Bestürzung nach Anti-Papst-Protesten
Vatikanstadt, 16.1.08 (KAP) Nach dem Eklat um den geplatzten Besuch des Papstes an der römischen Universität "La Sapienza" hat Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone die Entscheidung des Vatikans in einem Brief an den Rektor erläutert. Die Absage sei erfolgt, um "jeden Vorwand für Kundgebungen auszuräumen, die sich für alle als unerfreulich herausgestellt hätten", erklärte Bertone in einem am Mittwoch veröffentlichten Schreiben an Rektor Renato Guarini.
Zugleich übersandte der Kardinal die ursprünglich für Donnerstag geplante Rede Benedikts XVI. Darin verteidigt der Papst die Autonomie der Universität, die von politischen wie kirchlichen Einflüssen frei bleiben müsse.
"Nachdem auf Betreiben einer ausgesprochenen Minderheit von Professoren und Studenten die Voraussetzungen für einen würdigen und ruhigen Empfang leider geschmälert waren, schien es opportun, den geplanten Besuch aufzuschieben", heißt es in dem Schreiben Bertones. Man rechne jedoch mit dem "aufrichtig gehegten Wunsch der großen Mehrheit" der Universitätsmitglieder, die Rede des Papstes zur Kenntnis zu nehmen.
Bertone unterstrich, Benedikt XVI. habe mit der Annahme der Einladung und mit dem "von ihm persönlich für diesen Anlass verfassten Text" die Verbundenheit mit der "Sapienza" ausdrücken wollen. Weiter merkte der Kardinal-Staatssekretär an, die traditionsreiche Universität sei "nach dem Willen eines verehrten Vorgängers" des heutigen Papstes gegründet worden. Papst Bonifatius VIII. rief die "Sapienza" 1303 ins Leben.
Staatspräsident Napolitano: Nicht hinnehmbar
Der Vatikan veröffentlichte am Mittwoch Auszüge des Briefes von Staatspräsident Napolitano an den Papst. In dem Schreiben verurteilt Napolitano die Proteste, die zu dem Eklat führten, als intolerant und "nicht hinnehmbar". Zugleich bekundet er sein "aufrichtiges, lebhaftes Bedauern" über die Absage Benedikts XVI., der ursprünglich eine Rede zur Eröffnung des akademischen Jahrs halten sollte.
Wörtlich schreibt der Präsident: "Ich bin überzeugt, dass dieses Ereignis eine wertvolle Gelegenheit zur Reflexion über Themen geboten hätte, die von großer Bedeutung für die italienische Gesellschaft wie für alle Gesellschaften sind. Als nicht hinnehmbar betrachte ich die Bekundungen von Intoleranz und die verletzenden Ankündigungen, die ein Klima geschaffen haben, das in keiner Weise zu dem Anlass einer freien und ungezwungenen Begegnung passt".
Roms Oberrabbiner lädt Papst ein
In Reaktion auf die verhinderte Papst-Rede an der "Sapienza" bekräftigte Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni seine Einladung an Benedikt XVI. in die Große Synagoge. "Wir warten nur auf eine Antwort", sagte Di Segni laut italienischen Presseberichten am Mittwoch.
"Sicherlich wäre es kein Ersatz für den ausgefallenen Besuch an der 'Sapienza'", räumte der Oberrabbiner ein. Immerhin habe aber die jüdische Gemeinde Roms bis zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Bezeichnung "Israelitische Universität" geführt, ergänzte Di Segni.
Benedikt XVI. hatte seinen für Donnerstag geplanten Vortrag zur Eröffnung des akademischen Jahrs nach anhaltenden Studentenprotesten am Dienstag abgesagt. Die politischen Spitzen des Landes, zahlreiche Parlamentarier und Intellektuelle reagierten mit Bedauern und Bestürzung auf den Eklat.
Andere Universitäten hoffen jetzt
Unterdessen bekundete der Europaabgeordnete Mario Borghezio laut Presseberichten seine Hoffnung auf einen Papst-Besuch an der Katholischen Universität Mailand. Dort würde er auf Studierende und Professoren treffen, die "ihrer hohen Mission würdig" seien. Der Präsident der Christlichen Arbeiterbewegung (MCL), Carlo Costalli, drückte seinen Wunsch nach einer Einladung Benedikts XVI. an die Universität von Florenz aus.
Der Kardinalvikar von Rom, Camillo Ruini, rief alle Römer zu einer Solidaritätsbekundung für Papst Benedikt XVI. auf. Sowohl Katholiken als auch die übrigen Bürger sollten sich am Sonntag zum Angelusgebet auf dem Petersplatz einfinden, hieß es in einer am Mittwoch vom Vikariat Rom verbreiteten Erklärung.
Nach den "betrüblichen Vorgängen", die den Papst zur Absage seines Besuchs an der römischen Universität "La Sapienza" gezwungen hätten, sei dies "ein Ausdruck der Freude, dass wir Benedikt XVI. als unseren Bischof und Papst haben", schrieb Ruini.
Italienische Bischofskonferenz "Antidemokratische Intoleranz"
Unterdessen warf die Italienische Bischofskonferenz (CEI) den Agitatoren "antidemokratische Intoleranz und kulturelle Abschottung" vor. Die Einladung der Universitätsleitung an den Papst sei durch "ideologische Gewalt und Streitlust einiger weniger" vereitelt worden, heißt es in einer Stellungnahme der CEI.
