Tagung über neue Aspekte der Stammzellenforschung
Wien, 16.1.08 (KAP) Die Diskussion rund um die medizinische, ethische und rechtliche Beurteilung der Stammzellenforschung geht in eine neue Runde: Bei einer gemeinsamen Tagung des "Instituts für Ethik und Recht in der Medizin" (IERM) und der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt am 17./18. Jänner in Wien sollen der derzeitige Stand der Forschung, die ethischen Anfragen sowie die ökonomischen und politischen Implikationen der Forschung an Stammzellen diskutiert werden.
Eröffnet wird die Tagung am 17. Jänner mit einer Bestandsaufnahme der Diskussionen über die Stammzellenforschung in der Bioethikkommission durch den Moraltheologen und ehemaligen Vorsitzenden des IERM, em. Prof. Günter Virt und den evangelischen Theologen und derzeitigen Vorsitzenden des IERM, Prof. Ulrich Körtner. Prof. Erwin Wagner vom "Research Institute of Molecular Pathology" (IMP) wird den derzeitigen Forschungsstand in Österreich aufzeigen. Ein weiteres Referat des Mediziners Prof. Georg Weitzer vom Departement für Medizinische Biochemie der Universität Wien wird sich mit der Frage der konkreten therapeutischen Einsetzbarkeit der Ergebnisse der Stammzellenforschung befassen.
Einen Überblick über die Forschungspolitik der EU und Österreichs bietet der evangelische juristische Oberkirchenrat Raoul Kneucker. Willy Weisz vom "Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit" wird die Diskussionslage in der jüdischen Medizinethik erläutern.
Mit der Frage nach den medizinischen, rechtlichen und ethischen Implikationen der embryonalen Stammzellenforschung befasst sich die Tagung am 18. Jänner. Der Freiburger Molekularbiologe Hans-Georg Koch bietet einen europäischen Rechtsvergleich. Die österreichische Rechtslage beleuchtet der stellvertretende Vorstand des IERM, Prof. Christian Kopetzki. Der Nachmittag steht ganz im Zeichen der ethischen Diskussion über die Stammzellenforschung. Zunächst wird der Wiener Rechtsphilosoph Jürgen Wallner die Diskussionslage im Bereich der philosophischen Ethik beleuchten. Die Wiener Moraltheologin Prof. Sigrid Müller beleuchtet anschließend die Diskussion im Bereich der katholischen Ethik. Die Diskussionslage der evangelischen Ethik referiert der Bonner Sozialethiker Hartmut Kreß. Für die islamische Medizinethik spricht der Mainzer Islamwissenschaftler und Mediziner Ilhan Ilkilic.
Den Abschluss der Tagung bildet eine politische Diskussionsrunde mit den Wissenschafts- und Gesundheitssprechern der politischen Parteien. Auf Grund des großen Interesses wird die Veranstaltung nicht - wie ursprünglich geplant - im IERM stattfinden, sondern im Festsaal des Obersten Gerichtshofes im Justizpalast (Schmerlingplatz 10-11).
"Wunschdenken katholischer Kreise"?
Auch publizistisch geht der Streit um die Frage der Notwendigkeit embryonaler Stammzellenforschung in eine weitere Runde: nachdem in der Vorwoche der Wiener Humangenetiker Prof. Markus Hengstschläger bei einem Pressegespräch auf Einladung der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien erklärt hatte, dass die Zukunft der Stammzellenforschung nicht in der Beforschung embryonaler Stammzellen liegt, bezeichnete Prof. Ulrich Körtner, dieses Denken nun am Mittwoch in einem Kommentar im "Standard" als "reines Wunschdenken katholischer Kreise".
Medizinischer Fortschritt sei "nicht ohne Grundlagenforschung zu haben", so Körtner. Eine "vorschnelle Einengung" dieser Forschung durch politische Vorgaben oder durch die "Rücksichtnahme auf moralische oder weltanschauliche Bedenken, die von einzelnen gesellschaftlichen Gruppen geäußert werden", dürfe nicht hingenommen werden. Man dürfe nicht die Augen davor verschließen, dass sich die internationale Stammzellenforschung in Zukunft "dreigleisig" entwickeln werde. So werde neben der Forschung an adulten Stammzellen und an induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) auch die Forschung an embryonalen Stammzellen fortgesetzt werden.
Keine "übergreifende Forschungsstrategie"
Kritik äußerte Körtner weiters an der derzeitigen Gesetzeslage in Österreich, die eine "übergreifende Forschungsstrategie" und juristische Eindeutigkeit vermissen lasse. So sei die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen in Österreich zwar nicht verboten, jedoch weitgehend gesetzlich ungeregelt. Verboten sei lediglich die Herstellung embryonaler Stammzellen, nicht jedoch der Import von im Ausland erzeugten Stammzell-Linien. Dieser Zustand sei "ethisch wie juristisch fragwürdig" und fördere eine "Doppelmoral", insofern laut Körtner weder von den Gegnern noch von den Befürwortern der embryonalen Stammzellenforschung eine ernsthafte gesetzliche Änderung angestrebt werde. Während nämlich die Gegner damit zufrieden seien, "dass Österreich bislang, wenn auch vergeblich, auf europäischer Ebene gegen jede Forschung an embryonalen Stammzellen gekämpft hat", fürchten Befürworter eine neue gesetzliche Regelung wegen der damit einhergehenden zu großen Reglementierung bislang vorhandener Forschungsfreiheiten in Österreich.
Weiters kritisierte Körtner, dass sich die derzeitige ethische Debatte zu sehr auf die Fragen künftiger Stammzelltherapieformen konzentriere und dadurch die weiteren Forschungsgebiete aus dem Blick verliere, in denen Stammzellenforschung zur Anwendung kommt. Dabei gehe es etwa um die Verwendung von Stammzellen für pharmakologische oder toxikologische Untersuchungen, durch die die Erfolgsrate bei In-vitro-Fertilisation angehoben werden könnte.(ende)