Schönborn zu "Euthanasie": Dinge beim Namen nennen
Rom, 3.4.08 (KAP) Barmherzigkeit ist nicht ein "vages Gefühl der 'Allerweltsliebe', sie ist konkret": Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn in der römischen Basilika San Giovanni in Laterano beim "Ersten Weltkongress der Barmherzigkeit". Der Wiener Erzbischof erinnerte an das biblische Gleichnis vom "barmherzigen Samariter". In der biblischen Erzählung tue der Samariter das, was menschlich ist: "Er ist von Mitleid tief bewegt. Er unterbricht alle seine Reisepläne und Terminverpflichtungen und sorgt sich um den Schwerverletzten". Das Gegenteil der Barmherzigkeit sei die "Herzensverhärtung", erinnerte Kardinal Schönborn. Diese "Herzensverhärtung" sei die "Ursünde" des Menschen gegenüber Gott und dem Nächsten. Nur die "scheinbar ohnmächtige" Barmherzigkeit könne - wie es der Tod Jesu am Kreuz zeigt - die Versteinerung der Herzen lösen.
Kardinal Schönborn bedauerte, dass es immer noch die "schlimme Vorstellung" gebe, der Gott des Alten Testaments sei ein zorniger Gott, der Gott des Neuen Testaments ein gütiger Gott. In Wirklichkeit sei es ganz anders: Das Alte Testament sei die "die große Schule der Barmherzigkeit Gottes". Freilich würden die Fehler benannt, alles Versagen werde bei Namen genannt. Aber gerade darin zeige sich Gottes Barmherzigkeit, die nie ohne Wahrheit sein kann: "Sie kann nur heilen, wenn sie ganz ehrlich und klar die Diagnose stellt". Das Alte Testament zeige großartig "Gottes Erbarmen mit den Sünden des Volkes". Aber die Sünden würden nicht "verharmlost" oder "bagatellisiert".
Auch das Erbarmen Christi sei nie ohne die Wahrheit, betonte der Wiener Erzbischof: "Nur wo die Sünden beim Namen genannt werden, kann die Barmherzigkeit 'greifen'". Aber erst das Vertrauen auf Gott mache es möglich, die eigenen Sünden wirklich "aus Liebe zu Gott zu bereuen".
"Euthanasie ist Mord"
Als konkretes Beispiel führte Kardinal Schönborn die Auseinandersetzung um die Euthanasie an. Es gebe zu denken, dass die Befürworter der Euthanasie das Töten eines Kranken sozusagen "beschönigen" müssen, um es zu verteidigen. Die Christen seien aufgerufen, die Dinge beim Namen zu nennen, "sie ins Licht der Wahrheit zu stellen". Wörtlich zitierte der Wiener Erzbischof das Beispiel eines befreundeten Arztes: "Wenn da Leute kommen und ihm sagen, Herr Doktor, unsere Oma leidet so, könnten Sie Ihr Leiden nicht abkürzen, mit einer kleinen Spritze - dann antwortet er: Bringt doch eure Oma selber um". Mit "einem" Wort werde dann alles klar: "Euthanasie ist Mord, auch wenn sie unter dem Mäntelchen der Barmherzigkeit versteckt wird".
Kardinal Schönborn erinnerte daran, wie zentral das Thema der göttlichen Barmherzigkeit für Johannes Paul II. war. Der Wojtyla-Papst habe in den Visionen von Sr. Faustyna Kowalska - die einfache Krakauer Ordensfrau, die im Heiligen Jahr 2000 von ihm heilig gesprochen wurde - eine "Antwort auf die unbeschreiblichen Ausmaße des Bösen im 20. Jahrhundert" gesehen. Johannes Paul II. habe ein Leben lang über das "unerschöpfliche Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit" nachgedacht. Dieses Geheimnis habe das Wirken Karol Wojtylas als Priester, Bischof und Papst geprägt. Er sei wirklich ein einzigartiger "Zeuge der Barmherzigkeit" gewesen.
Dass der Tod Johannes Pauls II. auf den Vorabend des "Sonntags der Barmherzigkeit" fiel, könne als eine Art "'Unterschrift Gottes' unter ein ganzes Lebensprogramm" verstanden werden. Es sei "schwer, ja unmöglich", so Schönborn, "in diesem Zusammentreffen nicht ein 'Zeichen des Himmels' zu sehen".
Die Aufforderung Johannes Pauls II., "Seid Zeugen der Barmherzigkeit", ausgesprochen am Ende des Weihegottesdienstes des neuen Heiligtums der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau-Lagiewniki 2002 stelle "eine Art Weisung an die ganze Kirche für diese Zeit" dar, betonte der Wiener Erzbischof. Kardinal Schönborn zitierte die Worte des Wojtyla-Papstes in seiner Predigt in Lagiewniki: "Aus der Tiefe menschlichen Leids erhebt sich auf allen Erdteilen der Ruf nach Erbarmen. Wo Hass und Rachsucht vorherrschen, wo Krieg das Leid und und den Tod schuldloser Menschen verursacht, überall dort ist die Gnade des Erbarmens notwendig, um Frieden herbeizuführen. Wo das Leben und die Würde des Menschen nicht geachtet werden, ist die erbarmende Liebe Gottes nötig, in deren Licht der unfassbare Wert jedes Menschen zum Ausdruck kommt. Wir bedürfen der Barmherzigkeit, damit jede Ungerechtigkeit in der Welt im Glanz der Wahrheit ein Ende findet".