einzusetzen. Hier werde - so Sokol - allerdings allzu leicht voraus gesetzt, dass sich die Teilnehmer einigen können, über eine gemeinsame Sprache verfügen und auf keine unlösbaren ethischen Probleme stoßen. Sympathie gewinnt Sokol dagegen Hans Jonas und dessen "Verantwortungsethik" ab. Der "unbedingten Verantwortung" begegne man - nach Hans Jonas - im Mutter-Kind-Verhältnis. Ähnliche Verhältnisse bestünden auch zu Erziehern oder Lehrern, von denen man wertvolle Dinge wie Religion, Musik, Kunst oder Wissenschaft übergeben bekomme: Diese Güter seien auf "Weitergabe" angewiesen und deshalb nicht bloß als "meine", sondern als "anvertraute Güter" zu sehen, betonte Sokol. Auf die Frage "Warum soll ich nicht töten?" antworte diese Ethik: "Ich darf nicht töten, weil ichals lebender Mensch mit dem Schutz, mit der Weitergabe und Weiterentwicklung menschlichen Lebens beauftragt und dafür verantwortlich bin".
Jan Sokol ist 70 Jahre alt. In den fünfziger und Anfang der sechziger Jahre arbeitete Sokol als Goldschmied und Feinmechaniker, danach studierte er drei Jahre an der mathematisch-physikalischen Fakultät der Prager Karlsuniversität, schloss das Studium aber nicht ab. Von 1964 bis 1990 arbeitete er als Programmierer des Forschungsinstituts für mathematische Maschinen. Er war einer der ersten Unterzeichner der Menschenrechtsbewegung "Charta 77" in der kommunistischen Tschechoslowakei.
In den Jahren 1990 bis 1992 war Sokol Abgeordneter der Tschechoslowakischen Föderativen Versammlung für das Bürgerforum (OF), danach Mitglied der aus dem OF entstandenen Bürgerbewegung (OH), die jedoch den Einzug ins Parlament nicht schaffte. Danach schloss er die Universitätsausbildung ab, nicht aber im Bereich der Mathematik, sondern der Humanwissenschaften ("Integrales Studium des Menschen"). Gleichzeitig war er als Universitätslehrer, Publizist und Übersetzer für mehrere Sprachen (darunter Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch) tätig.
1995 unterzeichnete Sokol eine Petition, deren Signatare zum Dialog der tschechischen Regierung mit den Sudetendeutschen aufgefordert hatten. Im Jahr 1998 war er sieben Monate lang Unterrichtsminister.
Seit 2000 ist Sokol Dekan der Humanwissenschaftlichen Fakultät an der Prager Karlsuniversität. 2003 war er Präsidentschaftskandidat; er unterlag jedoch gegenüber Vaclav Klaus. In Wien stellt Sokol sein neues Buch "Mensch und Religion" (erschienen im "Karl Alber-"Verlag Freiburg) vor. (ende)