Erster Biograph von Franz Jägerstätter gestorben
Washington, 11.12.07 (KAP) Der US-amerikanische Soziologe und Historiker Gordon Zahn, der 1964 als erster ein Buch über den Märtyrer Franz Jägerstätter veröffentlicht hat, ist 84-jährig gestorben. Zahn starb am Sonntag, 9. Dezember, im St. Camillus Health Care Center in Wauwatosa nahe Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin. Bei einem Nachtgebet am 27. Oktober dieses Jahres im oberösterreichischen Ostermiething, einen Tag nach der Seligsprechung Jägerstätters in Linz, berichtete Michael Hovey, ein Schüler Zahns, dass der an Alzheimer leidende Historiker kurz mit klarem Blick aufgeschaut habe, als ihm die Nachricht von der Seligsprechung des oberösterreichischen Kriegsdienstverweigerers übermittelt wurde.
Zahn hatte wesentlich dazu beigetragen, dass das breite Schweigen über Jägerstätter in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich aufgebrochen wurde. Der Jägerstätter-Biografin Erna Putz zu Folge stieß Zahn bei einem Aufenthalt in Berlin auf das Zeugnis des Innviertler Bauern, der sich dem Kriegsdienst für Hitler verweigert hatte und dafür 1943 enthauptet wurde. Entscheidend sei dabei ein Artikel des Berliner Priesters Heinrich Kreutzberg gewesen, so Putz. 1961 reiste Zahn schließlich für zwei Monate zu Recherchezwecken über Franz Jägerstätter nach St. Radegund. Dabei führte er auch zahlreiche Gespräche und Interviews mit Familienangehörigen Jägerstätters und Bewohnern von St. Radegund.
Nach seiner Rückkehr in die USA publizierte Zahn auf Basis dieser Recherchen 1964 sein Buch "In Solitary Witness. The Life and Death of Franz Jägerstätter". Es löste zuerst in den USA großes Aufsehen aus und machte Jägerstätter im gesamten englischsprachigen Raum bekannt. So schrieb in der Folge auch der US-amerikanische Trappistenpater Thomas Merton, einer der wichtigsten katholischen Autoren des 20. Jahrhunderts, über Jägerstätter. Der Wiener Historiker Friedrich Heer las das Buch bereits 1964 und schenkte es danach Kardinal Franz König und Prof. Kurt Schubert, die auf diesem Weg - wie viele andere Österreicher - erstmals von Jägerstätter erfuhren.
Auf Deutsch erschien Zahns Buch 1967 unter dem Titel "Er folgte seinem Gewissen - Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätter". Das Buch diente u.a. als Vorlage für den berühmten TV-Film von Axel Corti aus dem Jahr 1971.
Zahn reiste auch mehrmals nach Österreich, speziellzu den Gedenkfeiern zum Todestag Jägerstätters, die jährlich am 9. August in St. Radegund abgehalten werden. Im Rahmen des Seligsprechungsprozesses wurde Zahn außerdem zu einem engen Gesprächspartner des damaligen Linzer Bischofs Maximilian Aichern. Zuletzt weilte Zahn 1989 in Österreich und sprach dabei auch mit weiteren Verantwortlichen für den Seligsprechungsprozess. Zahn trat damals "Gerüchten" entgegen, er hätte Jägerstätter Worte in den Mund gelegt, die dieser nicht gesagt habe. Die Vorhaltungen kamen, wie Zahn vermutete, aus Kreisen, die nach wie vor eine Seligsprechung Jägerstätters ablehnten.
Er könne alles, was er in mehrjähriger Forschung zusammengetragen und veröffentlicht habe, belegen, betonte Zahn damals im Gespräch mit "Kathpress". Auch könne Jägerstätter wegen seiner geringen Schulbildung und seiner bäuerlichen Abstammung nicht vorgeworfen werden, er sei ungebildet gewesen. Die Dokumente und Zeugenaussagen würden ihn im Gegenteil als belesenen Menschen auszeichnen.
Wie Zahn damals weiter betonte, sei Jägerstätter kein genereller Wehrdienstverweigerer gewesen. Er habe den Eid auf Hitler und das verbrecherische Regime der Nationalsozialisten abgelehnt und jeden Kriegsdienst für sie verweigert. Ihn selig zu sprechen, würde daher nicht alle jene "verdammen", die in gutem Glauben, dies sei ihre moralische Pflicht, dem Ruf zum Kriegsdienst während des Zweiten Weltkriegs gefolgt waren. Was man vom "heroischen Opfer" dieses einfachen Mannes lernen könne, sei das, was die katholische Kirche immer gelehrt habe: dass der Gehorsam seine Grenze im persönlichen Gewissen des einzelnen hat. Jägerstätter habe geschrieben und durch seinen eigenen Tod bezeugt, "dem Ruf des eigenen Gewissens nicht zu gehorchen, ist selbst in kleinen Dingen eine Sünde, die Christus und Gott beleidigt". Er hoffe und sei zuversichtlich, dass die österreichischen Katholiken erkennen, welchen "geistigen und geistlichen Schatz" sie in Franz Jägerstätter haben, so der US-Historiker damals.
Zahn wurde 1918 in Milwaukee geboren. 1944 verweigerte er den Dienst in der US-Armee aus Gewissensgründen und absolvierte Zivildienst als Feuerwehrmann. Er lehrte von 1953 bis 1967 Soziologie in Chicago, anschließend bis 1980 in Boston. Als Soziologe erforschte er u.a. das Verhältnis der Katholiken in Deutschland zum Nationalsozialismus, und dabei entdeckte er das Schicksal Jägerstätters. Ab 1968 war er zudem Präsident der Amerikanischen Katholischen Soziologischen Gesellschaft. Zahn war als Friedensaktivist Mitbegründer der US-amerikanischen Sektion von "Pax Christi". (ende)