Benedikt XVI. leitet erstmals Kreuzweg im Kolosseum
Rom, 15.4.06 (KAP) Erstmals in seinem Pontifikat hat Benedikt XVI. am Abend des Karfreitags die Kreuzwegprozession im antiken Kolosseum begleitet, um gemeinsam mit tausenden Menschen des Leidensweges Jesu vor 2.000 Jahren zu gedenken. Die von Sprechern vorgetragenen Meditationstexte erinnerten an leidende und gedemütigte Menschen der heutigen Zeit, beklagten aber auch einen "Angriff auf die Familie", mit dem die von Gott gewollte Lebensform abgeschafft werden solle. Unzählige Fackeln und Kerzen erleuchteten die Arkaden des Kolosseums und die umliegenden Straßen. Mehr als 60 TV-anstalten übertrugen die nächtliche Zeremonie in 42 Länder.
An der 1. und der 14. Stationen des Kreuzwegs trug der Papst persönlich das schwarze Holzkreuz. Danach führten Kardinalvikar Camillo Ruini, eine römische Familie, ein Priesterseminarist aus den USA, Ordensleute und Jugendliche aus verschiedenen Weltteilen die Prozession an.
"Heimtückische Propaganda" des Egoismus
Die Meditationen des Kreuzwegs stammten in diesem Jahr aus der Feder von Erzbischof Angelo Comastri, Generalvikar der Vatikanstadt. 2005 hatte noch der damalige Kardinal Joseph Ratzinger die Texte verfasst. In den Betrachtungen der ersten Stationen wandte sich Comastri gegen die "heimtückische Propaganda", mit der Egoismus und Laster als Errungenschaften der Zivilisation hingestellt würden. Er warnte vor einem Wohlstand, der unmenschlich mache, und vor zur Droge gewordenen Vergnügungen.
Weiter wurde in einer der Betrachtungen der "diabolische Hochmut" verurteilt, der "die Familie abschaffen will". Der Versuch, die von Gott eingesetzte Ordnung zu ändern, zeuge von "Arroganz" und sei ein gefährliches Abenteuer. Mit deutlichen Worten kritisierte ein Text auch die "Teilung der Welt in Zonen des Wohlstands und Zonen des Elends". Der Kontrast von Überfluss und Elend, Villen und Baracken sei ein Skandal.
Eine Kreuzweg-Station erinnerte an die Gedemütigten, insbesondere an Prostituierte. Die zwölfte Meditation stellte Vorbilder des christlichen Glaubens vor Augen, neben Franz von Assisi, Maksymilian Kolbe und Mutter Teresa von Kalkutta auch Johannes Paul II.
Abschließend richtete der Papst in einer frei gehaltenen Ansprache das Wort an die Anwesenden und forderte sie auf, sich persönlich auf den "Weg der Barmherzigkeit" zu machen. "Auf dem Kreuzweg können wir nicht nur Zuschauer sein", unterstrich Benedikt XVI.: "Wir sind mit eingebunden, und wir müssen unseren Platz finden". Es gebe keine Möglichkeit, neutral zu sein. Ausdrücklich verwies er dabei auf seinen Vorgänger Johannes Paul II.
Wegen der Pilgermassen wurde der Bereich um das Kolosseum für den Autoverkehr gesperrt. Die römischen Verkehrsbetriebe verlegten 13 Buslinien; eine U-Bahn-Station wurde geschlossen.