Bünker: "Es tut uns gut, die Moscheen im Dorf zu lassen"
Wien, 4.2.08 (KAP) Religionen und religiöse Symbole müssen aus politischen Auseinandersetzungen herausgehalten werden. Das hat der neue evangelisch-lutherische Bischof von Österreich, Michael Bünker, in der ORF-"Pressestunde" am Sonntag betont. "Ich möchte nicht, dass Moscheen, der Stephansdom, die Bibel oder der Koran auf Wahlkampfplakaten auftauchen." Hier werde die evangelische Kirche "immer ihren Protest erheben". Es brauche einen "Respekt vor dem, was Menschen heilig ist". Ohne gegenseitigen Respekt und eine Kultur der Wertschätzung könne es kein friedliches Zusammenleben geben.
Im Hinblick auf die aktuelle Islam-Debatte sagte der Bischof, dass der Bau von Moscheen zur "öffentlichen Form der Religionsausübung" gehöre. Das hätten die evangelischen Kirchen bereits im vergangen Sommer deutlich erklärt, erinnerte Bünker. Die evangelische Kirche in Österreich habe selbst in ihrer Geschichte Einschränkungen der Religionsfreiheit erlebt und lehne daher solche Maßnahmen ab.
"Es tut uns gut, die Moscheen im Dorf zu lassen", meinte der Bischof und plädierte für Gelassenheit im Umgang mit dem Thema, das gerade in Wahlkampfzeiten für Stimmungsmache und Stimmenfang missbraucht werde. Es sei nicht Aufgabe der Kirchen, "im Spiel der Parteien Rat zu geben", aber zu Grundsatzfragen des politischen Zusammenlebens dürften, so Bünker, die Kirchen nicht schweigen, "denn auch wer schweigt, nimmt damit Stellung".
Einzigartiges ökumenisches Klima in Österreich
Bünker lobte das "einzigartige" ökumenische Klima in Österreich. Was generell das Verhältnis von evangelischer und katholischer Kirche betrifft, erwarte er sich unter Papst Benedikt XVI. "keine Fortschritte", so Bünker. Dass sich in der Frage der Anerkennung der protestantischen Kirchen von katholischer Seite seit 40 Jahren nichts geändert habe, sei "bedauerlich". Die Ökumene sieht Bünker deshalb auch in einer "Verlangsamungsphase", zentrales Problem bleibe das Amtsverständnis. Für Evangelische sei letztlich eine Position "unter dem Papst" unvorstellbar.
Dass sich spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Ökumene in Österreich in einer Schönwetter"-Phase befinde, sei vor allem Kardinal Franz König zu verdanken. Er habe die Basis geschaffen, dass sich die "Mehrheits- und qualifizierte Minderheitskirche auf gleicher Augenhöhe" begegnen können.
Weiter hob der Bischof hervor, dass Kirche ohne Mission nicht denkbar sei. "Die evangelische Kirche will attraktiv, offen und einladend sein. Menschen, die auf der Suche sind, sollen wissen, wofür die evangelische Kirche steht".
Integration und Pflege
Ausdrücklich begrüßte Bünker die jüngsten Fortschritte im Bereich der Integration von Zuwanderern. Nach der Vorlage des Integrationsberichts durch Innenminister Günther Platter müssten nun konkrete Maßnahmen folgen. Integration werde zu oft nur als Sicherheitsproblem gesehen. Durch eine Positivkampage sollte herausgearbeitet werden, "dass Integration etwas ist, von dem wir alle profitieren". Vorschläge wie eine Verdopplung der Stundenzahl bei den Deutschkursen hält Bünker für positiv, ebenso wären eine verstärkte Alphabetisierung in der Muttersprache und ein gemeinsames Jahr vor der ersten Volksschule, um die Sprachfähigkeiten zu verbessern, zielführend.
Generell will Bünker lieber "Positivanreize" statt Sanktionen. Integration sei keine "Einbahnstraße", es brauche die Bereitschaft, Deutsch zu lernen, ebenso wie die Anerkennung der in Österreich herrschenden Grundrechtsstandards, der Gleichstellung von Mann und Frau und der Trennung von Religion und Politik. Zuwandernde sollten auch am politischen Leben partizipieren können.
Forderung nach humanitärem Aufenthaltsrecht
Der Bischof bekräftigte die Forderung nach einem humanitären Aufenthaltsrecht, "aber nicht nur für Arigona Zogaj". Bleiberecht sollten alle jene Zuwanderer etwa nach fünf Jahren erhalten, die "gut integriert sind und unverschuldet lange auf eine Entscheidung gewartet haben". Das sei kein Präjudiz, sondern eine Möglichkeit, "eine Last der Vergangenheit zu bereinigen".
Beim Thema "Pflege" sprach sich der evangelisch-lutherische Bischof für den vermehrten Ausbau von Tagesstätten und mobilen Diensten aus. Positive Beispiele gebe es etwa in Schweden. Weil die Schere zwischen Arm und Reich immer stärker auseinanderklaffe, gelte es zu überlegen: "Was ist das richtige Maß?" Derzeit beobachte er eine Entwicklung, "die das Vermögen und die Leistung nicht mehr in ein Maß zueinander bringt". Die bedarfsorientierte Grundsicherung sollte, so Bünker, jedenfalls "möglichst rasch" umgesetzt werden.
Tschad-Einsatz und gerechter Friede
In der Frage des Tschad-Einsatzes ist für Bünker entscheidend, wem der Einsatz dient. Wenn es wie hier um den Schutz von Flüchtlingen gehe, "kann es Verantwortung sein, nicht zuzuschauen sondern in angemessener Weise Hilfe zu bieten". Humanitäre Interventionen bräuchten allerdings den Willen aller Beteiligten. Dem "gerechten Krieg" erteilte Bünker eine Absage, vielmehr gehe es um ein "Konzept des gerechten Friedens".
Zu Schuld, die die evangelische Kirche in den Jahren des Nationalsozialismus auf sich geladen hat, sagte Bünker: "Heute versuchen wir, zu dieser Geschichte offen zu stehen, nichts zu verschweigen und aus der Geschichte zu lernen, indem wir falsche und irrige Meinungen korrigieren." Die evangelische Kirche bemühe sich um ein vertrauensvolles Verhältnis zur Israelitischen Kultusgemeinde; das heurige Schwerpunktjahr "Auf dem Weg der Umkehr" soll überprüfen, "was verbessert werden kann."