Tausende bei "Nacht des Schweigens" am Wr. Heldenplatz
Tausende Menschen gedachten in der "Nacht des Schweigens" auf dem Wiener Heldenplatz der Opfer des NS-Regimes in Österreich. Die Aktion zum 70. Jahres des "Anschlusses" war gemeinsam von der Katholischen Jugend und der Aktion "A Letter to the Stars" initiiert worden. 80.000 Kerzen wurden im Gedenken an die Ermordeten entzündet. Wie die Katholische Jugend am Donnerstag berichtete, seien bis in die Morgenstunden Menschen durch dieses Kerzenmeer gegangen. Laut Schätzung der Polizei waren insgesamt an die 20.000 Personen auf den Heldenplatz gekommen.
Die Stimmung auf dem Platz sei die ganze Nacht über ruhig gewesen und habe ein würdiges Gedenken ermöglicht, so die Katholische Jugend. Es habe keinerlei Störungen gegeben. Besonders beeindruckt zeigten sich die Jugendvertreter, wie rasch und auf welche Weise die 80.000 Kerzen aufgestellt waren. Bereits zwei Stunden nach Beginn der Gedenkveranstaltung seien alle Lichter entzündet gewesen; und die Leute bildeten aus den Kerzenlichtern spontan Symbole - etwa den Davidstern - und Schriftzüge. Manche Besucher hätten von der Veranstaltung erst in der Nacht aus den Berichten in Radio und Fernsehen erfahren und seien noch auf den Heldenplatz gekommen.
Zum Auftakt hatten am Mittwochabend um 18.30 Uhr der Cellist Heinrich Schiff und ein Cellisten-Ensemble der Wiener Symphoniker das Stück "Kol Nidre op. 47" des deutschen Komponisten Max Bruch gespielt. "Kol Nidre" ist nach der Auslegung des Floridsdorfer Rabbiners und österreichischen Reichsratsabgeordneten Joseph Samuel Bloch (1850-1923) ein jüdisches Gebet, dessen Ursprung im Spanien des 15. Jahrhunderts liegt, als Juden unter dem Zwang der Inquisition zum Christentum übertraten und als "nuevos cristianos" (Neuchristen) weiterlebten. Einmal im Jahr kamen sie am Versöhnungstag ("Yom Kippur") zusammen, um mit dem "Kol Nidre" die Freisprechung für ihren Bruch mit dem Glauben der Väter zu erbitten. Max Bruch vertonte das "Kol Nidre" für Cello und Orchester. Von den Nationalsozialisten wurde der Komponist dafür als "vermeintlicher Jude" geächtet und seine Werke aus den Konzertsälen verbannt.
"Hitler immer wieder besiegen"
Altbundeskanzler Franz Vranitzky erinnerte als einer der Eröffnungsredner an einen jüdischen Freund, der viele Jahre, nachdem Adolf Hitler auf dem Heldenplatz zu den Menschenmassen gesprochen hatte, denselben Balkon der Hofburg betrat. Vranitzky bezeichnete dies als eine Art Sieg gegen das NS-Regime und sagte an die Anwesenden gerichtet: "Alle, die hierher gekommen sind, haben den Verbrecher Adolf Hitler besiegt. Wir müssen ihn immer wieder besiegen, und das werden wir tun".
Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny sagte, "1938 ist nicht einfach passiert". Der "Anschluss" sei nicht nur ein äußerer gewesen, ein innerer sei in Österreich vorangegangen. Wer davon spreche, dass Österreich das erste Opfer des Nazi-Regimes gewesen sei, vergesse die Mittäter und die Tatsache, dass bereits vorher eine Diktatur geherrscht habe.
"Opfer und Täter sehen"
Der frühere Nationalratspräsident Andreas Khol stellte fest, die Hunderttausende, die 1938 auf dem Heldenplatz Hitler jubelnd begrüßten, seien "nur eine Seite der Wahrheit". Man müsse die ganze Wahrheit betrachten - "der Opfer und der Täter". Geschichte dürfe außerdem nicht als Keule verwendet werden, "die wir dem politischen Gegner über den Schädel ziehen. Das ist billig". Für Khol ist der Anschluss "tot", denn mehr als 90 Prozent der Menschen würden sich heute zur österreichischen Nation bekennen. Tatsache sei aber auch, dass der Antisemitismus nicht für immer besiegt sei.
Die Wiener Zeithistorikerin em. Prof. Erika Weinzierl machte anhand von Einzelbeispielen vor allem den zahlreichen Jugendlichen auf dem Heldenplatz die Verbrechen der Nazi-Diktatur anschaulich. "Ich glaube, dass mehr Österreicher gewusst haben, was mit den jüdischen Freunden geschehen ist", hielt sie fest.
Zur Eröffnung der "Nacht des Schweigens" waren auch Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Vizekanzler Wilhelm Molterer und mehrere Minister gekommen. Nach dem offiziellen Teil kehrte Stille ein. Im Zwei-Sekunden-Takt wurden bis 6 Uhr morgens die Namen aller namentlich bekannten Opfer der Nationalsozialisten auf vier Leinwände projiziert.
Zahlreiche österreichische Jugendorganisationen hatten die "Nacht des Schweigens" unterstützt (u.a. Evangelische Jugend Wien, Katholische Jungschar, Muslimische Jugend Österreich, österreichische Pfadfinder, jüdische Jugendorganisation "Hashomer Hatzair", "Junge ÖVP", "Rote Falken" und "Kinderfreunde"). Auch die großen österreichischen Seniorenverbände hatten zur Teilnahme an der Gedenkveranstaltung auf dem Heldenplatz eingeladen.