Kirche sagt grundsätzlich "Ja" zum Ethikunterricht
Wien-Graz, 8.4.08 (KAP) Die Einführung eines Ethikunterrichts für all jene Schülerinnen und Schüler, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen, wird von kirchlicher Seite grundsätzlich begrüßt. "Selbstverständlich kann es sich eine Gesellschaft, für die wertorientiertes Handeln in herausfordernder Zeit immer mehr zu einer Überlebensfrage wird, nicht leisten, auf eine flächendeckende und systematische ethische Bildung der nächsten Generation zu verzichten", erklärte die geschäftsführende Leiterin des Interdiözesanen Amtes für Unterricht und Erziehung, Christine Mann, am Dienstag. Sie kenne allerdings den jüngsten ÖVP-Vorstoß nicht im Detail, und der angekündigte Gesetzesvorschlag sei nicht, wie in Medienberichten behauptet wurde, mit Kardinal Christoph Schönborn als dem zuständigen Referatsbischof für Schulfragen akkordiert. "Sobald uns der Text vorliegt, können und wollen wir uns kompetent und detailliert äußern", kündigte Mann.
Ein Ethikunterricht habe in einer pluralistischen Gesellschaft, in der eben nicht mehr alle Bürgerinnen und Bürger ihre ethischen Normen religiös begründen, seine Berechtigung, hob die Schulamtsleiterin hervor. "Zugleich deckt natürlich der konfessionelle Religionsunterricht in seiner Vielfalt mehr ab, als es der Ethikunterricht des weltanschaulich neutralen Staates bieten kann und darf", so Mann weiter.
Was die angekündigte Gesetzesnovelle betrifft, sei man "immer gesprächsbereit". "Wir bringen unser Knowhow und unsere Erfahrungen gerne in die Diskussion mit ein, wenngleich wir seit Jahren beharrlich festhalten, dass die Entscheidung, Ethikunterricht einzuführen, eine ausschließliche Agende des Staates ist, auch wenn wir in der Sache selbst eine klare Meinung haben", hob Mann hervor. "Wir unterstützen also grundsätzlich das Anliegen, hier für die Oberstufe Schwerpunkte zu setzen, wenngleich die Begründung, dass hauptsächlich bis ausschließlich Abmeldungen vom konfessionellen Religionsunterricht Anlass für diese Initiative sind, zu kurz greift und auch schlichtweg für Österreich so nicht stimmt."
Schule soll allen Schülern Werte vermitteln
Fritz Neugebauer hatte am Montag den Vorschlag präsentiert, dass alle Schüler, die vom Religionsunterricht abmeldet sind bzw. sich als Schüler ohne religiöses Bekenntnis nicht zum Religionsunterricht anmelden, einen "nachrangigen" Pflichtgegenstand Ethik besuchen müssen. Für Ethik als "Ersatzpflichtgegenstand" an Schulen gebe es eine Reihe guter Argumente, erklärte auch der Grazer Schulamtsleiter Christian Leibnitz am Dienstag gegenüber "Kathpress" dazu.
Leibnitz sagte, er befürworte ein Ersatzfach Ethik schon allein deswegen, weil laut dem Zielparagraphen des Schulorganisationsgesetzes der Schule die Aufgabe zukommt, die Anlagen der Jugend "nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten des Wahren, Guten und Schönen" zu entwickeln. Zudem würden Schuldirektoren "häufig einen Zusammenhang zwischen mangelnder Arbeitshaltung und dem Abmeldeverhalten der Schüler" sehen. Die Direktoren befürworteten daher nach den Worten des Grazer Schulamtsleiters, dass sich alle Schüler, auch die vom Religionsunterricht abgemeldeten, mit ethischen Fragestellungen auseinandersetzen.
Zwar zeige die Praxis, dass ein Ersatzfach Ethik sich auch positiv für den Religionsunterricht auswirke. In der Steiermark seien die Abmeldezahlen aber auch so vergleichsweise niedrig: An höheren Schulen betragen sie sieben Prozent, im Oberstufenbereich etwas über neun Prozent. Ethikunterricht als Schulversuch gibt es an 14 steirischen AHS und BHS, an acht dieser Schulen unterrichten auch Religionslehrer dieses Fach. Der Einführung eines zusätzlichen Unterrichtsgegenstandes Ethik für alle Schüler - auch für jene, die einen Religionsunterricht besuchen - steht Leibnitz ablehnend gegenüber.
Ethik-Schulversuche an 139 höheren Schulen
Insgesamt gibt es in Österreich derzeit Schulversuche zum Ethikunterreicht an 139 der insgesamt 1.065 mittleren und höheren Schulen (an den Pflichtschulen wird dieser Gegenstand nicht angeboten). Die Schulversuche starteten im Schuljahr 1997/98 zunächst in Wien und Tirol, andere Bundesländer folgten.
Für Oberösterreich hatte der Schulamtsdirektor der Diözese Linz, Karl Aufreiter, im Vorjahr mitgeteilt, die Ethik-Schulversuche hätten sich "bewährt". Pläne des Landes Oberösterreich, den Schulversuch Ethik auszuweiten, würden daher seitens der kirchlichen Schulbehörde begrüßt.
Eine Novelle zum Schulorganisationsgesetz, die Ethik als "Ersatzpflichtfach" für alle Schulen vorsehen würde, soll - so VP-Bildungssprecher Neugebauer im Ö1-"Mittagsjournal" - erst mit dem Koalitionspartner SPÖ besprochen und dann ins Parlament eingebracht werden. Im Herbst 2009 könnte der Gegenstand Teil des Lehrplanes sein, nannte die ÖVP einen "möglichen Fahrplan für die Umsetzung" der Novelle. Ein eigenständiges Lehramtsstudium für Ethik ist nach den Vorstellungen der ÖVP nicht vorzusehen; Pädagogische Hochschulen und Universitäten sollen nur eine Zusatzqualifikation zu bestehenden Fächern anbieten. Ausdrücklich befähigt zum Ethikunterricht sollen auch Religionslehrer sein.
Schulexperten der SPÖ äußerten sich am Dienstag allerdings ablehnend zu dem Bestreben, Ethik als generelles Pflichtfach einzuführen.