Euthanasiedebatte "inhuman und abstoßend"
Wien-St. Pölten, 3.11.07 (KAP) Mit einem eindringlichen Appell gegen die Legalisierung direkter Sterbehilfe hat sich der St. Pöltner Bischof Klaus Küng in der gegenwärtig wieder aufflammenden Euthanasie-Debatte zu Wort gemeldet. "Familien-Bischof" Küng - der selbst ausgebildeter Arzt ist - betonte in einem Kommentar in der Tageszeitung "Österreich", dass eine Gesellschaft, die alten, kranken und behinderten Menschen nicht hilft, sondern sie "nach bestimmten Kriterien tötet", zutiefst "inhuman und abstoßend" sei. Belgien, die Niederlande und die Schweiz könnten hier als "negative Beispiele" gelten, so Küng. Wo Euthanasie legalisiert werde, "entsteht Druck auf Alte und Kranke, auch auf Behinderte und deren Eltern, verbreiten sich Argwohn und Angst vor bestimmten Krankenhäusern und Ärzten".
Der Begriff der Sterbehilfe werde in der derzeitigen Diskussion "unscharf" verwendet, unterstrich der Bischof. So müsse man unterscheiden zwischen Akten aktiver Sterbehilfe und der Verabreichung schmerzstillender und beruhigender Medikamente bei Sterbenden, "selbst wenn dies eine gewisse Abkürzung des Lebens mit sich bringt". In diesem medizinischen Bereich seien große Fortschritte erzielt worden, sodass niemand mehr in der letzten Lebensphase unter unerträglichen Schmerzen leiden müsse, betonte Küng.
Legitim und ethisch zu rechtfertigen sei es ebenfalls, wenn jemand eine bestimmte Therapie ausdrücklich per Patientenverfügung ablehne. Der Bischof erinnerte etwa an Mutter Teresa, die eine Herzoperation ausdrücklich abgelehnt habe. Aus dieser Situation dürfe jedoch niemals die Berechtigung zu einer direkten Tötung eines Patienten gefolgert werden, "selbst wenn dies der Patient selbst wünscht", stellte der Bischof fest. Es wecke "schlimme Assoziationen", wenn etwa der Philosoph Peter Singer davon schreibe, dass in einigen Ländern, in denen zu wenig Hausärzte verfügbar sind und die Menschen in Spitäler gehen, durch die Anonymität von Patient und Arzt eine Entscheidung über das Leben des Patienten "objektiver" getroffen werden könne. Kein Mensch dürfe "über sein eigenes Leben oder das anderer verfügen". Dies sei allein Gott vorbehalten, so Küng.
Mit seinem Kommentar reagierte Bischof Küng auf ein Interview mit dem australischen Philosophen Peter Singer und auf einen Kommentar der Schriftstellerin Lotte Ingrisch am 2. November in der Tageszeitung "Österreich". Singer hatte darin den in Belgien und in den Niederlanden beschrittenen Weg der rechtlichen Legitimierung aktiver Sterbehilfe als "richtigen Weg" bezeichnet, dem seines Erachtens künftig weitere Länder in Europa folgen werden. Durch die Möglichkeit zur "freiwilligen Sterbehilfe" gewinne der Mensch "Freiheit und Autonomie". Außerdem werde "vollkommen unnötiges Leiden reduziert", so Singer. Als Bedingungen nannte Singer: den freiwilligen und konstanten Wunsch eines geistig zurechnungsfähigen Patienten, eine medizinische Diagnose "eines endgültigen und unheilbaren Zustandes", die Unerträglichkeit von Schmerzen und Leiden bei dem jeweiligen Patienten, den Mangel an Alternativen und letztlich die Meinung eines zweiten unabhängigen Arztes.
"Kunst des Sterbens"?
Die Schriftstellerin Lotte Ingrisch, die derzeit an einem neuen Buch über die "Ars moriendi" unter dem Titel "Die schöne Kunst des Sterbens" schreibt, meinte in ihrem Kommentar: "Wir kämpfen um unser Leben, weil wir glauben, dass wir nichts anderes haben". Daraus spreche ein "materialistischer Aberglaube" und eine "Lebenssucht", die "jeden Staat in den Bankrott treiben" werde. Chemisch betrachtet ist der Mensch nach Auffassung der Schriftstellerin nicht mehr als eine "Zellkolonie, die sich kaum von anderen Zellkolonien - ob Vogel, Katze oder Fisch - unterscheidet", aber dennoch einen Aufstand gegen diese Faktizität probe: "Da wir unsere biologische Existenz für die einzige halten, haben wir das Leben für heilig erklärt". Der medizinische Fortschritt verunmögliche ein "natürliches Ende" und führe als Resultat zu familiärem "Elend" und zu "Menschen, die sich selbst überlebt haben: in Altersheimen, Spitälern und häuslicher Langzeitpflege". Heute übe sich die Medizin daher in einem "Züchten lebender Leichen", so Ingrisch wörtlich. Im Kampf um das Leben werde jedoch übersehen, dass es auch ein "Recht auf den Tod" gebe: "Jeder, dessen physische Existenz unzumutbar geworden ist, soll es für sich selbst einfordern dürfen". (ende)