Weltkirchenrat feiert heuer 60-Jahr-Jubliäum
Genf, 17.2.08 (KAP) Im Schatten des Genfer Völkerbundpalastes liegt die Zentrale des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Eine Steinskulptur mit dem Ökumene-Logo, dem Kreuz auf einem Schiff, weist den Weg. Der Bau aus den sechziger Jahren strahlt eher Arbeitsatmosphäre als Repräsentationsanspruch aus - anders als die benachbarten UN-Bauten. Dabei stand der nach dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufene Völkerbund Modell für den ÖRK, der schließlich am 23. August 1948 in Amsterdam gegründet wurde. Schon 1920 hatte das Patriarchat von Konstantinopel - damals angesichts der Vorgänge im sterbenden Osmanischen Reich in höchster Bedrängnis, aber von den christlichen Kirchen weitgehend im Stich gelassen - alle christlichen Kirchen zur Schaffung einer "Liga der Kirchen" aufgerufen. Misstrauen und Verbitterung sollten nach den Erfahrungen des Krieges abgelegt und gemeinsame Wege trotz der lehrmäßigen Unterschiede begangen werden, so der Appell vom Bosporus.
Im 60. Jahr der Gründung spricht der Weltkirchenrat für 349 Mitgliedskirchen aus 110 Ländern. Die Mitgliedskirchen repräsentieren mehr als 560 Millionen Christen. Die katholische Kirche ist nicht Mitglied, steht aber in engem Kontakt zum ÖRK. Wichtigstes Datum nach der Gründung war der Beitritt der russisch-orthodoxen Kirche im Jahr 1961. Damit wurde aus dem "nordatlantischen" Kirchenbund ein weltumspannendes Netzwerk.
Durch die Ost-West-Bindung kam dem ÖRK in der Zeit des Kalten Krieges eine international beachtete Vermittlerrolle zu. Auch der Kampf gegen die Apartheid in Südafrika zog Aufmerksamkeit auf sich. Die etwa alle sieben Jahre stattfindenden Vollversammlungen wurden politisch viel beachtet. Mit dem Fall des Kommunismus fielen diese politischen Themen weg. Es begann eine Phase der Neuorientierung im ÖRK. Nach wie vor äußert sich der Rat zu politischen Krisen wie derzeit etwa in Kenia oder im Irak. Unter Theologen wird aber zugleich auf den Bedeutungsverlust der Organisation verwiesen, die als nicht mehr ausreichend profiliert gilt.
"Wir müssen keine kleine UNO sein", mahnt etwa der kurhessische evangelische Bischof Martin Hein mit Blick auf das vielfältige Engagement. Er bezeichnet neben dem politischen Einsatz die Zusammenarbeit im Rat als wichtige Aufgabe. Kritik übt er am Arbeits- und Führungsstil des Weltkirchenrates. "Weniger machen, aber richtig", solle der Grundsatz für die Tätigkeit des ÖRK lauten, so der Bischof.
Zwischen Orthodoxen und Protestanten kam es in den neunziger Jahren zu dramatischen Spannungen innerhalb des Ökumenischen Rates: Die Orthodoxen fühlten sich durch die Praxis benachteiligt, Entscheidungen einfach per Mehrheit zu treffen, da die protestantischen Kirchen zahlenmäßig überlegen sind. Seit 2006 herrscht das Konsenssystem, das diesen Streitpunkt ausräumte. Doch auch in Sachfragen gibt es große Differenzen zwischen Ost und West, etwa in der Sexualethik, dem Amtsverständnis und beim Thema Frauenordination. Ein Streitpunkt ist ferner die Frage des "Proselytismus", der von den Orthodoxen angeprangerten "Abwerbung" östlicher Christen durch westliche Kirchen.
Als große Herausforderung begreift Hein zudem die Auseinandersetzung mit den Pfingstkirchen und charismatischen Bewegungen. Es nütze nichts, sie auszugrenzen. Sie aber formell in den ÖRK einbinden zu wollen, sei ebenso unrealistisch wie ein baldiger Beitritt der römisch-katholischen Kirche.
Doch gerade mit der katholischen Kirche sei 1982 durch die Lima-Dokumente über "Taufe, Eucharistie und kirchliches Dienstamt" (BEM) bereits viel bewegt worden, meint Martin Robra, Direktor der Programmeinheit "ÖRK und ökumenische Bewegung im 21. Jahrhundert". Die Kirchen setzten aber noch längst nicht alles um, was die ökumenische Bewegung in den vergangenen 60 Jahren angestoßen habe. Vielleicht wird auch deshalb das Jubiläum in diesem Jahr im kleinen Rahmen begangen. "Wir haben aktuell noch so viel zu tun und können ja nicht ständig unsere grandiose Geschichte feiern", so Robra mit einem Schuss Ironie.
