Symposion in Gedenken an Hochschulseelsorger Strobl
Wien, 23.1.08 (KAP) Prälat Karl Strobl hat sich als langjähriger Wiener Hochschulseelsorger um die körperliche und geistige Nahrung der Studenten der Nachkriegszeit gekümmert. Auch heute gebe es noch "geistigen Hunger", besonders nach Orientierung, sagte Erhard Busek, EU-Sonderkoordinator und Ex-Vizekanzler, bei einem Symposion im Wiener Otto-Mauer-Zentrum, bei dem prominente Weggefährten und Zeitzeugen an das Werk Strobls erinnerten. Er selbst habe vor allem gelernt, dass Glaube und Religion Teil der "Res Publica" sind und die Aufgabe hätten, Orientierung zu geben, so Busek.
Er erinnerte auch an die legendäre Marchfeldaktion Strobls, mit dieser in der Nachkriegszeit die Wiener Hochschüler mit Essen versorgte. Mit seinen kritischen Fragen und vielfältigen Anregungen habe der Hochschulseelsorger für nachhaltige Anstöße zur Mündigkeit gesorgt, würdigte der Politiker seinen vor genau 100 Jahren geborenen Mentor.
Wichtige Impulse habe Strobl auch durch die Gründung bis heute aktiver Einrichtungen gegeben. "Gründe jedes Jahr einen Verein", zitierte Busek einen augenzwinkernden Ratschlag Strobls. So entstanden u.a. die katholische Hochschulgemeinde (KHG) Wien, die katholische Hochschuljugend Österreichs, die Mensa der KHG Wien, das Afro-Asiatische Institut (AAI), der Katholische Akademikerverband, das Österreichische Studienförderungswerk "Pro Scientia", der Otto-Mauer-Fonds oder das Forum St. Stephan. Viele dieser Einrichtungen würden bis heute "den Geist ihres Gründers weitertragen" und Potenzial für die Zukunft haben. Als Beispiel nannte Busek die Gründung des AAI, mit der Strobl seiner Zeit weit voraus gewesen sei und "die Globalisierung vorausgedacht" habe.
Junge Intellektuelle brauchen "Ankerplätze"
Heute könne nicht mehr zwingend davon ausgegangen werden, dass die Katholischen Hochschulgemeinden Sammelorte junger Intellektueller sind, stellte der Linzer Hochschulseelsorger und Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), Markus Schlagnitweit, bei dem Symposion fest. Die Kirche habe zu Zeiten Strobls jungen, kritischen Menschen, die sich an der Elterngeneration rieben, Experimentierräume auf ihrem Weg zum mündigen Christen geboten. Heute fehle dafür oftmals der Bedarf, weil sich Jugendliche nicht mehr direkt von religiösen, kulturellen oder gesellschaftlichen Ausdrucksformen der Elterngeneration emanzipieren müssten. Im Gegenteil, das gegenwärtige Bedürfnis junger Studierender bestehe im Angebot an Lebens- und Sinnorientierung und Möglichkeiten zur Vergemeinschaftung, sowie an neuen Beheimatungen im anonymisierten Massenbetrieb der Universitäten. "Neue Ankerplätze statt Aufbruchsstimmung sind gefragt", so Schlagnitweit.
Im Studienförderungswerk "Pro Scientia" sieht Schlagnitweit einen für heute adäquaten Ort der Begegnung zwischen jungen Intellektuellen und Kirche, "weil es von Jungakademikern vorab eben kein bestimmtes religiöses Bekenntnis oder bestehendes kirchliches Engagement verlangt". Entscheidend sei es, engagierte, kritische junge Wissenschafter aus unterschiedlichsten Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen und ihnen dabei die Möglichkeit zu einem offenen Gespräch über Belange des Glaubens zu geben. Dabei müsse man sich kirchlicherseits vor jeder "Infantilisierung des Glaubens" hüten, betonte Schlagnitweit. Die heutige Generation brauche "keine theologische oder spirituelle Baby-Nahrung, sondern Qualität, Niveau und Profil des Glaubensdiskurses, aber auch der Liturgie und der Predigt".
Junge Studierende dürften nicht zuerst als kirchliches Nachwuchspotenzial betrachtet werden, sondern müssten als vollwertige, eigenständige - eben mündige - Dialogpartner ernst genommen werden. Eine stabile Kirchenbeziehung sei meist nicht sofort zu erwarten, sondern entwickle sich erst im Laufe der Zeit und aufgrund von tiefgehenden und gegensätzlichen Diskussionen über "Gott und die Welt", so Schlagnitweit.
Keine Berührungsängste gegenüber der Politik
Der frühere EU-Kommissar Franz Fischler - auch er studierte in Wien in der Ära Strobl - griff den von Strobl und kirchlichen Vertretern seiner Generation geprägten Begriff der "Äquidistanz" der Kirche gegenüber Parteien auf. Viele hätten das falsch verstanden und vor allem den zweiten Teil des Wortes betont: "Distanz". Strobl und sein kongenialer Partner, der Akademikerseelsorger und Kunstförderer Otto Mauer, hätten selbst keine Berührungsängste gegenüber der Politik gehabt. Fischler erzählte dazu ein Bonmot aus der Katholischen Hochschulgemeinde seiner Studienzeit: "Treffen sich zwei Politiker am Stephansplatz. Sagt der Strobl zum Mauer..." Beide Genannten hätten sich bei politischen Sachthemen klar positioniert - ohne Rücksicht auf parteipolitische Befindlichkeiten; und das war gut so, sagte Fischler: Ein Christ dürfe nicht unpolitisch sein, im Gegenteil, er müsse Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen.
Als einen "unermüdlichen Frager" bezeichnete em. Prof. Wilhelm Zauner - ebenfalls langjähriger Weggefährte Strobls - den 1984 verstorbenen Wiener Hochschulseelsorger bei einem Gedenkgottesdienst in der Wiener Peterskirche. "Er wollte nicht Akademiker und Studenten mit abrufbaren Antworten versorgen, sondern er wollte sie mit Fragen wecken und Beziehung stiften", sagte Zauner in seiner Predigt. Strobl habe von einer "atmosphärischen Seelsorge" gesprochen, bei der auch die Gastfreundschaft - etwa in Form der Mensa - eine wichtige Rolle spielte. Über den Hochschulbereich hinaus habe Strobl mit zwei Fragen gewirkt, mit denen er - über das Radio - in ganz Österreich Gesprächskreise stiftete: "Wozu glauben?" (1974) und "Wem glauben? (1977). Es sei "das tiefste Anliegen des Christen und Priesters Karl Strobl" gewesen, Menschen mit Christus bekanntzumachen, so der Linzer Pastoraltheologe.