Auch Ordensgemeinschaften litten während NS-Zeit
Wiener Neustadt, 11.3.08 (KAP) Gerade die Orden haben vielfach Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet. Dies wurde bei einer Tagung unter dem Titel "März 1938 und die Folgen für Kirche und Klöster in Österreich" im Zisterzienserstift Heiligenkreuz deutlich. Bei der Tagung wurden insbesondere die Aufhebung zahlreicher österreichischer Klöster durch das NS-Regime und der vereinzelt aufflackernde Widerstand in den Konventen beleuchtet.
Der Grazer Kirchenhistoriker em. Prof. Maximilian Liebmann erinnerte bei Tagung daran, dass bei der Bewertung des Verhältnisses zwischen Kirche und Nationalsozialismus oft nur der Besuch von Kardinal Theodor Innitzer am 15. März 1938 bei Hitler im Wiener Hotel "Imperial" und das mit "Heil Hitler" unterzeichnete Begleitschreiben des Erzbischofs zur "März-Erklärung" des Episkopats in den Blick genommen wird. Es entstehe der Eindruck, dass die Bischöfe in dieser Zeit "hilflos, unkritisch und sicherlich ungewollt zu Handlangern des Naziregimes wurden", so Liebmann. Die Bischöfe hätten offensichtlich gehofft, durch die Zusicherung Hitlers, die Kirche werde ihre "Loyalität" nicht bereuen müssen, einen "Kulturkampf" und damit eine Gefährdung der Kirche in Österreich zu vermeiden. Als es dennoch ab Herbst 1938 zu Klosteraufhebungen kam, klagten die Bischöfe - vergebens - bei den Machthabern die Zusage Hitlers ein.
"Exerzierfeld" Steiermark
Zu einem "Exerzierfeld des Kulturkampfes" wurde laut Liebmann die Steiermark. Dort kam es zu den meisten Klosteraufhebungen und Vertreibungen von Ordensleuten. Zu den prominentesten "Opfern" zählte hier das Benediktinerstift St. Lambrecht, das bereits am 17. März 1938 wiederholt von mehr als 100 SA- und SS-Männern überfallen wurde. Eine Beschwerde des Stiftes führte zu einer Anzeige wegen "Verleumdung" der SA und SS und zur Inhaftierung zweier Patres. Es folgte laut Liebmann eine von den Nazis initiierte "Diffamierungskampagne" gegen das Kloster, in der das Stift als "Brutstätte der Verderbnis" dargestellt wurde. Ähnliches widerfuhr dem Stift Admont, dem Stift Seckau sowie dem Zisterzienserstift Rein.
Laut Liebmann gab es in Österreich "kaum eine Ordensgemeinschaft, die von den Repressalien der Gestapo verschont blieb". Insgesamt wurden 26 große Stifte und Klöster aufgehoben; 188 weitere kleine Klöster und Klosterfilialen und rund 1.400 katholische Bildungsstätten, Heime und Schulen fielen dem NS-Wahn zum Opfer. Der Grazer Kirchenhistoriker verwies darauf, dass 724 Priester inhaftiert wurden, sieben von ihnen fanden im Gefängnis den Tod. 15 Priester wurden von den NS-Schergen zum Tod verurteilt und hingerichtet, mehr als 300 Priester wurden des Landes verwiesen, 1.500 Geistliche wurden mit Predigt- und Unterrichtsverbot belegt. Am schlimmsten war die Situation in der Apostolischen Administratur Innsbruck (wo der "Gauleiter" Franz Hofer wütete, der nach 1945 von den Österreichern zum Tod verurteilt, nach 1949 aber von den neuen bundesdeutschen Behörden unter offensichtlicher US-Befürwortung geschützt wurde).
Widerstand der Kirche und Widerstand einzelner
Die Wiener Diözesanarchivarin Annemarie Fenzl betonte die Bedeutsamkeit der exakten historischen Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus. Dabei müsse stets bedacht werden, dass das Verhältnis von Kirche und Nationalsozialismus nicht ohne die historische Rekonstruktion eines "manifesten katholischen Antijudaismus" zu begreifen sei, der den "Nährboden" insbesondere für die "unrühmliche Beteiligung der Katholiken an der Shoah" bildete. Heute müssten die Christen alles, was mit der Shoah in Zusammenhang steht, aus tiefstem Herzen bedauern.
Hilfe für "U-Boote"
Dennoch verlange die historische Rekonstruktion gerade auch im Blick auf den Wiener Kardinal Theodor Innitzer, "nicht voreilig zu urteilen" und neben dem umstrittenen "Heil Hitler" des Kardinals immer auch "die andere Seite der Medaille" zu sehen, wie sie im Engagement des Kardinals in der Wiener "Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" zum Ausdruck gekommen sei. Darüber hinaus verwies auch Annemarie Fenzl auf den "Widerstand vieler einzelner tapferer Menschen", wie er in der selbstlosen Hilfe für "U-Boote" (untergetauchte Österreicher jüdischer Konfession) sichtbar werde.
Man müsse zwischen dem "Widerstand der Kirche als Institution" und dem "Widerstand einzelner Christen" unterscheiden, betonte Annemarie Fenzl: Der Widerstand der Kirche sei ein "eher defensiver Widerstand" gewesen, insofern die Kirche versucht habe, "Freiräume für ihre Mitglieder zu bewahren". Dass dies tatsächlich in zum Teil erstaunlichem Ausmaße gelungen ist, belegt laut Fenzl das breite Bildungsangebot, das etwa ein Otto Mauer mit seiner "Abteilung für religiöse Kultur" selbst unter der Herrschaft der Nationalsozialisten aufrechterhalten konnte.
"Prophetische Weitsicht"
Den katholischen Widerstand im ländlichen Raum und die zum Teil "prophetische Weitsicht" einzelner Priester beleuchtete die Historikerin und Jägerstätter-Biografin Erna Putz. Gerade jetzt, wo angesichts der Seligsprechung Franz Jägerstätters die Glaubenszeugnisse zahlreicher Landpfarrer und Christen zu verblassen drohten, gelte es, diese Zeugnisse erneut ins Bewusstsein zu rufen und nicht zu vergessen, so Putz. So verwies Erna Putz u.a. auf den Innviertler Pfarrer Martin Spanlang, der bereits in Zeitungsartikeln aus dem Jahr 1930 vor den Nationalsozialisten gewarnt hatte. Nach dem "Anschluss" wurde er prompt verhaftet und nach Dachau und Buchenwald deportiert. Dort starb er am 5. Juni 1940, gekreuzigt mit dem Kopf nach unten.
Zeugnisse klösterlichen Widerstands
Der Bibliothekar und Archivar des Chorherrenstifts Klosterneuburg, em. Prof. Floridus Röhrig, referierte über den Chorherren und Widerstandskämpfer Roman Scholz, der sich mit der von ihm gegründeten "Österreichischen Freiheitsbewegung" um die "Wiederherstellung eines freien, selbständigen Österreich" bemühte. Dabei hielt Scholz seine konspirative Tätigkeit gänzlich vom Klosterleben in Klosterneuburg fern, "um seine Mitbrüder nicht zu gefährden", so Röhrig. Von einem Mitglied der eigenen Gruppe, dem Burgschauspieler Otto Hartmann, verraten, wurde Scholz im Juli 1940 von der Gestapo verhaftet und schließlich im Mai 1944 hingerichtet.
Der Kölner Historiker und Theologe Prälat Helmut Moll präsentierte in seinem Vortrag ausgewählte biografische Skizzen von deutschsprachigen "Zisterzienser-Blutzeugen der NS-Zeit". Damit wollte Moll eine Leerstelle historischer Forschung ausfüllen, weil zwar zahlreiche Dokumente vom Widerstand katholischer Priester zeugen, jedoch bislang keine auf den Zisterzienserorden bezogene Publikation vorliegt. Als Beispiele benannte Moll die österreichischen Zisterzienserpatres Engelbert Blöchl und Alois Rabensteiner sowie die deutschen Zisterzienserpatres Gerhard Scherer und Raymund Lohausen.
Über eine Widerstandsgruppe des Stiftes Wilhering referierte P. Reinhold Dessl. Im Rahmen des Verrats der konspirativen Widerstandsgruppe um den Klosterneuburger P. Scholz wurde auch die Wilheringer Gruppe "aufgedeckt". Nur vier Tage nach der Verhaftung von Scholz folgte die Inhaftierung des Wilheringer Zisterziensers P. Gebhard Rath und weiterer Mitbrüder. Dessl: "Die Aufdeckung der Widerstandsgruppe lieferte den Nationalsozialisten nun die Handhabe, gegen das Kloster selbst vorzugehen". So folgte 1940 nach der Inhaftierung des Abtes Bernhard Burgstaller die Beschlagnahme des Klosters sowie die Ausweisung der Mönche.
Versuch, Stift Heiligenkreuz zu schaden
Der Wiener Historiker em. Prof. Gerhard Jagschitz referierte über die Geschichte des Stiftes Heiligenkreuz zwischen 1938 und 1945. Eine zentrale Bedeutung kam dabei laut Jagschitz der Person des fanatischen Heiligenkreuzer "Bürgermeisters" und NS-Ortsgruppenleiters Martin Spörk zu, der mit allen Mitteln versuchte, die Aufhebung des Stiftes zu erwirken. So beschlagnahmte er bereits 1940 einen Großteil des Stiftes, um dort "Umsiedler" und Kriegsgefangene unterzubringen. Dennoch kam es nicht zur Aufhebung, da das Stift stets darum rang, seiner Aufhebung durch die Erfüllung der zahlreichen Auflagen durch die NS-Machthaber zu vermeiden.
"Schmerzhafter Freitag"
Der Salzburger Theologe Prof. Josef Außermair sprach über den "schmerzhaften Freitag" - die Beschlagnahme des Stiftes Kremsmünster durch Gestapo-Leute im Jahr 1941. Der Beschlagnahme folgte die Ausweisung von 19 Benediktinern, 23 Mitbrüder wurden zum Kriegsdienst verpflichtet, zwei flohen in die USA, zwei in die Schweiz, 10 weitere wurden "dienstverpflichtet", um die Übernahme des Klosters durch die Nationalsozialisten möglichst rasch zu organisieren. Ein markantes Ereignis stellte die Einquartierung der slowakischen faschistischen Staatsregierung unter Msgr. Jozef Tiso im Stift dar. Tiso wurde nach Kriegsende von der US-Armee an die tschechoslowakischen Behörden überstellt und 1947 als Hochverräter in Preßburg hingerichtet.