Pflege: Landau fordert "Systemwechsel"
Wien, 21.3.08 (KAP) "Ein Altern in Würde muss für alle Menschen in Österreich gesichert sein, gerade auch für die sozial Schwachen": Dies betonte der Wiener Caritasdirektor Msgr. Michael Landau angesichts der aktuellen Pflegedebatte am Freitag in einem "Kathpress"-Gespräch. Der Caritasdirektor forderte einen "verbindlichen Zeitplan" für die Erarbeitung und Umsetzung eines "österreichweiten Konzepts". Mit "gutem Willen" müssten die Pläne für ein solches Konzept bis spätestens Herbst vorliegen, sagte Landau in Richtung Politik. Aus Sicht der Caritas braucht es einen "grundsätzlichen Systemwechsel" im Bereich der Pflege. Derzeit müsse man erst zum Sozialfall werden, bevor man Unterstützung im Bereich von Pflege und Betreuung erhält. Künftig brauche es deshalb eine solidarische Finanzierung der Pflege, so Landau, der in diesem Zusammenhang die Caritas-Forderung nach einem Pflegelasten-Ausgleichsfonds analog zum Familienlasten-Ausgleichsfonds bekräftigte. Das Risiko "Pflege" müsse ebenso abgesichert werden wie die Risiken "Arbeitslosigkeit" oder "Krankheit".
Die aktuelle Regelung zur 24-Stunden-Betreuung betreffe gerade einmal fünf Prozent des gesamten Themas, betonte Landau und forderte die politisch Verantwortlichen deshalb auf, "jetzt endlich auch die restlichen 95 Prozent in Angriff zu nehmen". Das Thema sei allerdings eine derart zentrale Herausforderung für die Zukunft, dass auch die Bundesländer, die Gemeinden und Sozialversicherungsträger an einem Strang ziehen müssten. Eine gemeinsame Anstrengung sei nötig, so der Wiener Caritasdirektor.
Landau sprach auch das "Zukunftsthema" der Demenz-Kranken an: In aller Regel würden sie derzeit beim Pflegegeld zu niedrig eingestuft, weil sie körperlich noch relativ fit sind. Zweitens müssten pflegende Angehörige, die mit 80 Prozent den Löwenanteil der Pflegeleistungen tragen, deutlich entlastet werden. Drittens müssten vorhandene Lücken im System geschlossen werden, so Landau, "wenn beispielsweise jemand mehr als Hauskrankenpflege, aber weniger als eine 24-Stunden-Betreuung benötigt".
Mazal für steuerfinanziertes Modell
Im "Ö 1-Morgenjournal" am Freitag hat sich auch der Arbeits- und Sozialrechter Wolfgang Mazal für ein steuerfinanziertes Pflege-Modell ausgesprochen. Durch ein steuerfinanziertes Modell würden Menschen mit niedrigerem und mittlerem Einkommen begünstigt, so Mazal. Er plädierte für eine Umschichtung innerhalb des bestehenden Steuersystems: "Hier ist ein mittelfristiges Szenario notwendig, weil man nicht von heute auf morgen die Milliarden herbeikarren kann, ohne gravierende Verwerfungen im System zu erzeugen".
Der Sozialrechtsexperte zeigte sich überzeugt, dass auch weiterhin ein großer Teil der Pflege innerhalb der Familie erbracht werden muss: "Wenn wir nur auf öffentliche Gelder setzen, wird das unser Gesamtsystem überfordern".
Als größtes Problem sah Mazal den Bedarf an Pflegepersonal: "Uns werden Menschen fehlen, die diese Pflegeleistungen erbringen". Mittelfristig müssten alle Pflege- und Betreuungstätigkeiten verrichten. Da sei vor allem die Generation der heute Vierzigjährigen gefordert.
Pensionisten, die aus dem klassischen Erwerbsleben ausscheiden, sollten künftig noch Ältere pflegen und betreuen, so Mazal. Andererseits müssten Familien in jeder Form gefördert werden: "Es muss Teil unserer Lebensplanung sein, Verantwortung für die Generationen auch durch Pflegetätigkeit zu realisieren".
Auch beim als bereits gelöst bezeichneten Bereich der 24-Stunden-Betreuung zu Hause sah Mazal noch Defizite: Maximal ein Viertel der Rund-um-die-Uhr-Betreuten befinde sich im legalen Bereich. Das Modell der selbständigen Tätigkeit des Pflegepersonals sei nur für wenige Bereiche möglich. "Hier wird noch ein zusätzlicher Kostenschub auf uns zukommen, weil die Judikatur diese Rund-um-die-Uhr-Betreuung als Dienstverhältnis qualifizieren wird", sagte der Experte.