Kardinal Stickler gestorben
Vatikanstadt, 13.12.07 (KAP) Kardinal Alfons Maria Stickler ist am Mittwochabend im 98. Lebensjahr im Vatikan gestorben. Der einstige "Bibliothekar und Archivar der Heiligen Römischen Kirche" stammte aus Neunkirchen, wo er am 23. August 1910 geboren wurde. Er trat jung in den Orden der Salesianer Don Boscos ein, 1937 wurde er zum Priester geweiht. Im September 1983 - unmittelbar vor dem ersten Österreich-Besuch Johannes Pauls II. - wurde er zum Titularerzbischof ernannt und im Mai 1985 in das Kardinalskollegium berufen.
Er war der älteste Kardinal
Stickler war der älteste lebende Kardinal der katholischen Kirche. In den letzten Jahre lebte er sehr zurückgezogen in seiner Wohnung im Palazzo del Sant'Uffizio. Wie der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz im Gespräch mit "Kathpress" sagte, ist Kardinal Stickler am Mittwochabend um 19.30 Uhr "friedlich entschlafen". Bischof Schwarz kannte Stickler aus seiner Zeit als Provinzial der römischen Provinz der Salesianer Don Boscos sehr gut.
Der verstorbene Kardinal stammte aus einer großen Familie. Er war das zweite von insgesamt zwölf Kindern. Nach der Matura in Wien trat er in das Noviziat der Salesianer Don Boscos ein und legte am 15. August 1928 die Ordensprofess ab. Seine theologischen Studien machte er in Benediktbeuern und setzte sie in Turin und Rom fort. An der römischen Lateranuniversität promovierte er zum Doktor beider Rechte. Am 27. März 1937 wurde in der römischen Basilika San Giovanni in Laterano zum Priester geweiht.
Stickler lehrte Kirchenrechtsgeschichte an der kanonistischen Fakultät der römischen Salesianer-Universität, wurde Dekan der Fakultät und schließlich Rektor der Hochschule. Am 25. März 1971 (Aschermittwoch) ernannte ihn Paul VI. zum Präfekten der Vatikanischen Bibliothek; für Stickler war es nach eigener Aussage der bedeutendste "Wechsel seines Lebensgleises". Am 8. September 1983 wurde Stickler zum "Probibliothekar der Heiligen Römischen Kirche" und gleichzeitig zum Titularerzbischof von Bolsena ernannt. Johannes Paul II. persönlich weihte ihn am Fest Allerheiligen 1983 zum Bischof. Am 7. Juli 1984 übertrug ihm Johannes Paul II. außerdem die Leitung des vatikanischen Geheimarchivs. Im Konsistorium vom 25. Mai 1985 erhob ihn Johannes Paul II. zum Kardinal und übergab ihm als Titelkirche San Giorgio in Velabro (die Kirche wurde in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1993 bei einem Bombenanschlag vermutlich der Mafia schwer beschädigt). Ab diesem Zeitpunkt war Stickler offiziell "Bibliothekar und Archivar der Heiligen Römischen Kirche".
Große Verdienste um die Bibliothek
Während seiner Amtszeit setzte sich Stickler unermüdlich für die Erhaltung und Modernisierung der Vatikan-Bibliothek ein, die nicht nur als Aufbewahrungsort der "weltweit reichsten Sammlung an Handschriften" (rund 70.000) gilt, sondern auch eine Million gedruckter Bücher, rund 150.000 Kupferstiche und eine überaus wertvolle Münzsammlung umfasst. Unter anderem wurde unter der Leitung des österreichischen Kardinals ein großer Bunker errichtet, in dem die wichtigsten Schätze der Bibliothek (unter anderem der "Codex Vaticanus") atombombensicher untergebracht sind. Im Sommer 1988 trat Stickler aus Altersgründen von seinem Amt als Leiter der Vatikanbibliothek und des Geheimarchivs zurück. Auch im Ruhestand lebte er in Rom.
Großer Kirchenrechtsexperte
Als Kirchenrechtsexperte hatte Alfons M. Stickler internationalen Ruf. Er nahm als "peritus" am Zweiten Vatikanischen Konzil und an der Vorbereitung des neuen "Codex Iuris Canonici" teil. Unter anderem war er auch einer der drei Vizepräsidenten der Internationalen Vereinigung für die Geschichte des Rechts und der Institutionen.
Ein Höhepunkt in der Beziehung zwischen Kardinal Stickler und seinem österreichischen Heimatland war im April 1986, als Johannes Paul II. im Belvedere-Hof des Vatikans die von der Bundeswirtschaftskammer gestifteten neuen Bronzetore der vatikanischen Bibliothek und des Geheimarchivs ihrer Bestimmung übergab. Die österreichische Wirtschaft habe mit diesem Geschenk ihre "hohe Wertschätzung gegenüber dem Heiligen Stuhl und den beiden vatikanischen Einrichtungen" bekundet, sagte der Papst damals.
Das "schöne und sehr nützliche Geschenk" der Bundeskammer sei nicht zuletzt eine Ehrung für einen "großen Sohn Österreichs", so Johannes Paul II. Der Segnung der Bronzetore wohnte eine große Delegation der Bundeswirtschaftskammer unter Leitung des damaligen Kammerpräsidenten Rudolf Sallinger bei.
Auch der damalige Kardinal-Staatssekretär Agostino Casaroli und der damalige Präsident des Österreichischen Bundesrats, Prof. Herbert Schambeck, waren bei dem feierlichen Akt im Belvedere-Hof zugegen.
Requiem am Freitag
Papst Benedikt XVI. feiert das Requiem für das älteste Mitglied des Kardinalskollegiums am Freitag um 17 Uhr. Benedikt XVI. zelebriert dabei am Kathedra-Altar des Petersdoms.
In Telegrammen an die Familienmitglieder des verstorbenen Kardinals und an den Generaloberen der Salesianer Don Boscos, P. Pascal Chavez Villanueva, würdigte der Papst am Donnerstag die Verdienste Sticklers und bekundete seinen tiefen Schmerz über den Tod des 98-jährigen. Stickler sei über viele Jahre ein "aufrichtiger und fleißiger Mitarbeiter des Heiligen Stuhls gewesen.
"Mit tiefer Dankbarkeit erinnere ich mich an die Gaben des Geistes und des Herzens und an das kulturelle und kirchliche Wirken des berühmten Juristen und bekannten Kardinals, vor allem an seine intensive und erfolgreiche Aktivität in der Päpstlichen Salesianer-Universität, insbesondere aber an seinen geschätzten und großzügigen Dienst in der Apostolischen Bibliothek und im Vatianischen Geheimarchiv", so der Papst wörtlich. Er sprach den Angehörigen der Familie Stickler und allen Salesianern Don Boscos seine Anteilnahme aus.
Schüssel: "Uneingeschränkte Hochachtung"
VP-Klubobmann Wolfgang Schüssel brachte am Donnerstag seine Betroffenheit über den Tod Kardinal Sticklers zum Ausdruck. "Sein außerordentliches Engagement für die Erhaltung und Modernisierung der Vatikan-Bibliothek war beeindruckend. Ich bin stolz, dass Österreich eine Persönlichkeit von der moralischen Autorität eines Kardinal Stickler hervorgebracht hat, der sich auch in aufopfernder Weise um die Rompilger bemüht hat. Auch nach seinem Ableben wird ihm unsere uneingeschränkte Hochachtung gehören", sagte Schüssel. (ende)
