Britischer Kardinal gegen "Sharia-Vorschlag"
London, 11.2.08 (KAP) Dem Vorschlag des anglikanischen Erzbischofs von Canterbury, Rowan Williams, Teile der "Sharia" als Rechtsgrundlage für Muslime in Großbritannien zuzulassen, kann katholische Erzbischof von Westminster, Kardinal Cormac Murphy-O'Connor, nichts abgewinnen. Das Konzept einer multikulturellen Gesellschaft habe klare Grenzen, sagte Murphy-O'Connor dem "Sunday Telegraph": "Wenn Menschen in dieses Land kommen, müssen sie das geltende Recht befolgen". Eine Ungleichbehandlung könne zu einer weiteren Spaltung Großbritanniens führen. Natürlich könne man an unterschiedlichen Traditionen festhalten. Aber es gebe allgemeine Werte, die alle annehmen sollten.
Der BBC sagte Murphy-O'Connor gleichwohl, Williams habe einen wichtigen Punkt angesprochen: die Rechte von religiösen Gruppen in einem säkularen Staat. Da jeder in Großbritannien das Gesetz befolgen müsse, sei es eine relevante Frage, wie jemand ein loyaler Staatsbürger und gläubiges Mitglied einer religiösen Gemeinschaft sein könne.
"Infragestellung christlich-jüdischer Werte"
Auch Williams Amtsvorgänger George Carey lehnte den Vorstoß am Sonntag ab. Carey schrieb in einem Gastbeitrag für "News of the World", er teile die Ansichten seines Nachfolgers nicht. Es sei wichtig, Themen, die den Islam betreffen, anzusprechen. Aber die Forderung nach islamischem Recht sei übertrieben gewesen. Es könne keine Ausnahmen von den geltenden Gesetzen geben. Der Vorschlag von Williams sei katastrophal für die Nation. Er stelle die christlich-jüdischen Werte in Frage, auf deren Grundlage die Gesetze des Landes entstanden seien.
Williams hatte in einem Interview mit dem Radiosender BBC 4 am Donnerstag dafür plädiert, Muslime in Großbritannien sollten zuweilen zwischen säkularen britischen und "Sharia"-Gerichten wählen können. Etwa im Eherecht könne dies in bestimmten Fällen sinnvoll sein.
Am selben Tag bekräftigte der Erzbischof in einem Vortrag vor Juristen in London, eine "pluralistische Rechtsprechung" sei in dem Land mit 1,6 Millionen Muslimen "unvermeidlich". Er warnte davor, die "Sharia" insgesamt als unvereinbar mit den Menschenrechten abzulehnen.
Für seinen Vorstoß hatten den Erzbischof auch britische Politiker sowie der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, kritisiert.