"Armut macht einsam"
Wien, 19.3.08 (KAP) "Armut ist nicht nur ein finanzielles Problem, sondern macht auch einsam. Betroffene brauchen Mitmenschen, die hinsehen und Politiker, die handeln": Mit diesen Worten kommentierte Caritas-Präsident Franz Küberl eine am Mittwoch veröffentlichte Studie der Statistik Austria, die "schwarz auf weiß belegt, was unsere Caritas-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter in ihrer täglichen Arbeit erleben". Laut der Studie leben Menschen in Armut wesentlich öfter allein, haben seltener Kontakte außerhalb ihres Haushaltes und können deutlich seltener auf ein tragfähiges, unterstützendes Netzwerk zurückgreifen. Insgesamt müssen in Österreich 459.000 Menschen (rund 5,6 Prozent der Bevölkerung) in Armut leben, rund eine Million Menschen sind von Armut bedroht. Diese Daten sind nach den Worten Küberls "ein gewichtiger Grund, um bei der Umsetzung der bedarfsorientierten Mindestsicherung das Tempo zu erhöhen und das soziale Netz dichter zu knüpfen".
Weil aber die immateriellen Folgen - Einsamkeit, Verzweiflung, Ausgrenzung - ebenso dramatisch seien wie die direkten, materiellen Folgen von Not, sei Hilfe auf mehreren Ebenen nötig, so Küberl: "Bei der Betreuung von Menschen, die in der Armutsfalle sitzen, geht es neben der finanziellen Unterstützung und der Klärung ihrer Perspektiven zunächst auch darum, die Betroffenen aus ihrer Isolation zu holen". Küberl: "Viele schämen sich für ihre Lage und zögern deshalb viel zu lange, um Hilfe zu bitten. Auch die eigenen Freunde, so man welche hat, will man oft sehr lange nicht mit der Situation konfrontieren. Der Rückzug ist vorprogrammiert". Menschen, die sich an die Caritas wenden, helfe es meist alleine schon, wenn sie sehen, dass sie "nicht die einzigen in so einer Situation sind".
"Besonders dramatisch" ist für den Caritas-Chef, dass vor allem Kinder und Jugendliche ihre Notlage vor den anderen zu verstecken suchen: "Sie sagen eher, dass sie krank sind, als zuzugeben, dass sie nicht das Geld haben, um beim Schulausflug mitzufahren oder schwimmen zu gehen. Wer auch bei den billigsten Vergnügen nicht mithalten kann, steht schnell im Abseits".
"Alle sind gefordert"
Küberl forderte neben staatlicher Fürsorge auch zwischenmenschliche Sensibilität bei der Armutsbekämpfung ein: Ob es Freundschaftlichkeit, Nachbarschaftlichkeit, Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Gruppen gebe, "kann nicht vom Staat gelöst werden". Alle seien gefordert, die oft versteckte Not zu sehen. Solidarität beginne dort, "wo ich neben dem eigenen Kind auch das auf der Schulbank daneben sehe. Und wo ich neben den eigenen Problemen auch jene der Nachbarn wahrnehme".
Engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pfarrcaritas würden oft dabei helfen, Berührungsängste abzubauen und den Erstkontakt zu einer der 32 Caritas-Sozialberatungsstellen in Österreich herzustellen. Im Vorjahr wurden von der Caritas insgesamt rund 42.000 Menschen betreut und 2,3 Millionen Euro an Soforthilfen ausbezahlt.
An die politisch Verantwortlichen appellierte der Caritas-Präsident einmal mehr, eine bedarfsorientierte Mindestsicherung so rasch wie möglich umzusetzen: "Der Start mit 1. Jänner 2009 muss halten. Bis dahin sind auch wichtige Details zu klären, etwa, wie die Anbindung an den Arbeitsmarkt erfolgen soll. Da bleibt keine Zeit für Streitereien".
Eine weitere Forderung des Caritas-Präsidenten zur Armutsbekämpfung: Wegen der "exorbitanten" Preissteigerungen für Essen, Wohnen und Heizen müssten die Sozialleistungen, aber auch die Familienbeihilfe, dringend um die Inflationsrate erhöht werden. (Informationen: Internet: www.statistik.at unter "Presse").