Vatikan-Experte: Olympia-Verzicht falsche Antwort
Rom, 17.3.08 (KAP) Ein Boykott der Olympischen Spiele in Peking wäre nach Auffassung des vatikanischen Asien-Experten Bernardo Cervellera die falsche Antwort auf die Gewalt in Tibet. Der Verzicht auf die Teilnahme könne eine Form sein, die Hände in Unschuld zu waschen, warnte der Leiter des katholischen Missions-Pressedienstes "asianews" in einem Interview der italienischen Tageszeitung "Il Giornale" (Montag). "Mir würde gefallen, wenn alle, die zur Olympiade reisen, ein Hemd mit der Aufschrift 'Freies Tibet' tragen", meinte Cervellera.
Wenn sich Tibet-Sympathisanten und Unterstützer der chinesischen Katholiken zusammentäten, müsste sich die Regierung in Peking Sorgen machen, sagte Cervellera. Das bisherige Schweigen des Papstes zu dem gewaltsamen Vorgehen der Polizeikräfte gegen Demonstranten in Lhasa begründete der "asianews"-Leiter mit der verworrenen Situation. Der Vatikan habe derzeit keine direkten Informationen aus Tibet. Es werde aber sicher noch eine Reaktion geben.
Erst in der vergangenen Woche hatte im Vatikan die von Benedikt XVI. aufgestellte China-Kommission getagt. Gegenstand des mehrtägigen Treffens von chinesischen Bischöfen, darunter dem Hongkonger Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, und den Chefs mehrerer Vatikanbehörden war offiziell der China-Brief des Papstes vom vergangenen Sommer. Über Analysen der Situation in China durch das Gremium ließ der Vatikan nichts verlauten.
Katholischer Sportpfarrer gegen Olympia-Boykott
Der deutsche katholische Sportpfarrer Hans-Gerd Schütt hat sich ebenfalls gegen einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking ausgesprochen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) müsse aber angesichts der Tibet-Krise die "offene Wunde" der Menschenrechtsverletzungen klar und deutlich kritisieren, sagte der Sportbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz am Montag in Düsseldorf der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. "Das IOC darf nicht so tun, als übersehe es die blutigen Unruhen", so Schütt kritisch in Richtung IOC.
Das IOC lehnt einen Boykott der Sommerspiele in Peking ab. Es sei nicht Aufgabe des IOC, die Menschenrechtssituation in Tibet zu verbessern, so IOC-Präsident Jacques Rogge in einer ersten Stellungnahme.
Schütt schloss nicht aus, dass sich die Lage in Tibet verschlimmern könne und ein Boykott doch erwogen werden müsse. "Wenn ein Regime eine menschenverachtende Fratze zeigt, müssen Konsequenzen gezogen werden." Derzeit würde mit einem Boykott aber eine einmalige Chance vertan. "Ohne Olympia würden wir das Thema ja gar nicht diskutieren", meinte der Sportpfarrer. Das Großereignis führe zu weltweiter Aufmerksamkeit. Wenn jemand ein großes Hüttenkombinat in China baut, frage niemand mehr nach den Menschenrechten; "das ist beim Sport zum Glück noch anders".
"Keiner wird sich von einer perfekten Inszenierung der Spiele blenden lassen. Die blutigen Ereignisse werden bei allen im Hinterkopf bleiben", betonte Schütt. Umso wichtiger seien klare Aussagen der IOC-Verantwortlichen. Dass solche Zeichen für die Tibeter bei aller Diplomatie möglich seien, habe die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Empfang des Dalai Lama gezeigt. Schütt betreute unter anderem 2004 die deutschen Sportler bei den Olympischen Spielen von Athen.